Kurzfilmtage Oberhausen Neustart im Netz

Cannes findet in diesem Jahr nicht statt, Corona bringt aber andere Festivals auf neue Ideen: Die Kurzfilmtage Oberhausen starten jetzt im Netz zum Flatrate schauen. Beginnt hier eine neue digitale Filmfestival-Ära?
Homepage der Kurzfilmtage Oberhausen

Homepage der Kurzfilmtage Oberhausen

Rote Preisaufkleber pflastern die Website der Internationalen Kurzfilmtage Oberhausen . Discounter-Zustände bei einem der wichtigsten Kurzfilmfestivals der Welt? In jedem Fall Ausnahmezustand: Mit ihrer 66. Ausgabe müssen die Kurzfilmtage, die am Mittwochabend starten, erstmalig komplett ins Netz umziehen. Nicht freiwillig, weil Corona-bedingt, aber erstaunlich freudig. "Ich habe das als einen sehr befreienden Prozess empfunden", sagt Festivalleiter Lars Henrik Gass über die Komplettdigitalisierung. "Es ist überfällig, dass Filmfestivals ihr Selbstbild und ihren Auftrag überprüfen."

Gass ist für solche Statements bekannt. Er schreibt regelmäßig zu filmpolitischen Themen (hier auch bei Spiegel.de), hat ein Buch zu "Film und Kunst nach dem Kino" geschrieben und eröffnet jede Ausgabe der Kurzfilmtage mit einer stets versiert schlecht gelaunten Grundsatzrede zum Zustand der Branche - so auch 2020, diesmal allerdings als Livestream, dafür umsonst.

Lars Henrik Gass

Lars Henrik Gass

Foto: Roland Weihrauch/ picture alliance/ dpa

Der Rest des Festivals steckt hinter einer Bezahlschranke: Für pauschal 9,99 Euro ist das über 350 Filme plus Gespräche und Präsentationen umfassende Programm gestaffelt verfügbar. Jeden Tag, vom 13. bis 18. Mai, wird eine neue Sparte für 48 Stunden freigeschaltet - vom Internationalen Wettbewerb über den Preis für das beste Musikvideo bis zum Länderschwerpunkt Portugal. "Das ist unser Versuch, etwas von der Dynamik und Dringlichkeit des physischen Festivals ins Internet zu überführen", sagt Gass.

"Vom Markt zur Marke"

Zu den Experimenten gehört auch, dass bei allen Programmen das Geoblocking ausgeschaltet ist, also potenziell ein globales Publikum zuschauen kann. Für Festivals, zu denen sich auch vor Corona nur ein Bruchteil der Branche die Reise erlauben konnte, sind das furiose Aussichten. "Vom Markt zur Marke" nennt Gass diese Entwicklung: Von der ortsgebundenen Veranstaltung zum cinephilen Label mit globaler Strahlkraft.

Wie das funktionieren könnte, probiert gerade auch Cannes aus – notgedrungen. In diesem Jahr wird es weder eine physische noch eine digitale Ausgabe geben. Stattdessen wird Festivalleiter Thierry Frémaux demnächst eine Liste von ursprünglich ausgewählten Filmen veröffentlichen, die die Kennzeichnung "Cannes 2020" tragen dürfen. Knapper als auf sechs Buchstaben und vier Zahlen kann ein Festival nicht schrumpfen.

Während Frémaux fürs nächste Jahr auf eine Rückkehr zu alten Strukturen hofft, sieht Gass Oberhausen im dauerhaften Umbruch begriffen. "Wir werden sehr genau prüfen, was unbedingt vor Ort bleiben muss und was womöglich dauerhaft online bleibt. So wird das Festival auch 2021 noch mal ganz anders als bisher aussehen."

Das Fernsehen zieht sich zurück

So viel Verkündung von Aufbruchsstimmung verdeckt fast, dass Oberhausen in diesem Jahr auch einen Rückschlag erlitten hat: Der TV-Sender 3sat hat angekündigt, nach über 20 Jahren als Medienpartner auszusteigen, seinen Förderpreis zu streichen und auch die jährliche Sendung mit Kurzfilmen aus dem Programm der Kurzfilmtage einzustellen.

"Ich finde es einen Skandal, wie sich die öffentlich-rechtlichen Sender ihrer kulturellen Verantwortung entziehen. Im Falle des Kurzfilms ist es darüber hinaus ein Zeichen von Ignoranz und Phantasielosigkeit", hatte etwa Regisseur Edgar Reitz die Entscheidung von 3sat kritisiert. In einem Offenen Brief forderten 13 Filmverbände den Intendanten des ZDF Thomas Belluth auf, sich für die Förderung des Kurzfilms im öffentlich-rechtlichen Rundfunk einzusetzen und die Medienpartnerschaft fortzuführen.

Noch steht eine Antwort aus, doch der Schwebezustand ist symptomatisch. Denn einerseits ist der Kurzfilm wie kaum eine Filmgattung sonst fürs Netz geeignet: Nicht nur entspricht er mit seiner Knappheit den Sehgewohnheiten besonders jüngerer Zuschauerinnen und Zuschauer, er ist im Gegensatz zu abendfüllenden Spielfilmen auch viel weniger Restriktionen unterworfen, was die Auswertungsfenster betrifft.

Andererseits bröckelt die Unterstützung der Sender immer stärker. Abgesehen vom Magazin "Kurzschluss" auf Arte gibt es im deutschen Fernsehen keinen regulären Sendeplatz mehr für Kurzfilme. "Letztlich kommt es darauf an, wie die Verantwortlichen Kurzfilme abgespeichert haben – als das, was vor dem Hauptfilm läuft, oder als Kunstform, die sowohl im Netz und im linearen Fernsehen als auch im Kunstverein funktioniert", sagt Maike Mia Höhne.

Nach zwölf Jahren als Leiterin der Berlinale-Sektion Shorts steht Höhne seit 2019 dem Kurzfilmfestival Hamburg vor. Im Gegensatz zu Oberhausen kann das Festival nur in deutlich reduzierter Version und erst viel später im Jahr stattfinden: Aus sechs Tagen im Juni sind vier im November geworden.

Für Höhne ist der größte Missstand, dass in Deutschland die Ressourcen für Kurzfilminteressierte fehlen: "In Dänemark kaufen die Büchereien in Zusammenarbeit mit der Filmförderung Kurzfilmpakete ein und machen sie digital verfügbar", sagt Höhne. "In Frankreich sind sowohl staatliche, als auch private Fernsehsender viel stärker in Produktion und Ankauf von Kurzfilmen eingebunden, für die sie sich dann engagieren. Da hinkt Deutschland auf allen Ebenen hinterher."

Sie fordert neben mehr Sendeplätzen für Kurzfilme bei ARD und ZDF eine Plattform, die ähnlich wie die Initiative "Vision Kino" Nachwuchsbildung betreibt und Kurzfilme zum Beispiel für den Schulunterricht zugänglich macht.

Als reinen Förderfall sieht Höhne den Kurzfilm allerdings auch nicht. Ihrer Erfahrung nach erreichen besonders Kurz-Dokumentationen ein überraschend großes Publikum: "Unterschätzt das kommerzielle Potenzial von Kurzfilmen nicht!" Auch deshalb warte sie auf die Abrufzahlen von Oberhausen. Es könnte sein, dass auch hier Zukunft geschrieben wird.

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