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18. Februar 2001, 14:53 Uhr

Kubrick-Dokumentation

Die weit geschlossenen Augen des Visionärs

Von Marc Hairapetian

Umjubelte Weltpremiere im Berlinale-Palast: Das akribische Filmporträt "Stanley Kubrick - A Life in Pictures" erweist sich als Raritätenfundgrube und räumt auf wohltuende Weise mit vielen Klischees auf

Der Mensch im Filmemacher: Regie-Genie Stanley Kubrick
AP

Der Mensch im Filmemacher: Regie-Genie Stanley Kubrick

"Jeder kannte Stanley Kubrick, doch wer er wirklich war, wußte niemand", sagt Matthew Modine, Hauptdarsteller aus "Full Metal Jacket", zu Beginn von Jan Harlans Dokumentation "Stanley Kubrick - A Life in Pictures". Doch nach 144 schnell verflogenen Minuten hatte man durchaus den Eindruck, auch dem Menschen im Filmemacher näher gekommen zu sein. Der Regisseur (26. 7. 1928 - 7. 3. 1999), der schon zu Lebzeiten eine Legende war und im Tod endgültig zum Mythos wurde, hat sein Privatleben niemals in die Öffentlichkeit getragen. Er gab nur äußerst selten Interviews, verabscheute Selbstdarstellung und liess vielmehr sein vielseitiges cineastisches Werk für sich sprechen. So entstanden Gerüchte über Gerüchte: "Kontrollfreak", "Schauspielerschinder", "Meister des Zynismus" und "Misanthrop" waren die üblichen Stereotypen, die man über ihn in der Presse las. Natürlich meist von Leuten verfasst, die ihm niemals persönlich begegneten.

Die erst vor wenigen Tagen fertig gestellte Dokumentation zeigt den unbestechlichen Regievisionär nun erstmals als sensibel-humorvollen Zeitgenossen und liebevollen Familienvater. Seine Witwe Christiane stellte zu diesem Zweck einzigartige Filmdokumente und Fotografien zur Verfügung. Ihr Bruder Jan Harlan, persönlicher Assistent beim nichtrealisierten "Napoleon"-Projekt und bei "Uhrwerk Orange" (1970/71) sowie ausführender Produzent von "Barry Lyndon" (1973-75) bis "Eyes Wide Shut" (1996 - 1999), geht bei der dreigeteilten Hommage chronologisch vor: Beinahe ungläubig betrachtet der Zuschauer 16mm-Schwarzweiss-Aufnahmen von Kubricks Vater Jack aus den 30er und 40er Jahren, in denen das "Wunderkind" Stanley mit seiner Schwester Barbara spielt oder eine ausgelassene Frühform des Rock'n'Roll kreiert.

Letztes Meisterwerk: Kubrick-Film "Eyes Wide Shut"
DPA

Letztes Meisterwerk: Kubrick-Film "Eyes Wide Shut"

Behutsam und detailliert werden Kubricks "Wege zum Ruhm" nachgezeichnet: von der "Sturm-und-Drang"-Zeit des ehemaligen Profischachspielers und "Look"-Bildjournalisten in der New Yorker Bronx bis zu den Jahren der Reife im freiwilligen Exil England, wo der akribische Perfektionist in ländlicher Idylle ein Meisterwerk nach dem anderen vorbereitete.

Wahre Raritätenfundgrube

"A Life in Pictures" ist eine wahre Raritätenfundgrube: Endlich bekommt man Ausschnitte des lange als verschollen gegoltenen Debüts "Fear & Desire"(1953) zu Gesicht. Der schon in jungen Jahren extrem selbstkritische Kubrick zog nach der Erstauswertung den seiner Ansicht nach "überambitionierten Antikriegs-Science-fiction" aus dem Verleih. Nachlassverwalter Jan Harlan verzichtet allerdings beim Querschnitt durch die 13 abendfüllenden Spielfilme des stets langsam und methodisch arbeitenden Multitalents, das in entscheidenden Szenen gern selbst die Kamera führte, auf sogenannte "Outtakes", "weil dies nicht im Sinn von Stanley wäre". So bleibt die damals der Schere zum Opfer gefallene Tortenschlacht im "War Room" der Weltuntergangskomödie "Dr. Seltsam oder wie ich lernte, die Bombe zu lieben" (1963) weiterhin ein wohlgehütetes Geheimnis.

Kubrick-Klassiker: "2001 - Odyssee im Weltraum"
Internationale Filmfestspiele Berlin

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Neben seiner Gattin Christiane und den drei Töchtern kommen zahlreiche Mitstreiter und Freunde Kubricks zu Wort. Die Liste reicht vom Filmarchitekten Ken Adam (Oscar 1975 für die Ausstattung von "Barry Lyndon") und der transsexuellen Komponistin Wendy Carlos ("Uhrwerk Orange", "The Shining") über Schauspieler wie Sir Peter Ustinov ("Spartacus") oder die kürzlich verstorbene Marie Windsor ("The Killing") bis zu den Regiekollegen Steven Spielberg und Martin Scorsese. Malcom McDowell, der sympathische Antiheld Alex aus der Dystopie "Uhrwerk Orange", sah in Kubrick gar eine Art Vaterfigur. Er bedauert, dass es zu keiner weiteren Zusammenarbeit kam: "Ich wollte immer ein Teil in Stanleys Leben sein. Wenn ich manchmal schlecht über ihn gesprochen habe, dann nur aus Verzweiflung, weil er sich nach dem Dreh nie wieder bei mir gemeldet hat."

"Genialster Streich in der Geschichte des Kinos"

Jack Nicholson rühmt hingegen Stanley Kubricks Warmherzigkeit, die nicht nur seinen Mitmenschen, sondern auch zahlreichen Hunden und Katzen auf dem riesigen Landsitz Childwickbury Manor galt. Seit er dort lebte, durfte auf seine Anweisung hin in den dazu gehörigen Wäldern kein Tier mehr geschossen werden. Woody Allen, den Kubrick in den 70er Jahren ernsthaft als Darsteller für die Adaption von Schnitzlers "Traumnovelle" in Erwägung zog, erklärt ein häufiges Phänomen seiner Filme: "Je häufiger man sie sieht, desto mehr gewinnen sie. Beim ersten Mal verstand ich '2001 - Odyssee im Weltraum" überhaupt nicht. Beim zweiten Betrachten gefiel er mir sehr gut und beim dritten Mal war ich so überwältigt, dass ich ihn bis heute für den genialsten Streich in der Geschichte des Kinos halte."

Stellte seine Dokumentation erst vor wenigen Tagen fertig: Kubrick-Schwager Jan Harlan
Internationale Filmfestspiele Berlin

Stellte seine Dokumentation erst vor wenigen Tagen fertig: Kubrick-Schwager Jan Harlan

Tom Cruise, der in der finalen Seelen-Odyssee "Eyes Wide Shut" seine Frau Nicole Kidman vergeblich zu betrügen versucht, führt als Erzähler durch die einzelnen Episoden. Er gesteht, dass er nicht nur den Menschen Kubrick vermisst, sondern auch das Entgegenfiebern eines nächsten Films. Eine nicht mehr stillbare Leidenschaft, die er mit einer weltweiten Fangemeinde teilt. Eine Vielzahl von Projekten bleibt also unvollendet: "Aryan Papers" nach Louis Begleys Roman "Wartime Lies" oder die Stefan-Zweig-Novelle "Angst". Das Zukunftsmärchen "A. I: Artificial Intelligence", an dem Kubrick über Jahre arbeitete, wurde dafür postum von Steven Spielberg vollendet und gelangt in diesem Sommer in die US-Kinos. Executive Producer ist Jan Harlan, der mit "Stanley Kubrick - A Life in Pictures" (deutscher Video- und DVD-Start im Herbst 2001) bewiesen hat, dass er auch als Regisseur Talent besitzt. Demnächst plane er einen britischen Fernsehfilm über junge Musiker, sagte er gegenüber SPIEGEL ONLINE.

"Ein absolut ausgeglichener Mensch"

"Stanley war ein absolut ausgeglicher Mensch, höchstens unglücklich darüber, nur eine so geringe Anzahl von Filmen realisiert zu haben.", sagt Christiane Kubrick über ihren Mann, der sich in der Stoffwahl niemals wiederholte. Am 7. März 1999, nur wenige Tage nach dem Final Cut von "Eyes Wide Shut", verstarb er völlig überraschend im Alter von 70 Jahren. In Erinnerung behalten möchte man neben dem vertrauenerweckenden, auch im zunehmenden Alter jugendlichen Klang seiner Stimme vor allem seine von wacher Intelligenz geleiteten Augen. Augen, mit denen er eigene Welten sah und die jetzt weit geschlossen sind. Augen, die uns ein unvergleichliches filmisches Vermächtnis hinterlassen haben.

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