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"Schwarz auf Weiß": Günter Wallraff unterwegs in Deutschland

Foto: X-Verleih

Kritik an neuem Wallraff-Film "Einfach nur der Fremde"

Starjournalist Günter Wallraff will in seinem neuen Film "Schwarz auf Weiß" Rassismus in Deutschland aufdecken: Als Schwarzer mischt er sich unters Volk und bekommt Ausgrenzung zu spüren. Doch die Doku ist unter Afrodeutschen höchst umstritten - sie lehnen die Undercover-Methode ab.

Die Verdienste von Günter Wallraff sind groß. Er hat der deutschen Öffentlichkeit vorgeführt, wie Gastarbeiter hierzulande diskriminiert wurden, mit welchen Methoden die "Bild"-Zeitung arbeitete und wie Mitarbeiter in Callcentern ausgenutzt werden. Deshalb erscheint auch sein jüngstes Vorhaben als verdienstvolle Mission: "Ich will herausfinden, wie es sich als Schwarzer in Deutschland lebt."

So schreibt es Wallraff in seinem neuen Buch "Aus der schönen neuen Welt", und so setzt er es in seinem neuen Film "Schwarz auf Weiß" um, der am Donnerstag in die Kinos kommt. Er lässt sich in einer stundenlangen Prozedur von einer professionellen Maskenbildnerin zum Schwarzen schminken. Er trägt braune Kontaktlinsen und eine schwarze Perücke mit krausem Haar, dann geht er zu einem Fußballspiel in Cottbus, besucht ein Magdeburger Stadtfest und versucht, einen Stellplatz auf einem Campingplatz im Teutoburger Wald zu bekommen. Außerdem bringt er einen deutschen Schäferhund in Köln zum Hundetraining.

"Schwarz auf Weiß" zeigt ein erschreckendes Panorama des offen und verdeckt ausgelebten Rassismus. Auf Volksfesten will man die Bierbank nicht mit Wallraff teilen. Wohnungen werden ihm verweigert. "Neger" rutscht vielen problemlos von der Zunge. Unter ostdeutschen Hooligans gerät Wallraff schließlich auch körperlich in Gefahr.

Bleibt nur eine Frage offen: Wenn Wallraff herausfinden will, wie es sich als Schwarzer in Deutschland lebt - warum lässt er keine Schwarzen zu Wort kommen, die in Deutschland leben?

"Wallraff verdient auf unsere Kosten Geld"

Undercover zu recherchieren und dann das Erlebte zu schildern, ist Wallraffs Methode; berühmt wurde er damit, als er sich 1977 als Hans Esser bei der "Bild"-Zeitung einschleuste. Sechs Jahre später spielte er den türkischen Gastarbeiter Ali Levent. Doch ist die Methode auch bei seinem neuen Thema angemessen?

Die Begeisterung bei Afrodeutschen hält sich jedenfalls in Grenzen. "Wir finden die Haltung hinter Herrn Wallraffs Film sehr problematisch", sagt Tahir Della von der Initiative Schwarze Menschen in Deutschland (ISD). "Wie so oft spricht jemand für statt mit uns Schwarzen." Die Dozentin und Musikerin Noah Sow, die sich auch in der Media-Watch-Initiative "Der braune Mob" engagiert, wirft Wallraff sogar vor, letztlich "auf Kosten unserer Leiden Geld zu verdienen" - ungeachtet dessen, ob er den Rassismus "eigentlich bekämpfen will oder nicht".

Tatsächlich fällt an Wallraffs Vorgehen eines auf: Wenn er in die Obdachlosenszene eintaucht - eine weitere Episode aus der Reportagensammlung "Aus der schönen neuen Welt" -, dann lässt er auch Obdachlose zu Wort kommen. Der Softwareunternehmer Manfred, der Lkw-Fahrer Walter, der Schulabbrecher Timo: Sie alle bekommen mehrere Seiten Platz. Schwarze erhalten diesen Raum nicht.

In einer Filmepisode fasst Wallraff fahrig Erfahrungsberichte von Schwarzen zusammen, die auf deutschen Ämtern diskriminiert werden. Dann macht er sich auf, dies selbst zu erleben. Zusammen mit dem Afrodeutschen Avad erkundigt er sich nach der Jagdscheinprüfung, doch die Beamten reagieren aggressiv und verweigern ihnen schon die Auskunft über die Prüfung. Avad kommt kaum zu Wort und wird auch später nicht gefragt, was es für ihn im Alltag bedeutet, wenn ihm Staatsdiener die Arbeit verweigern. Letztlich wird der Schwarze auch von Wallraff an den Rand gedrängt.

"Das schauen und lesen leider viel zu wenige"

Dass in Deutschland die Debatte über Rassismus gegen Schwarze schon deutlich weiter ist, als sein Film suggeriert - das ist der zentrale Vorwurf gegen den Starjournalisten. So wird in dem Film die Selbstorganisation von Schwarzen in Deutschland "mit keinem Wort erwähnt", sagt ISD-Sprecher Della. "Auch wenn wir uns freuen, wenn Rassismus thematisiert wird: Das tun schwarze Gruppen in Deutschland seit über 25 Jahren."

"Im Wissenschaftsbetrieb, in der Bücherei, bei Jahresberichten von Antidiskriminierungsbüros: Überall ist Wissen über Alltagsrassismus präsent, erreichbar mit einem Klick im Internet", sagt Noah Sow. "Weiße müssen eigentlich nur aufhören, dieses Wissen zu ignorieren oder anzuzweifeln." Wallraff profitiere mit der Aufmerksamkeit für Kwami Ogonno am Ende nur davon, dass er "im rassistischen System bevorzugt wird" gegenüber "schwarzen Forschungsergebnissen, Publikationen und Erfahrungsberichten".

Längst haben Afrodeutsche ihre Geschichten auch in Filmen, Büchern und Songs verarbeitet. 2006 erschien die Dokumentation "Black Deutschland", in dem afrodeutsche Kulturschaffende über Fremd- und Selbstbilder sprechen. Die Moderatorin Mo Asumang drehte 2007 "Roots Germania", einen für den Grimme-Preis nominierten Film über die Suche nach ihren Familienwurzeln. Der Rapper Samy Deluxe veröffentlichte erst in diesem Jahr eine CD und ein Buch mit dem Titel "Dis wo ich herkomm", eine kontroverse Auseinandersetzung mit seiner Heimat Deutschland.

"Das schauen und lesen leider viel zu wenige", sagt Wallraff zu diesen Arbeiten. "Es wäre zu wünschen, wenn das eine breitere Öffentlichkeit erfahren hätte."

Ohne Jacke, meist nur mit Plastiktüte

Wallraff hat während der Recherche zu "Schwarz auf Weiß" auch den ISD kontaktiert, um Erfahrungsberichte von Schwarzen zu sammeln. Außerdem ließ er sich von dem Menschenrechtsaktivisten Mouctar Bah beraten. Als eigenständige Interviewpartner kommen aber weder Bah noch andere Schwarze vor.

"Das wäre ein anderer Film geworden", sagt Wallraff SPIEGEL ONLINE. "Wie in allen meinen Rollen geht es mir darum, eine Situation am eigenen Leib zu erfahren." Er sieht es durchaus als gerechtfertigt an, seine Undercover-Methode auch bei diesem Thema anzuwenden: "Mein Vorgehen macht den gewöhnlichen Rassismus nachvollziehbarer für Deutsche" - weiße Deutsche.

In seiner Rolle als türkischstämmiger Ali gab Wallraff vor 25 Jahren einer Gruppe eine Stimme und ein Gesicht, die damals in den deutschen Medien kaum vertreten waren. 2009 stehen Schwarze durchaus in der deutschen Öffentlichkeit, siehe Mo Asumang, Samy Deluxe und andere - doch im Berufsleben siedelt Wallraff seine Figur Kwami bewusst nicht an. "Mit der Figur des Ali wollte ich Diskriminierungen in der Arbeitswelt offen legen. Bei Kwami habe ich die Figur bewusst so gewählt, dass sie vor allem rassistische Erfahrungen im täglichen Umgang sichtbar macht."

Schichtspezifische Probleme? Fast kein Thema bei Wallraff. Ohne Jacke, nur mit einer Plastiktüte unterwegs, gibt er als Kwami Ogonno fast immer auch den wirtschaftlich Marginalisierten. Meist spricht er dann nur gebrochen Deutsch.

Dabei ist in einer Filmepisode klar zu sehen, welchen Unterschied Geld und Habitus machen können. Schick gekleidet und in akzentfreiem Deutsch parlierend, wird der schwarze Wallraff in einem edlen Düsseldorfer Uhrengeschäft so zuvorkommend wie nur irgend möglich behandelt.

Was den Menschen ausmacht

Dass Rassen- und Klassenkonflikte oft miteinander verschränkt sind, darauf hat nicht zuletzt der damalige Präsidentschaftskandidat Barack Obama in seiner Rassismusrede von 2008 hingewiesen - indem er über die "Ressentiments weißer Amerikaner" sprach, die Schwarzen den sozialen Aufstieg neiden. Man solle die Weißen dafür weder als rassistisch abstempeln noch einen Konkurrenzkampf zwischen den Gruppen anstacheln, forderte er; vielmehr müssten beide gemeinsam für mehr Chancen kämpfen.

Derlei Differenzierung schafft Wallraff nicht. Er beklagt in seinem Film vor allem, dass man als Schwarzer "immer ausschließlich über seine Hautfarbe definiert" wird; so sagt er es in einem der wenigen Kommentare. "Das, was sonst den Menschen ausmacht, ist bei einem Schwarzen Nebensache oder wird gar nicht zur Kenntnis genommen."

Für ihn selbst war es allerdings auch Nebensache. "Meist verzichte ich in meiner Rolle auf eine persönliche Geschichte", schreibt er im Buch zum Film. "Ich bin einfach nur der Fremde, der schwarze Fremde."

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