Le film, c'est moi Regisseure zwischen Wahn und Wirklichkeit

Ob in Hollywood oder Europa: Regisseure gelten noch immer als die schöpferischen Gottheiten der Filmindustrie. Dabei sind sie oft nur Kaiser ohne Kleider, die sich mit fremden Federn schmücken...

Von Rüdiger Sturm


Regisseur Coppola: Hauspfändung als Schauermär
AFP

Regisseur Coppola: Hauspfändung als Schauermär

"Stars und Regisseure sind wie Könige und alle anderen nur Hofstaat." Jeffrey Boam wusste, wovon er sprach. Schließlich durfte er bis zu seinem Tod im letzten Jahr als Drehbuchautor ("Indiana Jones und der letzte Kreuzzug") Frondienste leisten. In der gesamten westlichen Hemisphäre ist die Monarchie jedoch nur noch hohler Pomp und Popanz. Warum also nicht auch im Showbiz? Sind Stars und Regisseure tatsächlich ausschlaggebend für die Qualität eines Films?

Bei den Megamimen wie Cruise, Hanks oder Roberts ist das Bild klar. Die kassieren ihr Cash eher fürs Charisma, weniger für ihre darstellerischen Fähigkeiten. Doch wie steht's mit den Regisseuren, den Säulenheiligen der Filmtheorie? Dass sie die Herrscher des Kinos sind, das lehren uns Rezensionen und Lexika von jeher. Wir finden die Botschaft auch auf die Leinwand gemalt: "Ein Film von..."

Aber von wem eigentlich? Als man den Drehbuchautor Ernest Lehman fragte, was er bei den Dreharbeiten zu "Der unsichtbare Dritte" verloren habe, schoss er zurück: "Hitchcock dreht doch schließlich meinen Film!" Aber natürlich ist es bequem, ein Werk des Kinos einer bestimmten Person zuzuschreiben, schon allein aus formalen Gründen. Was liest sich leichter? "Der neue Film von David Fincher" oder "Der neue Film von Regisseur David Fincher, Autor Jim Uhls nach dem Buch von Chuck Palahniuk, Produzent Art Linson"?

Coppola-Film "Apocalypse Now": Produzent Pleskow kämpfte im Hintergrund

Coppola-Film "Apocalypse Now": Produzent Pleskow kämpfte im Hintergrund

Und ist nicht immerhin auch der Regisseur die Person, bei der alle Fäden eines Drehs zusammenlaufen? Ist er nicht der Dirigent mit seinem alles beherrschenden Taktstock? Nur: Was macht ein Dirigent ohne Orchester, wenn nicht gar ohne Noten? Als sich Frank Capra, Regisseur von Komödienklassikern wie "Es geschah in einer Nacht" seines unvergleichlichen "Capra-Touchs" rühmte, schickte ihm sein Autor Robert Riskin einen Stapel weißer Blätter mit der hämischen Anmerkung: "Setz mal hier den Capra-Touch drauf."

Die Fixierung auf Regisseure verstellt den Blick auf die Wirklichkeit: "Filme sind Gemeinschaftsarbeit." Das ist das Mantra, das sämtliche Beteiligte der Branche wiederkauen. Sogar manche Regisseure geben das zu. Immerhin stammt das Zitat von Milos Forman.

Was verbirgt sich also hinter dem prestigesatten Titel "Regisseur"? War er derjenige, der die Idee im kleinen Kämmerchen ausheckte, den Kärrnerjob von Recherchieren, Schreiben und Produzieren erledigte, mit dem Kostümdesigner die winzigste Farbnuance ausdiskutierte und dann im Schneideraum einen Herzinfarkt erlitt?

Oder ließ er sich für eine Top-Gage vom Produzenten anheuern, um für ein paar Wochen am Set und im Schneideraum den Chef zu spielen, während der Produzent jahrelang mit Drehbuchautoren und Finanziers rang? Stellte er ein grandioses Skript, mit dem der Autor drei Jahre kämpfte, in zwei Nächten auf den Kopf, um es beim Dreh dann ganz zu verpfuschen? Die Antwort ist freilich immer eine andere. Erst die Geschichten hinter den Kulissen zeigen uns die wahren Helden des Kinos. Und es sind keineswegs nur die Regisseure, die dieses Etikett verdienen.

Filmszene aus David Finchers "Fight Club" (mit Brad Pitt): Was liest sich leichter?
DPA

Filmszene aus David Finchers "Fight Club" (mit Brad Pitt): Was liest sich leichter?

Wer kennt Sam Spiegel? Immerhin der Produzent von "African Queen", "Die Faust im Nacken", "Die Brücke am Kwai" und "Lawrence von Arabien". Oder Paddy Chayefsky? Drei Autoren-Oscars für "Marty", "The Hospital" und "Network". Wer weiß schon, wie Eric Pleskow, damaliger Chef von United Artists dafür kämpfte, dass "Apocalypse Now" finanziert und fertiggestellt werden konnte? Die drohende Pfändung des Coppolaschen Privat-Grundstücks - eine Schauermär, die der Regisseur zur eigenen Selbstinszenierung ersann. Oder wer hat abgespeichert, dass das visuelle Konzept des "Paten" von Kameramann Gordon Willis stammt?

Bei so oberflächlicher Betrachtung ist der Weg zur Filmgeschichtsklitterung nicht weit. Robert Wienes "Kabinett des Doktor Caligari" war der Meilenstein des expressionistischen deutschen Kinos? Irrtum. Die Autoren Carl Mayer und Hans Janowitz hatten bereits mit ihrem Drehbuch eine detaillierte Vision entworfen. "Ein Manuskript von Carl Mayer war bereits ein Film", so der berühmte Kameramann Karl Freund.

Nur selten erfahren wir bei einem Film die tatsächlichen kreativen Kräfteverhältnisse. Bei der australischen Komödie "The Dish" (Start 19. Juli) steht an der ersten Stelle des Abspanns statt des Regisseurs das Team, das den Film "konzipierte und produzierte". "The Insider" (mit Al Pacino und Russell Crowe) ist offiziell eine "Mann/Roth-Produktion", ein Gemeinschaftswerk von Regisseur Michael Mann und Autor Eric Roth ("Forrest Gump").

Immerhin, sogar ein Francis Ford Coppola zeichnet ab und zu für Produkte verantwortlich, bei dem ihm niemand den Ruhm streitig macht: Sein Niebaum-Coppola "Rubicon" von 1997 ist, so ein Gutachter, "sehr gut gemachter Wein, wie aus dem Lehrbuch".



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