Landgeschichten Landgeschichten: "Bedrängnis im Mai" - Ruhige, eindringliche Bilder

Pappeln, die gefällt werden, rohe Eier, die zerbrechen - Nuri Bilge Ceylan erzählt einfache Geschichten mit wunderschönen Bildern.

Von Nataly Bleuel


Vierzig Tage lang soll der kleine Ali ein rohes Ei mit sich tragen, ohne dass es zu Bruch geht. Dann wird er sie bekommen, die heiß ersehnte Plastik-Musik-Uhr, die Lambada piepst. Um den 30. Tag herum drückt ihm eine Frau in dem anatolischen Dorf einen Korb voller Tomaten in die Hand, den möge er zu seiner Nachbarin bringen. Eine Tomate plumpst auf den Boden, Ali bückt sich und das Ei kracht und glibbert. Alle Hoffnung fällt aus dem Gesicht des Kindes und durch seinen Tritt kullern die zornesroten Tomaten den Hügel hinunter.

Der alte Emin hegt ein Stück Land wie einen Augapfel. Doch sein ganzer Stolz sind die Pappeln - und was Wald ist, wird der Staat konfiszieren. Daher fällen die Leute die Bäume, um das Land zu behalten. Das Frühlings-Licht glitzert durch die Blätter und bricht sich in den warmen Augen des Alten. Die Vögel zwitschern.

Saffet schuftet in einer Fabrik, er will in die Stadt, nach Istanbul. In zwei Monaten verdient er so viel Geld wie eine einzige Filmspule kostet. Sein Cousin Muzaffer ist Filmemacher, er möchte das Leben seiner Eltern und die Stimmung des Ortes aufnehmen. Bilder wie Fotografien, still, langsam, unaufgeregt – wie gedimmt. Tschechowsche Atmosphäre.

"Bedrängnis im Mai" ist ein Film über die Kindheit, die Gesichter echter Menschen und über das Filmemachen als Abbildung der Natur. Die kleinen Dinge beschäftigen den Regisseur Nuri Bilge Ceylan, der in seinem Heimatdorf drehte - mit seinen Eltern als Eltern, mit Laien statt Mimen. Es ist eine Liebeserklärung an Einfachkeit, Natürlichkeit und eine Wirklichkeit aus einer anderen, sehr langsamen Zeit. Kein Drama, keine große Geschichte, kaum Musik, keine schnellen Schnitte, keine grelle Optik – und doch das Gefühl, als säße man mittendrin, auf der Wiese, als könnte man ein Teil sein von dieser Welt.

Es wirkt, als ob ein Regisseur zu den Anfängen des Filmemachens zurückgekehrt wäre. Überraschend ist, dass die wahrhaftige Zeitreise nicht sentimental, kitschig oder peinlich wird. "Bedrängnis im Mai" ist durchflutet von einer liebevollen, selbstironischen Nostalgie und deren Augenmerk ist das Licht in den Blättern, eine krabbelnde Schildkröte oder das Brechen eines Eies. Hätte der Filmemacher die erste Hälfte im gleichen Rhythmus geschnitten wie den Rest der sanften Reminiszenz, dann wäre der Film wohl zügig genug geworden, um ein breiteres Publikum zu halten. "Bedrängnis im Mai" wird man in Programmkinos suchen müssen. Das ist Schade, denn die Ruhe in so viel verfilmtem Sturm, ja, die Ruhe tut einfach gut.

"Bedrängnis im Mai", Türkei 2000, Regie, Buch, Kamera und Schnitt: Nuri Bilge Ceylan, Darsteller: M. Emin Ceylan, Muzaffer Özdemir, Fatma Ceylan, M. Emin Toprak, Muhammed Zimbaoglu, Sadik Incesu, Länge: 130 Minuten



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