Shootingstar und Regisseur Ladj Ly Soll doch Macron zu ihm kommen

Mit seinem Regiedebüt "Die Wütenden" über die unhaltbaren Zustände in der Banlieue hat Ladj Ly bereits die französische Filmbranche aufgemischt. Jetzt sind die Oscars dran.
Regisseur Ladj Ly: "Mein Film ist ein absolutes Alarmsignal"

Regisseur Ladj Ly: "Mein Film ist ein absolutes Alarmsignal"

Foto: Joel Saget/ AFP

Stéphane ist in Montfermeil eigentlich ein Fremder. Gerade geschieden, ist der weiße Polizist seiner Ex-Frau hinterher gezogen, um dem gemeinsamen Sohn weiter nahe zu sein. Clichy-Montfermeil, das ist nicht irgendein Stadtteil von Paris, sondern eher schon eine Diagnose: Nirgendwo sonst in den Pariser Banlieues tobten die gewaltsamen Proteste so heftig wie hier, nirgendwo scheitert der französische Staat so sehr wie hier.

Eine andere Perspektive wagt Regisseur Ladj Ly in seinem Debütfilm "Die Wütenden - Les misérables." Er zeigt Solidarität, Würde und Gerechtigkeit inmitten der scheinbar unzumutbaren Zustände von Montfermeil, und er zeigt sie durch Stéphanes Geschichte (Damien Bonnard). Dieser wird zur örtlichen Polizeieinheit für Verbrechensbekämpfung versetzt, mit seinen Kollegen Chris (Alexis Manenti) und Gwada (Djibril Zonga) soll er die Betonschluchten sicherer machen.

Schnell versteht Stéphane, dass die Polizei hier nur ein Akteur unter vielen ist, schon seit Jahrzehnten ohne Gewaltmonopol. Wer in Montfermeil überleben will, muss sich im Beziehungsgeflecht von Banden, Ethnien und Familien arrangieren. Eruptionen der Gewalt werden gegeneinander aufgewogen, Schulden und Gegenschulden verrechnet. Das gilt auch für die Cops Stéphane, Chris und Gwada, wenn sie ganz zivil im Jogginganzug auf Patrouille gehen. In einem Stadtteil, in dem die Menschen schon immer nach ihren eigenen Regeln gelebt haben, ist street credibility die einzige harte Währung, und die Polizisten müssen sie genauso anhäufen wie alle anderen auch.

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Die Wütenden

Foto: Alamode

Was genau die Handlung von "Die Wütenden" vorantreibt, ist fast zweitrangig, da hier alles Funken schlagen und Lunten zum Brennen bringen kann. Nur soviel: Es geht unter anderem um ein gestohlenes Löwenbaby und eine fulminante Flucht vor der Polizei durch die Betonlabyrinthe der Cité. Als der juvenile Mob das Trio der Ordnungshüter einkesselt, feuert Gwada seine Flash-Ball-Pistole ab und verletzt einen Jungen lebensgefährlich am Kopf. Wut, die erst zu Hass und dann zu Gewalt führt, wird in den Straßen Montfermeils spürbar. Denn die Tat der Polizisten wurde gefilmt, von einer Drohne.

Das ist insofern autobiographisch, als Ly selbst im Jahr 2008 zufällig einen brutalen Polizeieinsatz filmte, der sogar zur Verurteilung einiger Beamter führte. Auch kennt er Rassismus, Benachteiligung, Ohnmacht - und das Gefängnissystem. Zwei Jahre saß Ly ein, verurteilt wegen Komplizenschaft in einem Fall von Kidnapping. "Mein Film ist ein absolutes Alarmsignal. Ich erzähle ich meine eigene Geschichte und ja, sie handelt von Problemvierteln, Gewalt und sozialer Not", sagt Ly.

Ladj Ly beim Europäischen Filmpreis, wo sein Film als Entdeckung des Jahres ausgezeichnet wurde

Ladj Ly beim Europäischen Filmpreis, wo sein Film als Entdeckung des Jahres ausgezeichnet wurde

Foto:

Clemens Bilan / Getty Images

Der 40-Jährige ist in Montfermeil aufgewachsen und lebt noch heute dort. Sein Handwerk lernte Ly auf der Straße und hat es stets geteilt: 1994 initiierte er zusammen mit seinen Schulfreunden Kim Chapiron, Toumani Sangaré und Romain Gavras in Montfermeil das Künstlerkollektiv Kourtrajmé. Darin versuchen Regisseure und Künstler, Jugendlichen im Quartier mittels Film, Musik und Street Art eine eigene Stimme zu geben. "Mitmenschlichkeit und Solidarität liegen in der Banlieue quasi auf der Straße, es muss sich nur jemand darum kümmern", sagt Ly. "Mir war es wichtig, die Leute aus dem Viertel einzubinden. Ein Film wie 'Die Wütenden' kann nur als Gemeinschaftsprojekt funktionieren."

Zahlreiche seiner über die Jahre entstandenen Kurzfilme legen davon Zeugnis ab. 2007 drehte er "365 jours à Clichy-Montfermeil" und wurde gemeinsam mit dem Fotokünstler JR zum Chronisten der damaligen Unruhen. Mit dem 16-Minüter "Les misérables", auf dem sein jetziges Langfilmdebüt basiert, wurde Ly 2018 für einen César nominiert. Die drei Hauptdarsteller Bonnard, Zonga und Manenti waren schon damals dabei.

Filminfo "Die Wütenden - Les misérables"

"Die Wütenden - Les misérables"
Frankreich 2019
Regie: Ladj Ly
Buch: Ladj Ly, Giordano Gederlini, Alexis Manenti
Darstellende: Damien Bonnard, Alexis Manenti, Djebril Didier Zonga, Issa Perica
Produktion: Srab Films, Rectangle Productions, Lyly Films et al.
Verleih: Wild Bunch Germany
Länge: 104 Minuten
Start: 23. Januar 2020

Der Originaltitel des Films zielt auf Victor Hugos Roman "Die Elenden" ab. Der Bezug zu dem Revolutionsepos bleibt zunächst vage. In den furiosen Anfangsszenen des Films schwappt ein Fahnenmeer aus blau, weiß, rot über die Champs-Elysée. Doch es sind keine Aufständischen, die sie schwenken, sondern begeisterte Fußball-Fans, die den Weltmeistertitel der französischen Mannschaft 2018 feiern. Kurz vor dem Abspann von "Die Wütenden" macht dann ein Zitat von Hugo die Gemeinsamkeiten klar: Hugo hatte seine Erzählung von 1862 ebenfalls in Montfermeil angesiedelt, schon damals war es der Inbegriff von sozialer Not und Verwahrlosung. "Merkt Euch, Freunde!", schrieb Hugo. "Es gibt weder Unkraut noch schlechte Menschen. Es gibt bloß schlechte Gärtner."

Von Schuldzuweisungen hält "Die Wütenden" indes nichts. Vielmehr gelingt es Ly, dem herrschenden politischen System sein Versagen in ungeahnter Heftigkeit vor Augen zu führen. Denn dass der Film die skandalösen Zustände im Banlieue als etwas Normales, ja Selbstverständliches zeigt und in einen mitreißenden Thriller umwandelt, macht das Urteil umso vernichtender. Die fehlende Sentimentalität löst beim Zuschauen mehr Wut aus, als es ein bloßes Anprangern je könnte. "Wir brauchen dringend eine neue politische Debatte. Deshalb habe ich 'Die Wütenden' gemacht“, sagt Ly. 

Ein Anliegen, für das er zunehmend Gehör findet. Nach dem Erfolg in Cannes, wo Ly den Jury-Preis gewann, lud Präsident Emmanuel Macron ihn ein, "Die Wütenden" im Elysée-Palast zu zeigen. Doch Ly lehnte dankend ab. Macron müsse schon nach Montfermeil kommen und sich den Film dort anschauen. Dass Ly damit dem Staatsoberhaupt trotz aller Wut die Hand zum Dialog reichte, beweist Lys Haltung als durch und durch politischer Filmemacher

Umso bemerkenswerter ist es, dass "Die Wütenden" weiterhin regelrecht mit Preisen überhäuft wird, bis hin zur Nominierung für den neu getauften Oscar für den besten internationalen Film. Ly ist der erste schwarze Regisseur in Frankreich, dessen Film für die begehrte Trophäe eingereicht wurde. Doch viel Glamour steht für Ly nicht zur Debatte, er möchte konkrete Veränderungen in seinem Viertel erreichen. "Über 150 Jahre später haben wir hier noch genau dieselben Probleme wie in Victor Hugos Roman. Und 'La haine' von Mathieu Kassovitz ist auch schon mehr als 25 Jahre alt, aber getan hat sich kaum etwas. Eine ganze Generation ist daran kaputt gegangen."

"Hass - La haine" - das war 1995 eine Erweckung des französischen Kinos. Mitten in den prosperierenden Neunzigerjahren traf dieser Film wie ein Faustschlag ins Gesicht der saturierten französischen Filmszene und machte Vincent Cassel und Mathieu Kassovitz über Nacht berühmt. Das triste Porträt dreier Freunde in einer Vorstadt von Paris war zu drängend, zu fatal und zu unaffektiert, um ignoriert zu werden.

Kassovitz kehrte in seinen späteren Arbeiten nie wieder zu den Themen von "Hass" zurück. Ly arbeitete sich dagegen schon 1995 im Stillen an den Banlieues ab und ließ nie von dem Thema ab. Sein jetziger Erfolg lässt sich deshalb auch nur als das Ergebnis eines jahrzehntelangen Engagements verstehen. 2018 lancierte Ly bereits eine Filmschule in Clichy-Montfermeil. Es ist die erste in der Banlieue. Und sein nächstes Projekt steht auch schon fest: Er wird "Die Wütenden" fortsetzen. Natürlich im selben Setting, mit den selben Menschen.