KZ-Drama "Die Fälscher" Das Sterben der Anderen

Ein KZ-Drama ohne Helden und handelsübliche Holocaust-Emblematik: In "Die Fälscher" erzählt Stefan Ruzowitzky von einer Gruppe Gefangener, die für die Nazis Dollar und Pfundnoten drucken, und zeichnet dabei trocken die Ökonomie des Überlebens nach.

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Wie erträgt der Mensch das Überleben, wenn um ihn herum ohne Unterlass gestorben wird? Die alles bestimmende Frage, die jeden Film prägt, der auch nur eine Szene lang in einem Konzentrationslager spielt, entwächst in diesem Holocaust-Krimi aus einem Szenario, das man für unhaltbar hielte, wäre es nicht historisch verbürgt: In den letzten Kriegsjahren unterhielten die Nazis im KZ Sachsenhausen eine Fälscherwerkstatt, um mit den dort gedruckten Pfund- und Dollar-Blüten die Wirtschaft der Alliierten zu infiltrieren. Die Häftlinge – jüdische Bankangestellte, kommunistische Widerstandskämpfer, einfache Kriminelle – erhielten Vergünstigungen und wurden in der Hoffnung gehalten, der Vernichtung zu entgehen.

Regisseur Stefan Ruzowitzky ist mutig genug, aus der Sicht dieser privilegierten KZ-Insassen zu erzählen: Die Tötungsmaschinerie der Nazis dringt hier nur als dumpfer Hall in die vergleichsweise gepflegten Baracken. Man genießt den Luxus von sanitären Anlagen, in der Freizeit darf Tischtennis gespielt werden, dann und wann gibt’s sogar Zigaretten. Das Sterben der Anderen ist jedoch trotzdem in jedem Moment präsent: Ständig sind bellende Hunde zu hören, martialisch gebrüllte Anweisungen und Exekutionen. Wer von den Fälschern immer noch die Realität leugnen will, muss nur einen Blick ins Innere seiner Anzugjacke werfen, wo der Name des Vorbesitzers steht, der längst in einem der Vernichtungslager ermordet worden ist.

Das moralische Dilemma: Unterstützt man in der Hoffnung auf das eigene Überleben den Blütenkrieg der Nazis und hält so auch deren Vernichtungsapparatur am Laufen – oder sabotiert man die Aktion und nimmt den sicheren Tod des gesamten Teams in Kauf? Kommunist Adolf Burger (August Diehl) – auf dessen Erinnerungen "Des Teufels Werkstatt" der Film basiert – plädiert für Widerstand. Der passionierte Blütenzauberer Salomon Sorowitsch (Karl Markovics) indes, ein Jude russischer Herkunft, der sich vor dem Krieg in der Berliner Halbwelt einen Namen gemacht hat, sieht die Sache nüchtern: "Lieber morgen als heute erschossen werden."

Ein Schlitzohr im Zentrum

Der Film wird aus der Perspektive Solowitschs erzählt, dieses Lebenskünstlers und lässigen Sachverwalters der eigenen Unversehrtheit. Sein Pragmatismus gibt über weite Strecken den lakonischen Tonfall vor. Jeder Schuss, der über den Bretterzaun hallt, spornt ihn an, noch besser und genauer zu arbeiten. Außerdem, so absurd das anmutet, liebt der Fälscher seinen Job.

Ein Schlitzohr ins Zentrum eines KZ-Dramas zu stellen, in dem die Gräuel des Genozid in wenn auch unmissverständlicher, so doch gedämpfter Form in Szene gesetzt werden, ist ein zeituntypisches Unterfangen. Galt der Völkermord aus guten Gründen über Dekaden für das Kino als unabbildbar, so probten Regisseure in den letzten Jahren immer dezidierter seine filmische Nachstellung – von Volker Schlöndorff, der in "Der neunte Tag" schroffen Eso-Schauer samt Kreuzigungsszene verbreitete, bis zu Tim Blake Nelson und der wohl explizitesten Darstellung der Vernichtungsmaschinerie in seinem aschgrauen Albtraum "The Grey Zone".

Dass Ruzowitzky seine Holocaust-Annäherung nun gleichsam als Variation eines Ganovenfilms anlegt, mag erstmal wie ein riskanter cineastischer Coup wirken. Doch in der Unterwanderung der starren Völkermord-Emblematik setzt der Blütenkrimi dann vielleicht doch mehr Erkenntnisse frei über die Um- und Entwertung menschlichen Lebens als manch andere themenverwandte Arbeiten.

Glücksritter des Grauens

Ruzowitzky ist auf jeden Fall ein kühler Genre-Einverleiber. Mit "Die Siebtelbauern" erweckte der Österreicher 1998 den Heimatfilm zu neuem Leben, und mit der deutsch-amerikanischen Ko-Produktion "Die Männer ihrer Majestät" versuchte er das alte, irgendwie vergessene Genre der Kriegskomödie aufzuwärmen und ließ dafür britische Spione während des Zweiten Weltkriegs im Fummel die Reichshauptstadt auskundschaften: Billy Wilders "Manche mögen’s heiß" unterm Hakenkreuz.

Auch für seinen neuen Film scheint insgeheim ein weiterer Wilder-Klassiker Pate gestanden zu haben. So erinnert der sture Glücksritter Sorowitsch ungemein an den von William Holden gespielten Kriegsgefangenen in "Stalag 17": Beide ordnen sich mit vordergründigem Zynismus der Tausch-, Waren-, und Währungslogik ihrer Umgebung unter.

Doch kann man ein Kriegsgefangenencamp mit einem KZ gleichsetzen? Wohl kaum. Als wolle er sich nicht dem Vorwurf aussetzen, zu verspielt mit dem Sujet umzugehen, schützt sich Ruzowitzky mit einigen formalistischen Winkelzügen. So hat er die Lagerszenen für die ganz schlichten Gemüter unter den Zuschauern weitgehend in Grau-Tönen gehalten, als sei mit den humanistischen Grundwerten auch die Farbe aus dieser Welt entwichen. Ein Standardkniff im Genre des KZ-Films.

Topmanager der Todesfabrik

In seinen schlechteren Momenten bleibt "Die Fälscher" deshalb auch bloße Behauptung, die sich pauschal auf die Entmenschlichung des Ortes und der Zeit bezieht, ohne die komplexen psychosozialen Verstrickungen der Hauptfigur nachzuzeichnen. In seinen vielen besseren Momenten aber bringt der Film trocken die Ökonomie des Überlebens auf den Punkt.

Dazu trägt auch das exzellente Ensemble-Spiel bei. Wo in anderen NS-Dramen die immer gleichen Nazi-Pappkameraden aufmarschieren und Hitlerdeutsch nachplappern, bringt hier der großartige Devid Striesow als SS-Mann mit abgründiger Beiläufigkeit die verbrecherische Struktur des Dritten Reichs auf den Punkt. Der Mann gibt sich nicht als scharfer Hund, sondern als weltgewandter Handelsreisender. Dabei gelingt es Darsteller Striesow, die verinnerlichte menschenverachtende Tauschwertlogik mit erschreckend heutiger Sprechweise zu entlarven. So offenbart sich in "Die Fälscher" auf eine im deutschen Kino bislang ungesehene Weise die ungeheuerliche Banalität des NS-Terrors: Jede Todesfabrik bedarf eines Topmanagers, der sie leitet.



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