Film über Kurt Cobain Extrem laut und unglaublich nah

21 Jahre nach dem Tod des Nirvana-Stars kommt der Dokumentarfilm "Cobain: Montage of Heck" ins Kino - und zeigt, wie aus dem Jungen aus Seattle der letzte große Rock'n'Roller werden konnte.

Die Bühne wirkt viel zu groß für den jungen Mann, der sich spaßeshalber im Rollstuhl zum Mikrofon schieben lässt. Vor ihm brüllen 50.000 Menschen im Chor, es klingt bedrohlich. Dann beginnt der Bass zu bollern, der Schlagzeuger drischt drauflos, Kurt Cobain spielt das erste Gitarrenriff, und das Inferno bricht aus.

Im August 1992 traten Nirvana als Headliner des Reading Festivals auf, und die Aufnahmen rufen in Erinnerung, warum die Legendenbildung um die Band schon zu Lebzeiten Kurt Cobains in vollem Gange war. 21 Jahre nach dem Suizid Cobains ist die Masse an Biografien, TV-Specials, Interviews, Bildbänden und Dokumentarfilmen unüberschaubar geworden. Doch Regisseur Brett Morgen ist mit "Cobain: Montage of Heck" - der Titel bezieht sich auf eine frühe Tape-Collage - mehr als eine weitere Fußnote zum Mythos Cobain gelungen. Seine Doku ist einer der berührendsten und filmisch innovativsten Musikfilme seit Langem.

Die Voraussetzungen waren allerdings auch besonders günstig, denn Morgen ist der erste Regisseur, der umfassenden Zugang zum Nachlass gewährt bekommen hat. Frances Bean Cobain, die Tochter von Kurt Cobain und Courtney Love, hat den Film produziert, und für sie habe er ihn letztendlich gemacht, erzählt Brett Morgen im Interview. Ihre Mitarbeit habe die Türen geöffnet, die anderen Regisseuren bislang verschlossen geblieben seien.

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"Cobain: Montage of Heck": Lust am lebenshungrigen Krach

Foto: Youri Lenquette

Im Zentrum stehen nicht die überraschend offenherzigen Interviews mit den Eltern, der Schwester und der Ex-Freundin Cobains. "Meine Idee war es, Kurt Cobain seine Geschichte selbst erzählen zu lassen, durch seine Kunst", so Morgen. Wie schon für "Crossfire Hurricane", seinen noch vergleichsweise konventionellen Film über die Rolling Stones, betrieb Morgen für "Montage of Heck" exzessive Archivarbeit und wühlte sich durch Massen an Gemälden und Zeichnungen, Tagebucheinträgen, Filmmaterial, Soundcollagen, Demotapes und Kurzgeschichten - Cobain habe eine der "detailliertesten und umfassendsten visuellen und akustischen Autobiografien hinterlassen, die ich je gesehen habe".

Halbnackt im Apartmentzimmer

Nun ist die Geschichte, die der Film erzählt, bekannt: die unglückliche Kindheit in der Kleinstadt Aberdeen, als Jugendlicher Punkrock und den Underground von Seattle entdeckt, der Durchbruch 1991 mit "Smells like Teen Spirit", die Beziehung zu Courtney Love, die Geburt der Tochter, dann der rapide Absturz, Heroinsucht, der erste Suizidversuch, der frühe Tod mit 27.

Trotzdem entwickeln diese atemlosen Bildfolgen eine ungeheure Intensität. "Cobain: Montage of Heck" ist ein vor Ideen überbordender Film, und die meisten gehen wunderbar auf. Die Jugend Kurt Cobains etwa wird als filmische Graphic Novel erzählt, unterlegt mit dem eigentlich totgenudelten Riff aus "Smells Like Teen Spirit", gespielt von einem Streicherensemble. Zeichnungen und Tagebucheinträge werden in Bewegung gesetzt und mit brachial laut abgemischten Songs unterlegt. Das Resultat ist ein schnell getaktetes Dauerfeuer, das auf die größtmögliche Emotionalisierung des Zuschauers zielt.

Auch ursprünglich nicht für die Öffentlichkeit bestimmte home videos der Familie hat Morgen ausgegraben. Man sieht einen jungen, der Welt zugewandten Kurt Cobain, der im Alter von zwei Jahren beginnt, Musik zu machen und seine Umgebung mit Faxen zu unterhalten. Unterlegt sind diese Bilder mit der auf einem Kinderxylophon gespielten Melodie von "All Apologies" von "In Utero", dem letzten zu Lebzeiten Cobains erschienenen Nirvana-Album. So kündigt sich am Anfang bereits das unausweichliche Ende an, und die Wahrnehmung, dass man hier einem Menschen beim Sterben zusieht, verlässt einen während der gesamten zweieinviertel Stunden Laufzeit nicht mehr.

Offensiv distanzlos verfährt Morgen, wenn er weitgehend unkommentiert selbstgedrehte Videos des Ehepaars Cobain zeigt, das halbnackt in einem Apartmentzimmer versumpft. Die Frage, ob man diese Bilder zeigen sollte, drängt sich auf, denn der Film versetzt den Zuschauer immer wieder in die Position des Voyeurs. Wenn Cobain kurz vor Schluss mit halb geschlossenen Augen versucht, seine Tochter im Arm zu halten, kann man es sich als Zuschauer aussuchen: Entweder war der Mann in diesem Moment schlicht übermüdet oder umfassend bedröhnt.

Überraschenderweise ist "Cobain: Montage of Heck" trotz allem nicht sonderlich deprimierend ausgefallen. Über weite Strecken zelebriert Brett Morgen Cobains Songs und die Lust am lebenshungrigen Krach. Die zahlreichen Konzertmitschnitte aus der Frühzeit erinnern daran, was für eine großartige Liveband Nirvana waren. Der Film lässt spürbar werden, warum dieser unscheinbare Junge in rasender Geschwindigkeit zum bis auf Weiteres letzten großen Rock'n'Roll-Mythos werden konnte. Und er schafft das Wunderwerk, dass man die Musik Nirvanas nach dem Sehen dieses Films wieder hören kann, als wäre es das erste Mal.

Filmtrailer: "Cobain: Montage of Heck"

Cobain: Montage of Heck

USA 2015

Drehbuch und Regie: Brett Morgen

Mit: Kurt Cobain, Courtney Love, David Grohl, Krist Novoselic

Produktion: Public Road Productions

Verleih: Arts Alliance

Länge: 132 Minuten

Start: 9. April 2015

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