Deutscher Hörfilmpreis Darum quatscht da diese Frau rein

Kennen Sie das? Zufällig verzappen Sie sich, und plötzlich erzählt eine Frauenstimme, was da auf dem Fernsehbildschirm zu sehen ist. Hörfilme vertonen für Blinde und Sehbehinderte das rein Sichtbare - eröffnen aber auch Sehenden neue Welten. Eine Reise in ein Reich der Finsternis.

dapd

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Es kann ganz schön anstrengend sein, zwei Stunden lang an die Decke zu starren. Oder die Augen zu schließen, während man hellwach ist. Man kann auch in den Nebenraum gehen und bügeln, aber die Versuchung bleibt. Die Versuchung, einen Blick zu riskieren auf den Film, der da gerade läuft. Doch man darf nicht hingucken.

Wer beurteilen will, ob eine sogenannte Audiodeskription eines Films, die speziell für Blinde und Sehbehinderte hergestellt worden ist, gelungen ist, muss so tun, als sehe er nichts. Und während er sich mehr und mehr danach sehnt, auch nur ein winziges bisschen sehen zu können, bekommt er eine Ahnung, was es heißt, blind zu sein. Doch wer es schafft, ganz Ohr zu sein, kann vor seinem inneren Auge ganz eigene Bilder sehen.

Zum vierten Mal bin ich Mitglied der Jury des Hörfilmpreises, der am 27. März vom Deutschen Blinden- und Sehbehindertenverband (DBSV) vergeben wird. Seit 2002 zeichnet der DBSV herausragende Produktionen aus. In diesem Jahr sind unter den Nominierten sowohl Fernsehstücke wie der Berliner Tatort "Mauerpark" als auch Kinofilme wie "The King's Speech" (Senator) oder Hitchcocks Klassiker "Psycho", den Arte mit einer Audiodeskription versehen hat.

In Deutschland leben laut WHO etwa 1,2 Millionen Menschen, die blind sind oder so stark sehbehindert, dass sie auch mit Brille oder Kontaktlinsen über weniger als ein Drittel der normalen Sehkraft verfügen. Seit 1993 werden für diese Menschen Hörfilmfassungen erstellt: auf einer zusätzlichen Tonspur werden die Figuren eines Films und die Welten, in denen sie sich bewegen, beschrieben.

Die Audiodeskription eines Spielfilms kostet rund 5000 Euro, 2010 entstanden in Deutschland rund 130 Hörfilmfassungen. Finanziert wurden sie von öffentlich-rechtlichen Fernsehsendern, von manchen Filmproduktionsfirmen und -verleihern wie Majestic oder auch von Spendern. Der Hörfilmpreis, der an diesem Dienstag zum zehnten Mal in Berlin verliehen wird, soll auch den Sehenden die Bedeutung von Audiodeskriptionen bewusst machen.

Was sagt der Trenchcoat über einen Filmcharakter aus?

Ich bin selbst so kurzsichtig, dass ich mir ohne Brille beim morgendlichen Blick in den Spiegel durchaus vorstellen könnte, wie George Clooney auszusehen. Oder wie Angela Merkel. Die Jury setzt sich zusammen aus Menschen, die von Geburt an blind sind; aus Menschen, die ihr Augenlicht verloren oder zurückgewonnen haben; sowie aus Normalsichtigen und aus Leuten wie mir, die hoffen, dass sie ihr geringes Sehvermögen möglichst lange behalten.

Wenn man sich also die Frage stellt, für wen Hörfilmfassungen wirklich hergestellt werden, kann die Antwort nur lauten: für uns alle. Wir werden, statistisch gesehen, immer älter, sollten uns aber besser nicht darauf verlassen, dass unsere Augen bis zum Ende mithalten können. Wer Geld in eine Audiodeskription steckt, investiert in seine eigene Zukunft.

Dass es Hörfilmfassungen gibt, erfuhr ich vor ein paar Jahren rein zufällig. Ich zappte mich eines Abends durch die Fernsehprogramme und blieb bei einem "Tatort" hängen. Auf einmal mischte sich eine weibliche Stimme ins Geschehen ein und sagte, dass der blonde Mann Mitte 30 einen Trenchcoat trägt. Besten Dank, sehe ich doch, dachte ich. Dann wurde mir klar, dass ich in eine Hörfilmfassung geraten war.

Ich fing an nachzudenken: Was sagt es eigentlich über den Mann aus, dass er blonde Haare hat? Auch im Western trägt der Böse doch schon seit langem keinen schwarzen Hut mehr. Und was ist so wichtig an dem Trenchcoat? Wäre er ein anderer Charakter, wenn er eine Lederjacke trüge? Fragen eines Sehenden.

Gewaltige Komplexitätsreduktion

Blinde oder Sehbehinderte dagegen müssen sich in einem Film erst einmal orientieren. Sie müssen den Blonden von dem Dunkelhaarigen unterscheiden, der eventuell auch noch mit im Raum steht. Und vielleicht erzählt der Trenchcoat ganz nebenbei, dass es nicht ein glühend heißer Sommertag oder ein bitterkalter Wintertag ist. Die Jury-Sitzungen sind immer auch culture clashs, zwei Wahrnehmungskulturen prallen aufeinander.

Die Sehenden wollen immer etwas zu viel, wohl auch deshalb, weil sie doch ab und zu heimlich auf den Bildschirm linsen und sehen, was da so alles passiert. Die Blinden und Sehbehinderten sind dagegen eher pragmatisch: Eine Figur braucht einen Namen, und zwar sofort, es kann nicht sein, dass eine Frau zehn Minuten lang die "Rothaarige" genannt wird und dann erst rauskommt, dass sie Schulz heißt. Schulz hat überdies auch nur eine Silbe, drei weniger als die Rothaarige, das geht schneller, die gewonnene Zeit kann man nutzen für andere Informationen.

Tatsächlich wird einem bei der Beschäftigung mit Audiodeskriptionen bewusst, wie viele Informationen Filmbilder enthalten. Die sogenannten Filmbeschreiber (oft machen das Teams aus Sehenden und Sehbehinderten) stehen zunächst einmal vor der Aufgabe einer gewaltigen Komplexitätsreduktion, bei der nach und nach das Wesentliche eines Bildes oder einer Szene herausgefiltert werden muss: das, was man braucht, um der Handlung folgen zu können.

Das ist eine äußerst mühsame Schürfarbeit. Besonders schwierig wird es, wenn ein Film sehr dialogreich, sehr schnell und darüber hinaus noch sehr komplex ist. Wohin mit dem Text, etwa bei Dominik Grafs TV-Serie "Im Angesicht des Verbrechens", die im letzten Jahr nominiert war? Man will einen Film ja nicht komplett zuquatschen, die Dialoge müssen ohnehin freistehen.

Vorsichtiges Tasten nach Bildern

Jedes Wort ist bei einer Audiodeskription kostbar; deshalb muss es sorgsam gewählt sein. Im Laufe der Jahre fiel mir auf, dass ein Wort besonders oft Verwendung findet: beklommen. Ständig schaut jemand beklommen. Seltsam, ich benutze dieses Wort in meinen Texten so gut wie nie, und ich beschreibe in meinen Kritiken oft Szenen. Schaut da jemand nicht eher bedrückt, betroffen oder bestürzt? Oder sogar ratlos?

Das Wort "beklommen" ist dagegen etwas diffuser, und wahrscheinlich genau deshalb wird es in Audiodeskriptionen so oft verwendet. Denn was genau sagt ein Gesicht? Und wie bringt man für jemanden, der nicht sehen kann, einen Gesichtsausdruck, der grundsätzlich etwas Uneindeutiges hat, auf den Begriff? Man muss interpretieren, aber jede Interpretation reduziert natürlich auch die Reichhaltigkeit der visuellen Welt.

Filmbeschreiber sind die Augen der Blinden und Sehbehinderten. Sie wählen aus, sie weisen den Weg, aber sie sollten den Zuhörer nicht ständig bei der Hand nehmen, als könnte er nicht selber gehen. Dieser Weg durch die Finsternis, den wir jedes Jahr gemeinsam zurücklegen in der Jury, dieses vorsichtiges Tasten nach Bildern, ist stets aufs Neue aufregend. Jeder ertastet andere Bilder, ein von Geburt an Blinder hat ein anderes Referenzsystem als ein Normalsichtiger.

Für uns Sehende ist es eine erstaunliche Erfahrung zu spüren, wie in der Dunkelheit die Sinne geschärft werden, wie man auf einmal lernt, mit ganz anderen Ohren zu hören, bis uns ein einziges Geräusch sehr viel über eine Stadt und das Timbre einer Stimme sehr viel über einen Menschen erzählt. Und wenn man die Augen dann wieder öffnet, hat man begriffen, dass der stärkste Projektor letzlich unsere Phantasie ist.

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