"Kung Fu Hustle" Kick, Trick und Zack!

Schlagkräftige Action, treffsicherer Humor: Mit alten Haudegen und einer neuen Bildsprache trainiert der chinesische Star-Schauspieler Stephen Chow in "Kung Fu Hustle" das Martial-Arts-Genre für den Kampf am Box Office.
Von Daniel Haas

Die kühnsten Träume von Quentin Tarantino könnten so aussehen - oder die eines 13-Jährigen, was vermutlich auf dasselbe hinausläuft: Gewalt, Komik, Schwerelosigkeit, in Höchstgeschwindigkeit präsentiert und mit einer Story als Grundlage, die ein bisschen kitschig und sentimental ist und von Ehre, Liebe und Freundschaft erzählt - das sind die Zutaten, aus denen der Hongkong-Chinese Stephen Chow sein furioses Martial-Arts-Abenteuer mixt.

Wer "Kill Bill" gesehen hat und den einen oder anderen Jackie-Chan-Film, wer John Woo nicht für den asiatischen Imbiss um die Ecke hält und Jet Li nicht mit Jet Ski verwechselt, der wird der virtuosen Verspieltheit, dem genialen Furor von "King Fu Hustle" auf den ersten Blick verfallen. Alle anderen lassen sich einfach überrumpeln von den wahnsinnigen Choreographien, den grellen Effekten, dem pointierten Humor, den dieser Film in Szene setzt.

Die Handlung von Chows zweiter Regiearbeit nach "Shaolin Soccer", einem genial grotesken Mix aus Kung Fu und Fußball, ist denkbar simpel: Sing (Chow) will zur Axt-Gang zu gehören, einer Mafia-Truppe von Schlägern und Killern im Shanghai der vierziger Jahre. Doch die wollen den Chaoten nicht haben, was zu einer Reihe von Verwicklungen führt, die sich am Ende zu einem Krieg ausweiten: Auf der einen Seite die Schweinestallgasse, jenes nur auf den ersten Blick von harmlosen Bürgern bewohnte Viertel, in dem ein überraschend schlagfertiges Vermieterpaar (Yuen Qiu, Yuen Wah) für Ordnung sorgt. Auf der anderen Seite die Axt-Killer unter der Leitung des so grausamen wie eleganten Sum (Chan Kwok Kwan).

Der Krieg ist eigentlich ein Ballett: Kampf muss hier immer auch als Pas de deux gedacht werden, bei dem sich die Kombattanten umgarnen, umspielen und - wir befinden uns in Kung-Fu-Land - umbringen. Der Schwerkraft wird in phantastischer Weise getrotzt, und das ist buchstäblich gemeint: Das Phantastische grundiert diesen Film und macht ihn zur Kampfkunst-Fabel, zum Martial-Arts-Märchen. Ähnlich wie in Zhang Yimous Epen "Hero" und "House Of Flying Daggers" übersteigen die Bilder alle physikalischen Gesetze und ordnen sich zu Ornamenten der Körper neu. Anders als im amerikanischen Genrekino wird die Physis hier nicht zum Zweck der Überhöhung verwüstet, sondern konsequent stilisiert - und dies oft bis an die Grenze des Lächerlichen.

Diese Mischung aus extremem Stilwillen und selbstreflexivem Augenzwinkern, maximaler Artistik und feixendem Humor macht "Kung Fu Hustle" im besten Sinne zum Spektakel. Das Narrative tritt in den Hintergrund, der Schauwert feiert sich selbst. Anders als bei den hohlen Überbietungsszenarien vieler US-amerikanischer Krawall-Filme zielt der Kunstsinn hier jedoch nicht auf Ideologisches ab, sondern auf die Freude am Kinematografischen selbst. Die Bilder verweisen nicht mehr auf etwas anderes, sie sind sich selbst genug: Zeichen der kinetischen Energie, die wild und lustvoll die Leinwand erobern.

Zum Beispiel die beiden Auftragskiller, deren gefährlichste Waffe eine Art Harfe ist. Als magisches Instrument entlockt ihr der Spieler nicht nur hypnotische Klänge, sondern auch fliegende Schwerter und Dämonen. So wird aus einem Duell eine furiose Fieberphantasie, die die Akrobatik ins Surreale steigert. Die Gemetzel Tarantinos nehmen sich dagegen wie Schulhofschlägereien aus.

Choreografiert wurde das Ganze von Yuen Wo Ping, einer Martial-Arts-Legende, die auch für die Kampfszenen in "Crouching Tiger - Hidden Dragon" und "Kill Bill" verantwortlich war. Unterstützt von digitalen Tricks hat er die Körperkunst in Richtung Cartoon verschoben - nach der aufgeblasenen Theatralik der "Matrix"-Prügeleien, die Ping ebenfalls gestaltete, eine so gelungene wie notwendige Korrektur des eigenen Stils. Und der hat - wie gesagt - Schule gemacht, auch in Hollywood, wohin es viele chinesische Filmemacher nach der Rückgabe von Hongkong an China zog.

In Tinseltown haben John Woo, Jackie Chan und Jet Li Ende der neunziger Jahre dem Action-Kino Beine gemacht: Woo als Regisseur, Chan als Komiker und Li als tragischer Einzelkämpfer, der heute vor allem die Hip-Hop-Kids begeistert. Spätestens mit "Crouching Tiger - Hidden Dragon", Ang Lees gefeiertem Melodram, hat das genuin chinesische Kino ein breites Publikum in den USA und Europa erobert: Die Mischung aus hehrem Pathos, virtuoser Action und bildgewaltiger Ausstattung funktioniert über die kulturellen Grenzen hinweg.

Mit "Kung Fu Hustle" erlebt nun der Martial-Arts-Film noch mal eine Verjüngungskur, obwohl das Setting ein China der guten alten Zeit heraufbeschwört und mit Darstellern wie Yuen Qiu und Leung Siu Lung Altstars des Genres verpflichtet wurden. Der Humor jedoch, mit dem die großen Themen Verrat, Liebe und Ehre bebildert werden, ist raffiniert, selbstreflexiv und damit hoch modern. Die kriegerische Auseinandersetzung nicht als Schlagabtausch, sondern als Ballett zu bebildern, das macht diese Kung-Fu-Farce außerdem nicht nur für Tarantinos amüsant, sondern auch für Tarantinas. Einem Tänzchen jenseits des Schweren kann sich niemand verwehren.


Kung Fu Hustle

China/Hongkong 2004. Regie: Stephen Chow. Buch: Stephen Chow, Tsang Kan-cheung, Lola Huo, Chan Man-keung. Darsteller: Stephen Chow, Yuen Wah, Leung Siu-lung, Yuen Qiu, Dong Zhihua, Chiu Chi-ling. Produktion: Star Overseas. Verleih: Sony Pictures. Länge: 99 Minuten. Start: 2. Juni 2005