U-Boot-Drama "Kursk" Geschichte versenken

Blubb, blubb macht der Euro-Pudding: Das Drama "Kursk" schert sich mehr um seine internationalen Marktchancen als um das Schicksal der 118 Seemänner, die 2000 an Bord des russischen U-Boots ums Leben kamen.

Wild Bunch

Von Till Kadritzke


Bei Wladimir Putin dürfte der Brand an Bord eines Atom-U-Boots, bei dem am 1. Juli diesen Jahres 14 Marineoffiziere ums Leben kamen, ungute Erinnerungen an den August 2000 geweckt haben. Das gesunkene U-Boot Kursk und die gescheiterten Versuche, die Crew zu retten, wurden damals zu einem PR-Desaster für den frisch vereidigten Präsidenten: Erst fünf Tage nach der Katastrophe nahm er die Hilfsangebote der britischen und norwegischen Marine an. Als norwegische Taucher die Kursk erreichten, war jedoch die gesamte Besatzung schon mehrere Tage tot.

Und jetzt kommt auch noch ein Film über die Kursk ins Kino, der nicht nur seinen Finger in diese nationale Wunde legt, sondern auch noch völlig ohne kreative Beteiligung Russlands produziert wurde. "Kursk" ist vielmehr ein Paradebeispiel für das, was man manchmal abschätzig "Euro-Pudding" nennt: eine belgisch-französisch-norwegische Co-Produktion, von Luc Bessons EuropaCorp angestoßen, auf englisch gedreht, inszeniert vom dänischen Regisseur Thomas Vinterberg.

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Kastastrophenfilm "Kursk": Blockdenken und Borniertheit

Ähnlich bunt gemischt ist der Cast, über die möglichst breite Streuung von nationalen Stars sollen schließlich möglichst viele nationale Märkte erreicht werden. So spielt der Belgier Matthias Schoenarts die Hauptrolle des furchtlosen Kapitänleutnant Mikhail Averin, als seine Frau Tanya bangt Französin Léa Seydoux um das Leben ihres Gatten, der Brite Colin Firth gibt den Royal-Navy-Commodore David Russell, und als russischer Admiral an Land grübelt der Österreicher Peter Simonischek ("Toni Erdmann") über Rettungsmöglichkeiten. Für Deutschland gehen August Diehl und Matthias Schweighöfer als Besatzungsmitglieder ins Rennen.

Verzweifelnde Ehefrauen

Russisches gibt's vorwiegend auf dem Soundtrack, etwa als zu den unheilverkündenden Stimmen eines Chorals das titelgebende U-Boot ablegt und der Film sich, warum auch immer, ins breitere Cinemascope-Format ausdehnt. Das Schiff verschwindet daraufhin wie ein Wal im Meer. Nur wenig später wird es nach der Explosion eines heißgelaufenen Torpedos aufreißen und auf den Meeresgrund prallen.

Weil keines der 118 Besatzungsmitglieder die Havarie überlebte, sind die Szenen an Bord weniger rekonstruiert als ausgedacht. Der Film, der auf dem Tatsachen-Roman "A Time to Die" von Robert Moore basiert, zehrt denn auch weniger von echter Spannung als von seiner Interpretation der Geschehnisse.


"Kursk"
Belgien, Frankreich, Norwegen 2018
Regisseur: Thomas Vinterberg
Drehbuch: Robert Rodat, nach einer Geschichte von Robert Moore
Darsteller: Matthias Schoenaerts, Léa Seydoux, Peter Simonischek, Colin Firth
Verleih: Wild Bunch Germany
FSK: ab 12 Jahren
Länge: 117 Minuten
Start: 11. Juli 2019


Was allein klar ist: Ein kleiner Teil der Crew konnte sich zunächst in einen sicheren Bootsabschnitt retten und wartete dort noch einige Tage auf Rettung. Im Film tauchen Anführer Averin und seine Mannen daher nach lebensverlängernden CO2-Filtern, kämpfen gegen eindringende Wassermassen und ermuntern sich in bibbernder Kälte gegenseitig zum Durchhalten.

Weil aber "Kursk" gleichberechtigt vom Drama an Bord, der Planung von Rettungsmissionen an Land und dem Kampf der Angehörigen gegen die Desinformationsstrategien der russischen Marine erzählen will, lässt er sich auf keine Ebene so richtig ein. Anstatt etwa der Klaustrophobie an Bord ausreichend Raum zu geben, springt Vinterberg reichlich unmotiviert zwischen durchhaltenden Männern am Grund, verzweifelnden Ehefrauen mit tapferen Kindern und abwägenden Männern in den Hinterzimmern der Macht umher.

Grandios blutunterlaufene Augen

Dabei scheint jeder Gesichtsausdruck auf eine eindeutige Regieanweisung rückführbar. Und auch im Überbau stehen sich recht holzschnittartig nur die Ideologien vergangener Tage gegenüber. Rodat und Vinterberg betonen die geschwundene Stärke der ehemaligen Weltmacht Russland, die nur noch über marode Rettungsschiffe verfügt, zugleich aber noch hoffnungslos in der Logik des Kalten Krieges gefangen ist und aus Angst vor Spionage keinerlei internationale Hilfe annehmen will.

Gegen dieses überkommene Blockdenken und die technokratische Borniertheit der Russen, die kürzlich schon die HBO-Serie "Chernobyl" zum Besten gab, wird ein universaler Seemannsethos in Stellung gebracht. Er motiviert sowohl die gelebte Solidarität an Bord wie auch die selbstlosen Hilfsangebote europäischer Mächte. Entsprechend pathetisch darf abschließend denn auch Averins kleiner Sohn bei der Trauerfeier dem bösen General (Max von Sydow mit immerhin grandios blutunterlaufenen Augen in der eiskalten Visage) den Handschlag verweigern, bevor er die obligatorische Armbanduhr des toten Vaters erhält.

Im Video: Der Trailer zu "Kursk"

Wild Bunch

Regisseur Vinterberg, in den Neunzigerjahren einer der führenden Köpfe der Dogma-Bewegung, hat sich von formalen Experimenten längst verabschiedet. Sein dichtes Missbrauchsdrama "Die Jagd" nährte 2012 zumindest nochmals die Hoffnung auf einen spannenden zweiten Abschnitt seiner Karriere. Mit "Kursk" ist Vinterberg nun aber endgültig im Fahrwasser tradierter Erzählkonventionen angekommen - und scheint selbst in einem U-Boot-Katastrophenfilm nicht sonderlich daran interessiert zu sein, dieses Wasser nochmal ein bisschen aufzuwühlen.



insgesamt 6 Beiträge
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juba39 11.07.2019
1. Weder, noch
Es geht weder um die Marktchancen des Films (das natürlich auch), noch um die Besatzung der Kursk. Da sollte man schon wirklich weiter ausholen. Das Beispiel der HBO-Serie "Chernobyl" wurde schon erwähnt. Es klang ja in der Kritik auch schon die ungute Erinnerung an den Kalten Krieg an. Wenn man noch die Ausladung Putin vom D-Day, die Umschreibung der Schlacht von Kursk (was für ein Zufall!) bei "Spiegel-history" in eine grandiose Niederlage der Roten Armee gegen die Wehrmacht, die Äußerungen der design. EU-Chefin vdL nimmt, nach der man mit Russland nur von einer Position der Stärke sprechen darf. Dann kommt man auf die wahren Intentionen solcher Machwerke. Denn warum nimmt man, wenn man Emotionen und Dramatik brauch, nicht den Untergang von USS San Francisco, oder USS Thresher. Die Navy wäre doch, anders als die Russen zur Zuammenarbeit bereit. Nur mal, auf Grund der Fülle: https://de.wikipedia.org/wiki/Liste_von_U-Boot-Unglücken_seit_1945 Ich hätte sogar einen ganz brisanten Ansatz. Seit den 50igern wartet ein Dutzend US-Familien auf die geheimgehaltenen Informationen zum Verbleib ihrer Familienmitglieder (Piloten) die nicht aus der Türkei zurückkehrten. Alle "verschollen", obwohl alle Welt weiß, daß sie Spionageeinsätze gegen die UdSSR das Leben kostete.
bran_winterfell 11.07.2019
2. Ich erinnere mich noch gut...
Wladimir Putin, im khakifarbenen Polohemd, Palmen im Hintergrund braungebrannt und fröhlich am Schwarzem Meer, gar nicht daran denkend, seinen schönen Urlaub abzubrechen. Dazu wenige bis gar keine Informationen über die Sache an sich, und wenn, dann falsche, Schuld haben sollte die USA/NATO/GB etc. Ich muss zugeben, dass das mein Putin-Bild bis heute prägt.
der_Russe 12.07.2019
3. Die KURSK...
...war ein Unfall, wie er überall auf der Welt passieren kann. Schlimm jedoch ist, dass die russische Führung nix draus gelernt hat und heute noch selbstherrlicher, beratungsresistenter und arroganter ist. 118 U-Bootfahrer verloren ihr Leben - mögen sie in Frieden ruhen.
Augustusrex 12.07.2019
4. Ja, Emotionen
Zitat von juba39Es geht weder um die Marktchancen des Films (das natürlich auch), noch um die Besatzung der Kursk. Da sollte man schon wirklich weiter ausholen. Das Beispiel der HBO-Serie "Chernobyl" wurde schon erwähnt. Es klang ja in der Kritik auch schon die ungute Erinnerung an den Kalten Krieg an. Wenn man noch die Ausladung Putin vom D-Day, die Umschreibung der Schlacht von Kursk (was für ein Zufall!) bei "Spiegel-history" in eine grandiose Niederlage der Roten Armee gegen die Wehrmacht, die Äußerungen der design. EU-Chefin vdL nimmt, nach der man mit Russland nur von einer Position der Stärke sprechen darf. Dann kommt man auf die wahren Intentionen solcher Machwerke. Denn warum nimmt man, wenn man Emotionen und Dramatik brauch, nicht den Untergang von USS San Francisco, oder USS Thresher. Die Navy wäre doch, anders als die Russen zur Zuammenarbeit bereit. Nur mal, auf Grund der Fülle: https://de.wikipedia.org/wiki/Liste_von_U-Boot-Unglücken_seit_1945 Ich hätte sogar einen ganz brisanten Ansatz. Seit den 50igern wartet ein Dutzend US-Familien auf die geheimgehaltenen Informationen zum Verbleib ihrer Familienmitglieder (Piloten) die nicht aus der Türkei zurückkehrten. Alle "verschollen", obwohl alle Welt weiß, daß sie Spionageeinsätze gegen die UdSSR das Leben kostete.
müssen nicht sein. Übrigens, das Unglück mit der Tresher wurde zumindest in der Literatur verarbeitet. Und es führte dazu, dass in den USA DSRV, also Deep Submergence Rescue Vehicel entwickelt wurden. Tauchfahrzeuge, welche eingesetzt werden um ein gesunkenes UBoot erreichen zu können. Im Falle der Kursk verfügte die Russische Flotte über mindestens zwei solcher Fahrzeuge aus eigener Produktion. Das Problem war nur, dass die so verrottet waren, dass sie nicht einsetzbar waren. Klar hätte man auch eines von etwa 12 UBoot Unglücken der US Navy nehmen können, oder eines von etwa 25 Unglücken der Sowjet- bzw. Russischen Marine. Da liegen noch einige Boote mit Nuklearantrieb bzw. Nuklearer Bewaffnung auf dem Grund. Das Unglück mit der Kursk war allerdings so ziemlich das Einzige, welches sehr stark in den Medien vertreten war, unter anderem auch wegen der russischen Behauptungen, dass ein amerikanisches oder britisches UBoot die "Kursk" gerammt und damit versenkt hätte. Richtig interessant und bedrückend war aber die Unfähigkeit der russischen Marine, ihren Kameraden zu Hilfe zu kommen. Das nahm fast groteske Züge an, als die norwegischen Rettungstaucher feststellen mussten, dass kein Schraubenschlüssel zum Öffnen der Notluke von außen verfügbar war, sie also erst selbst einen anfertigen mussten. Also was wollen Sie? Wieder einmal die westliche Verschwörung gegen das liebe Russland nachzuweisen versuchen, oder was sonst?
hman2 12.07.2019
5.
Zitat von juba39Es geht weder um die Marktchancen des Films (das natürlich auch), noch um die Besatzung der Kursk. Da sollte man schon wirklich weiter ausholen. Das Beispiel der HBO-Serie "Chernobyl" wurde schon erwähnt. Es klang ja in der Kritik auch schon die ungute Erinnerung an den Kalten Krieg an. Wenn man noch die Ausladung Putin vom D-Day, die Umschreibung der Schlacht von Kursk (was für ein Zufall!) bei "Spiegel-history" in eine grandiose Niederlage der Roten Armee gegen die Wehrmacht, die Äußerungen der design. EU-Chefin vdL nimmt, nach der man mit Russland nur von einer Position der Stärke sprechen darf. Dann kommt man auf die wahren Intentionen solcher Machwerke. Denn warum nimmt man, wenn man Emotionen und Dramatik brauch, nicht den Untergang von USS San Francisco, oder USS Thresher. Die Navy wäre doch, anders als die Russen zur Zuammenarbeit bereit. Nur mal, auf Grund der Fülle: https://de.wikipedia.org/wiki/Liste_von_U-Boot-Unglücken_seit_1945 Ich hätte sogar einen ganz brisanten Ansatz. Seit den 50igern wartet ein Dutzend US-Familien auf die geheimgehaltenen Informationen zum Verbleib ihrer Familienmitglieder (Piloten) die nicht aus der Türkei zurückkehrten. Alle "verschollen", obwohl alle Welt weiß, daß sie Spionageeinsätze gegen die UdSSR das Leben kostete.
Ähem, weil es weder um die Thresher noch um die San Francisco geht? Das wären schlichtweg Themenverfehlungen. Es sei denn, es wäre nur um "Irgendwas mit U-Booten" gegangen. Und dass die Navy zur Zusammenarbeit bereit wäre, wissen Sie ebenso wenig wie dass die Russen es nicht waren. Gut möglich, dass die noch nocht einmal gefragt wurden.
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