Regiestar Pedro Almodóvar Der Alter-Ego-Meister

So uneitel kann Autobiografisches sein: In "Leid und Herrlichkeit" lässt sich Pedro Almodóvar von Antonio Banderas spielen und beschönigt nichts. Eine Begegnung mit einem der Größten des Kinos.

Stephane Cardinale/ Getty Images

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"Nur auf die linke Seite setzen!", bittet Pedro Almodóvar, auf dem rechten Ohr höre er zu schlecht. Und schon sind die Bilder aus seinem neuem Film "Leid und Herrlichkeit" (Start: 25. Juli) wieder da, die das Leid aus dem Titel verdeutlichen. Die lange Narbe entlang der Wirbelsäule, die die Kamera gleich zu Anfang abfährt. Die Migräneattacken, die Cluster-Kopfschmerzen, die Schluckbeschwerden, die Schlafstörungen, die der Hauptfigur Salvador Mallo zusetzen. "Aber mir geht es viel besser als ihm", schiebt Almodóvar schnell hinterher.

Man muss es ihm unbedingt glauben, denn zum einen sieht der 69-Jährige wirklich gesund aus, und zum anderen hat er handfesten Grund, guter Laune zu sein. "Leid und Herrlichkeit" wird von der internationalen Kritik gefeiert wie schon lang keiner seiner Filme mehr. In Cannes hat der Hauptdarsteller Antonio Banderas zudem den Preis als bester Schauspieler gewonnen und wird seitdem als Oscar-Kandidat gehandelt.

"Vor dem Dreh hat mir Antonio versprochen, großzügiger als jemals zuvor zu sein", sagt Almodóvar zur Leistung seines engen Freundes. "Er hat mir gesagt: Diesmal lege ich mich ganz in deine Hände." Seit bald 40 Jahren arbeiten die zwei Spanier zusammen, Filme wie "Labyrinth der Leidenschaften" (1982) oder "Das Gesetz der Begierde" (1987) haben ihrer beider Karrieren maßgeblich angeschoben.

Im ersten Film spielt Banderas einen schwulen islamistischen Terroristen, im zweiten einen Psychopathen, der aus Eifersucht seinen Konkurrenten um die Liebe eines erfolgreichen Regisseurs umbringt. Zurückgehalten hat Banderas in diesen Rollen schwerlich etwas, und doch sticht seine Leistung in "Leid und Herrlichkeit" heraus. Denn wen er da spielt, ist in Wahrheit ein Alter Ego von Almodóvar.

Pedro Almodóvar (links) bei der Cannes-Premiere von "Leid und Herrlichkeit", Antonio Banderas in einer Filmszene
AFP; Studiocanal

Pedro Almodóvar (links) bei der Cannes-Premiere von "Leid und Herrlichkeit", Antonio Banderas in einer Filmszene

Die vollen grauen Haare, die zu Berge stehen, die bunte Kleidung, der Beruf des Regisseurs, selbst die Wohnung, in der die Filmfigur Mallo wohnt, sind Almodóvars Lebensumständen exakt nachempfunden. "Das ist ja wie ein Museum", sagt ein Besucher, als er Mallos Wohnung das erste Mal betritt und sich stauend riesigen Ölgemälden und expressiven Blumenvasen gegenüber sieht.

Es ist eine von vielen sanften Sticheleien übers Altern, mit denen Almodóvar seine Geschichte durchsetzt hat. Von Selbstverklärung, wie man sie bei einem Alterswerk, zumal einem autobiografischen, erwarten könnte, ist "Leid und Herrlichkeit" denkbar weit entfernt. Das fängt mit den körperlichen Beschwerden an, die zu Beginn des Films in einer aufwendigen Animation ausgebreitet werden. 30 Jahre lang habe er sich nicht um seinen Körper geschert, kommentiert Mallo. Dann setzten die Schmerzen in Rücken, Knien, Schultern, Kopf ein. "Meinen alternativen Anatomie-Unterricht" nennt Mallo seine Gebrechen auch, denn als Schüler im katholischen Internat sei er als Solist im Knabenchor von vielen Fächern befreit gewesen, darunter Biologie.

Virtuos fließend

Das Detail vom Singen im Knabenchor werden akribische Almodóvar-Fans aus "Das Gesetz der Begierde", seinem ersten Film mit Anleihen aus dem eigenen Leben, kennen. Einem größeren Publikum dürfte es aus "La mala educación - Schlechte Erziehung" von 2004 bekannt sein, dem Mittelteil einer autobiografischen Trilogie, die mit "Leid und Herrlichkeit" nun ihren Abschluss findet. "La mala educación" ist Almodóvars bitterster Film, die Geschichte zweier Freunde, die der Willkür und Gewalt eines pädophilen Priesters ausgesetzt sind und an den Folgen der Übergriffe ihr Leben lang leiden.

In "Leid und Herrlichkeit" greift Almodóvar die Vergehen katholischer Kleriker nicht noch einmal auf. Hier reißt er nur an, wie ihm Kunst und Gesang Perspektiven aus den ärmlichen Verhältnissen seiner Kindheit in La Mancha gewiesen haben. In einer wunderbaren Szene zeigt Almodóvar Salvador Mallo als Knaben, der seine Mutter ( Penélope Cruz) und ihre Freundinnen zum Wäschewaschen an den Fluss begleitet. Während sie die Kleidung mit Seife bearbeiten und an Waschbrettern reiben, stimmen die Frauen, darunter Neo-Flamenco-Star Rosalía, in ein Lied ein. Schnell wird ihr Gesang expressiv, mit Fingerschnipsern setzt Rosalía dramatische Pausen, und eine anstrengende Verrichtung wandelt sich zu einer theatralischen Aufführung mit dem Flussbett als Kulisse.

Diese Bilder sind direkt Almodóvars Erinnerungen entnommen. "Eigentlich hatte ich nur einen Freund gebeten, ein Bild von einem Schwimmbecken zu machen, da ich sehen wollte, ob es sich als Motiv für die erste Einstellung eignet", sagt er. "Als ich das Foto sah, fühlte ich mich sofort an den Fluss zurück versetzt, zu den Frauen, die Wäsche waschen und singen."

Diese Assoziationskette ist genau so im Film erhalten, auch hier folgt Fluss auf Schwimmbecken. Solche Übersetzungen tauchen in "Leid und Herrlichkeit" immer wieder auf, ein Musikstück führt in eine andere Zeitebene oder ein rezitierter Text von einem Schreibtisch auf eine Theaterbühne. Virtuos fließend verbinden sich so die zwei Haupterzählstränge des Films, die Kindheit Salvadors mit ihren künstlerischen, aber auch homosexuellen Erweckungserlebnissen und die Gegenwart, in der den Regisseur eine Schaffenskrise plagt, da er aufgrund seiner Schmerzen keine Dreharbeiten mehr durchstehen kann.

Andere Augen

Eine Anfrage der Madrider Cinemathek reißt die Wunden schließlich noch weiter auf: Ob Mallo zur Vorführung einer restaurierten Fassung seines 32 Jahre alten Durchbruchsfilms kommen mag? So sieht sich auch der Regisseur im Film zu einer Rückschau auf sein bisheriges Schaffen genötigt. Das Urteil: kritisch und milde zugleich, denn wo er sich Jahrzehnte zuvor so sehr über das Spiel seines Hauptdarstellers geärgert hatte, dass er ihn von der Premiere auslud, erkennt er nun dessen Verdienste. "Der Film hat sich nicht geändert", rügt eine Bekannte sanft, als Mallo ihr von den neuen Eindrücken erzählt, "deine Augen sind anders geworden."

Der Revisionismus, den Almodóvar mit "Leid und Herrlichkeit" übt, ist auch dank solcher Offenlegungen kein absoluter. Hier wird keine letztgültige Fassung der Ereignisse dargeboten, sondern eine Version, die wie alle vorherigen in ihrer Zeit und in ihren Umständen begründet ist - und die man nicht vollends mit Almodóvars Leben verwechseln sollte, denn als erstes betreibt er immer noch Fiktion. "Als ich gemerkt habe, dass es in dem Drehbuch, an dem ich arbeite, um mich geht", erzählt er, "war das Schreiben ganz leicht. Weder fühlte ich mich exponiert, noch hatte ich das Gefühl, etwas wirklich Intimes zu erzählen." Nur drei Monate habe er gebraucht, dann sei das Drehbuch fertig gewesen.

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"Leid und Herrlichkeit": Blick zurück ohne Zorn

Sich selbst als eine Figur von vielen zu begreifen, hat schließlich Tradition bei ihm. In seinen Filmen sind ständig Menschen zu sehen, die sich oder andere inszenieren, die Doppelleben führen oder sich gänzlich neu erfinden. Im Gegensatz zu Hitchcock entwirft er damit aber keine Filmrätsel, an deren Ende die Auflösung steht, welche nun die echte Identität oder die wahre Geschichte einer Person ist. Authentizität ist bei ihm vielmehr etwas höchst Subjektives. "Wir sind umso authentischer, je ähnlicher wir dem Traum werden, den wir von uns selbst haben", lässt er die transsexuelle Agrado (Antonia San Juan) in seinem Oscar-Triumph "Alles über meine Mutter" von 1999 sagen.

Platz für jeden und jede

Im Gegenzug stärken Doppeldeutigkeiten die Empathie mit seinen Figuren. Jede und jeder hat bei ihm einen zweiten Blick und damit eine zweite Chance verdient. Sowohl die Trickbetrüger als auch die Lustmörder, die Prostituierten und die Mütter, die ihre Kinder verlassen: Über niemanden sollte man sich ein abschließendes Urteil erlauben, alle haben Platz in seinem Kino.

Man könnte das als die Methode Almodóvar bezeichnen - und "Leid und Herrlichkeit" als den ersten Film, in dem Almodóvar die Methode auf sich selbst anwendet und sich die Nachsicht, die er schon so vielen anderen hat angedeihen lassen, nun selbst gönnt. "Noch nie waren die Dreharbeiten so leicht", schwärmt er denn auch. "Filme machen ist nach wie vor etwas extrem Positives in meinem Leben."


Im Video: Der Trailer zu "Leid und Herrlichkeit"

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Bei allen bedeutsamen Themen und anspruchsvollen Erzähltechniken, die Almodóvar einflechtet, ist "Leid und Herrlichkeit" auch ein komischer Film, der seinen Humor herrlich gelassen ausspielt. Als Salvador Mallo wegen seiner Schluckbeschwerden operiert werden soll, fragt ihn der Chirurg kurz vor dem Eingriff noch, was sein nächster Film denn werde - Drama oder Komödie? "Das kann man erst sagen, wenn...…", setzt Mallo an, dann tut die Betäubung schon ihre Wirkung.

Wann man über einen Film, eine Karriere, ein Leben urteilen kann? Natürlich erst am Ende. Indem Almodóvar keine Antwort auf die Frage "Drama oder Komödie?" bietet, weist er das Ende weit von sich. Er ist noch lang nicht fertig, nicht mit Drama, nicht mit Komödie, nicht mit Leid und vor allem nicht mit Herrlichkeit.



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