"Last Samurai" Eine Farce der Ehre

Tom Cruise im Japan des 19. Jahrhunderts: Wenn Hollywood sich fremden Kulturen widmet, kommt meistens grober Holzschnitt dabei heraus. So auch in Edward Zwicks Helden-Epos "Last Samurai". Statt sich an historischen Tatsachen zu orientieren, wird verkitscht, verklärt und vereinfacht.

Von Oliver Hüttmann


Cruise in "Last Samurai": "Wie General Custer"
Warner Bros.

Cruise in "Last Samurai": "Wie General Custer"

Hollywood ist ein universeller Ort. Menschen fast aller Nationen und Kulturen arbeiten hier an der kommerziellen Versöhnung der Welt unter dem größten gemeinsamen Nenner: dem Gefühl. Liebe, Tragik, Krieg sind niemandem und nirgendwo fremd. Immer schon hat sich diese Emotionsmaschinerie dafür aus vergangenen Zeiten und fernen Traditionen gespeist, deren Kanten abgeschliffen und sie global verständlich geformt. So kommt es, dass einem Robin Hood, Neo und Hobbits wie Amerikaner erscheinen. Und wann immer Hollywood einen Amerikaner in andere Länder entsendet, kommt er bekehrt heim. Doch wo sich das Filmmekka als Botschafter geriert, empfinden andere es als Bedrohung.

Edward Zwicks "Last Samurai" ist dafür ein Paradebeispiel. Sein historisches Epos spielt im Japan von 1876. Er schildert eine Phase des Umbruchs, als westlicher Fortschritt auf die alten japanischen Werte prallte. Dieser Aufprall ist hier wörtlich zu nehmen: Samurai treten gegen Soldaten an, Klingen treffen auf Karabiner. Denn Zwick ist nicht daran gelegen, das Für und Wider eines kulturellen Austausches oder gesellschaftlicher Entwicklungen aufzuzeigen. Es geht ihm allein um den Kämpfer. Um Kampftechniken. Um den Vergleich eines ungleichen Kampfes, den Zwick letztlich als klassischen Hollywood-Heldenmut bebildert.

Schlachtszene in "Last Samurai": Samurai gegen Soldaten
Warner Bros.

Schlachtszene in "Last Samurai": Samurai gegen Soldaten

Dafür braucht man eine gebrochene Figur, die im Konflikt verschiedener Auffassungen zu sich selbst findet. In "Last Samurai" ist es Tom Cruise als Captain Nathan Algren, Veteran des amerikanischen Bürgerkrieges, den es nach einem Massaker an der Indianerbevölkerung seelisch umgehauen hat. Darüber ist er zum Säufer und Jahrmarktsclown geworden, der den Städtern an der Ostküste von den glorreichen Kämpfen der Kavallerie im Wilden Westen erzählt. Mit deren militärtechnischer Überlegenheit soll Algren nun eine moderne Armee für den japanischen Kaiser aufbauen. Denn Gewehre und Kanonen sollen die Samurai und ihre Schwerter ersetzen, die sich mit Gewalt dagegen wehren. Deren Anführer Katsumoto (Ken Watanabe) glaubt die genuinen japanischen Traditionen bedroht und will die angestammten Umgangsformen bewahren. Tatsächlich ist es natürlich ein politischer Machtkampf.

Zwick - und damit auch Algren - aber scheren sich darum wenig. Sie sehen die Samurai als Lichtgestalten, das Reine, eine edle Kriegerkaste, um die sich Legenden der Tapferkeit und Loyalität ranken. Im ersten Gefecht von Algrens japanischen Truppen tauchen die berittenen Schwertkämpfer aus dichtem Nebel auf wie verwunschene Gestalten. Die Soldaten werden niedergemetzelt, nur Algren wird gefangen genommen.

Antagonisten Katsumoto (Ken Watanabe) und Algren (T. Cruise): Verklärende Philosophie
Warner Bros.

Antagonisten Katsumoto (Ken Watanabe) und Algren (T. Cruise): Verklärende Philosophie

Katsumoto ist von der unbändigen Gegenwehr des Fremden angetan. Der verwundete Algren wird ins Dorf der Samurai gebracht und gesund gepflegt. Die Frauen sind still und unterwürfig, die Männer üben sich im Kampf, selbst die Jungen dreschen mit Stöcken auf sich ein. Abends sitzen alle auf einem mit Fackeln erhellten Platz und verfolgen ein Theaterstück. Spätestens als in dieser archaischen Idylle ein Reiter mit gespannten Bogen durchs Bild prescht, ist klar: Bei den Samurai hat Algren seine neuen Indianer gefunden - eine weitere aussterbende Art, der er sich hingibt, um so seine Schuldgefühle zu überwinden. Und damit beginnt eine Farce der Ehre.

Der Samurai kämpft Mann gegen Mann. Gegenüber der uniformen Übermacht einer Armee, die auf schierer Feuerkraft basiert, symbolisiert er damit das würdevolle Individuum. Dass die Samurai nicht nur hart mit sich selbst, sondern auch mit anderen umsprangen, sie ebenso Diener wie Unterdrücker als Glied einer strengen Hierarchie waren, kommt hier nicht zum Ausdruck. Zwick hat zu viele Bücher über die verklärende Philosophie der Samurai gelesen, von Yin und Yang und Kendo, statt sich an historischen Tatsachen zu orientieren. Das ist, als betrachte man die Geschichte der Kirche nur durch die Bibel.

Kämpfer Cruise: Durchsetzungskraft statt Ausdruckskraft
Warner Bros.

Kämpfer Cruise: Durchsetzungskraft statt Ausdruckskraft

So sind denn auch die Beispiele einfach schön effektiv. Am Anfang torkelt Algren in seiner Galauniform auf die Bühne und schießt über die Köpfe des erschrockenen Publikums hinweg mit einer Winchester auf Lampen. Denn mit einer solchen Waffe und aus der Distanz kann sich jeder stark fühlen. Das ist feige, wer will da widersprechen. Und am Ende galoppieren die Samurai mit erhobenen Schwertern dem Kugelhagel aus Maschinengewehren entgegen. Das ist dumm, wird aber als ehrenvolle Verzweiflungstat gefeiert. Lieber sterben, als sich unterjochen lassen, so funktionieren alle Heldenlieder auf der ganzen Welt. "Wie General Custer", sagt Katsamuto vorher zu Algren. Und das ist Unsinn.

Dazwischen lässt Zwick keinen Spielraum. Der Berater des Kaiser ist korrupt und zeigt schon mit seinem gezwirbelten Bart einen westlichten Stil. Die Samurai, einst erhabene, respektierte Persönlichkeiten, werden in den Straßen von Soldaten gedemütigt wie einst die Juden von der Gestapo. Das ist schon ekelhaft dick aufgetragen. Um so überraschter ist man von der stummen Liebe zwischen Algren und der jungen Japanerin Taka, deren Mann er zuvor im Zweikampf getötet hatte. Lange Blicke heben langsam das Misstrauen auf. Sogar Tom Cruise, in diesen Szenen mal seiner Bewegung beraubt, meistert diesen Moment einfühlsam.

Liebespaar Algren, Taka (Koykui, l.): Stumme Annäherung
Warner Bros.

Liebespaar Algren, Taka (Koykui, l.): Stumme Annäherung

Ansonsten verfügt er wieder einmal nicht über Ausdruckskraft, sondern Durchsetzungsvermögen. Und das kommt in den sicherlich beeindruckend gefilmten Schlachten, die sich durchaus mit der Brachialität der Gemetzel in Mel Gibsons "Braveheart" messen können, zur Geltung. Auch eine Sequenz, in der Ninjas nachts das Dorf überfallen, als auf engstem Raum gefochten und gestochen wird, ist überragend inszeniert. Wie ein wildes Tier schlägt Cruise um sich, und es kann schon imponieren, wie er sich verausgabt. "Er wird besser, oder?", sagt ein Samurai, der ihn bei Schwertübungen beobachtet. Und ein anderer antwortet: "Aber er ist immer noch hässlich."

Am Ende der Schlacht bittet Katsumoto Algren, ihm beim Sepukko zu helfen, dem ehrvollen Freitod durch den Dolch. Algren jedoch, der sich selbst schon als Samurai begreift, scheut davor zurück. Last man standing. Das ist Hollywood, nicht Japan.


Last Samurai (The Last Samurai)


USA 2003. Regie: Edward Zwick. Drehbuch: John Logan, Edward Zwick, Marshall Herskovitz. Darsteller: Tom Cruise, Timothy Spall, Ken Watanabe, Billy Connolly, Hiroyuki Sanada, Koyuki, Shun Sagata. Produktion: Warner Bros., Radar Pictures, Cruise-Wagner Pictures, Bedford Falls Company. Verleih: Warner Bros.. Länge: 144 Minuten. Start: 8. Januar 2004



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