"Lara" mit Corinna Harfouch Was hat sie bloß so ruiniert?

Sieben Jahre nach seinem Überraschungserfolg "Oh Boy" legt Jan-Ole Gerster nun "Lara" nach. Es ist ein episodenhaftes Porträt einer kaltherzigen Frau geworden - und kann in keiner Tonalität überzeugen.

Studiocanal

Von Ekkehard Knörer


Titelfigur ist im neuen Film von Jan-Ole Gerster eine unausstehliche Frau. Es ist Lara Jenkins' 60. Geburtstag, sie ist in Berlin unterwegs und zieht, was sie offenbar ihr Leben lang getan hat, durch die Stadt und die Beziehungen, die sie hat, eine Schneise der Verwüstung. Oder vielleicht eher der Vereisung. Mitgefühl, Nähe, Wärme: nichts davon strahlt diese Frau aus, Corinna Harfouch spielt das fast ohne Regungen, mehr als ein Zucken des Munds ist kaum einmal drin. Falls sie ein Herz hat, wird man annehmen dürfen: es ist aus Stein, und es zuckt nicht.

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"Lara": Kein Grund zum Gönnen

Der Tag, über den Gerster sie begleitet, beginnt mit Laras Entschluss, aus dem Fenster zu springen. Der Stuhl steht schon am Sims, da klingelt es an der Tür. Polizeibeamte sind es, sie brauchen sie als Zeugin einer Wohnungsdurchsuchung im anonymen Haus, in dem sie wohnt. Sie sei doch auch Beamtin gewesen. Lara lässt sich bequatschen, folgt den beiden, als wäre es ihre Pflicht - aber offenkundig fehlt eben auch die letzte Entschlossenheit zum Sprung.

Lara war nicht bei der Polizei; das erfahren wir später, als sie ihre Arbeitsstelle in der Stadtverwaltung noch einmal besucht. Vereisungsschneise auch hier: Sie wurde als Chefin gefürchtet. Dass sie nun, nach dem Abschied, einer früheren Kollegin das Du anbietet, erfreut diese nicht, sondern verstört sie.

"Lara" ist ein episodischer Film, auf den ersten Blick ganz ähnlich wie "Oh Boy", das Debüt, mit dem sich Regisseur Jan-Ole Gerster einen Namen gemacht hat. Da ließ er einen jungen Mann ohne rechtes Ziel durch den Prenzlauer Berg trudeln, holte viele Klischees der Gegenwart ab und tauchte sie in ein Schwarz-Weiß, dessen Veredelungsfirnis dem Geschehen die letzte Leichtigkeit nahm.

Das Drehbuch zu "Lara" hat Gerster nun nicht verfasst, dessen Autor ist der Slowene Blaz Kutin, ein ziemlich unbeschriebenes Blatt. Man sieht aber sofort, was Gerster an dieser Geschichte gereizt hat: eine Dramaturgie, die mehr auf Begegnungen als auf einen Plotzusammenhang setzt.


"Lara"
Deutschland 2019

Regie: Jan-Ole Gerster
Drehbuch: Blaz Kutin
Darsteller: Corinna Harfouch, Tom Schilling, André Jung, Volkmar Kleinert, Rainer Bock, Edin Hasanovic, Mala Emde
Produktion: Schiwago Film
Verleih: StudioCanal Deutschland
Länge: 98 Minuten
FSK: ohne Altersbeschränkung
Start: 7. November 2019


Mehr noch als in "Oh Boy" ist die Beiläufigkeit des Geschehens in "Lara" aber nur Schein. Das Beiläufige soll auf keineswegs Beiläufiges deuten, Stück für Stück wird dann doch ein Puzzle zusammengesetzt, an dem weniger das Puzzleteil interessiert als das Ganze. Nichts steht für sich. Alles ist auf die Protagonistin zentriert. Was immer geschieht, lässt das Drehbuch um Laras Willen geschehen: Man soll begreifen, was sie zu der gemacht hat, die sie ist.

Es dienen dazu Begegnungen aller Art, mit den Kolleginnen, mit der Mutter und vor allem mit dem Mann, der, so scheint es ihr und womöglich dem Film, ihr Leben zerstört hat. Am Ende ist die Erklärung, auf die alles hinausläuft, in ihrer psychologischen Plattheit beinahe komisch.

Wobei ohnehin nie ganz klar ist, wie ernst das alles gemeint ist - nicht zu sehr, will man hoffen, aber auch dann wäre der Ton in vielen Szenen seltsam verrutscht. Ein Nachbar (André Jung), der Lara aufs Rührendste anhimmelt, wird vom Film eher als traurige Gestalt porträtiert, ja fast denunziert. Und dann erst Victor, der Sohn, den Tom Schilling als das geradezu lachhafte Klischee des empfindsamen Künstlers gibt.

Er ist Pianist, dessen Ambition aber über das Spielen hinausreicht. Er hat ein Konzert für Klavier und Orchester komponiert, das just am Geburtstag der Mutter seine Premiere erlebt. Sie kauft sämtliche noch verfügbaren Karten für das Konzert, und ihr Versuch, diese unter die Leute zu bringen, ist der Faden, an dem entlang die Episoden des Films gereiht sind. Am Nachmittag vor dem Konzert kommt es, gegen den Willen des Sohns, noch zu einer Begegnung. Dabei spricht die Mutter ein Urteil über die Komposition ihres Sohnes, das diesen in seinen tiefsten Selbstzweifeln bestärkt.

Im Video: Der Trailer zu "Lara"

Studiocanal

Einerseits ist das, vom Ende her, überdeutlich lesbar: Sie will ihm antun, was ihr angetan wurde. Und von solchen Überdeutlichkeiten wimmelt es im Film. Andererseits bleibt die Hauptfigur dadurch so eindimensional, wie Corinna Harfouch sie konsequenterweise auch spielt.

Eine Tragödie wird das so nicht. Auf Komödie will es ebensowenig hinaus. Und irgendwo dazwischen bleibt der ganze Film auf der Strecke.



insgesamt 7 Beiträge
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atzeholzschuh 06.11.2019
1. Ein schöner Film...
über das Zweifeln und die damit verbundenen Konsequenzen. Ich denke nicht, dass sie ihrem Sohn das "antun will, was ihr angetan wurde". Das wäre tatsächlich zu "eindimensional".
romualdo 08.11.2019
2. Wirklich niederträchtig?
Im Voraus: Der Grund für Laras Selbstaufgabe bzw. Scheitern scheint mir ein bisschen konstruiert – das ist m.E. aber auch der einzige schwache Punkt im Film. Ich habe den gesamten Ablauf, Szene für Szene, genossen und manche Parallele zu Selbst-Erlebtem ziehen können… Der dickliche Junge, der lieber mit dem Smartphone spielt als auf der Klaviertastatur gehört wirklich nicht in den Musikunterricht. Die Mutter, die ihrer Tochter am Geburtstag mit so unglaublicher Lieblosigkeit begegnet, hat die schallende Ohrfeige mehr als verdient usw. usf. Für mich läuft der ganze Film auf das "furiose" Erstlingswerk des Sohnemanns hinaus. Es ist, wie Lara zu Recht bemerkt, sehr "musikantisch" angelegt und findet – was zu erwarten war – die gewünschte breite Anerkennung. So ist es nun einmal im Kulturbetrieb – und im wirklichen Leben – es regiert der nivelierte Einheitsgeschmack, durch Internet und Smartphone unendlich potenziert. Schleife für Schleife wird durchmessen, aber es gibt keine Aufwärtsbewegung mehr. Wer das nicht akzeptieren will, isoliert sich und verbittert…
joernthein 09.11.2019
3. Ab ins Kino.
Ich liebe Corinna Harfouch für die Darstellung der spröden Verletzlichkeit in ihren Rollen. Lieber Herr Knörer, sie liefern mit ihrer Kritik, einen veritablen Veriss
joernthein 09.11.2019
4. .. doch,
nachdem ich auch die Kritik von Anke Sternburg in der SZ (08.11) gelesen habe, heißt es, ab ins Kino!
romualdo 10.11.2019
5.
Zitat von joerntheinnachdem ich auch die Kritik von Anke Sternburg in der SZ (08.11) gelesen habe, heißt es, ab ins Kino!
Hilfreich ist auch der Beitrag in der FAZ vom 6.11. und vor allem das Interview mit Corinna Harfouch auf Radio Eins am 9.11. Beide betonen die Ambivalenz der Handlung und sind frei von der Schwarz-Weiss-Malerei in den übrigen Medien.
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