"Liebe braucht keine Ferien" Filmreife Flirts

Eine Affäre kann großes Kino sein. Oder ein Flop. In Nancy Meyers' neuer Film-Romanze wird deutlich, wer in Herzensangelegenheiten Regie führt: das Showbiz.

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Ist das Leben eine Komödie oder eine Tragödie? Irgendwann können die meisten Menschen ihr Dasein einem Genre zuteilen. Nur die weniger Feinfühligen nicht – ihre Existenz ist geheimnislos wie der Werbetrailer zu einem Actionblockbuster, wo die sowieso schon sehr überschaubare Filmhandlung in Hochgeschwindigkeit abgespult wird.

Darsteller Diaz, Law: Lieben wie im Blockbuster
Universal Studios

Darsteller Diaz, Law: Lieben wie im Blockbuster

Hollywoodproduzentin Amanda (Cameron Diaz) überwacht die Herstellung solcher Einminutenkracher. Sie verdient damit soviel Geld, dass sie in einer Villa residieren kann, die es ihr erlaubt, einen Mann zehn Minuten lang durch unterschiedliche Räume zu jagen, bevor sie ihn endgültig vor die Tür setzt. Das Beziehungsleben der Filmmillionärin ist ein einziger Murks, und wenn es ihr richtig schlecht geht, dann läuft es vor ihrem inneren Auge ab wie einer ihrer Blockbustertrailer: Eine Off-Stimme bringt Amandas Scheitern mit viel Krawall und wenigen Worten auf den Punkt.

Kino kopiert das Leben. Oder war es umgekehrt? Nancy Meyers ("Was Frauen wollen") legt mit ihrem neuesten Werk eine muntere Meta-Liebelei über die Ein- und Rückwirkungen von Film und Realität vor. Keine Angst, die Bockbuster-Romantikerin ist eingeschworene Hollywoodianerin; das wahre Leben gibt es bei ihr in homöopathischen Dosen. Die Scheinwelt der Traumfabrik konfrontiert Meyers in "Liebe braucht keine Ferien" daher mit einem Gegenentwurf, der zwar nicht ganz so protzig Beverly Hills, aber ebenso pittoresk daherkommt: die britischen Cotswords.

In diese verschneite Hügel-Idylle verschlägt es Amanda zwischen den Jahren; ein Haustausch mit einer einsamen Journalistin macht es möglich. Denn die britische Hochzeitskolumnistin Iris (Kate Winslet) sucht kurz entschlossen am Vorweihnachtsabend das Weite, als ihr Ex-Freund seine Verlobung mit einer anderen bekannt gibt. Ein kleiner Internet-Plausch, und schon können die beiden Mittdreißigerinnen ihren Frust hinter sich lassen.

Diese transatlantische Erzählkonstellation gibt reichlich Gelegenheit, beliebte Klischees über Hollywood und das Alte Europa in einem amourösen Reigen aufzulösen: Während Filmfabrikantin Amanda im schneeumstöberten Häuschen von Iris das wahre Leben sucht und in Graham (Jude Law) zumindest erstmal wahrhaftig guten Sex findet, wird die naive Britin Iris im Traumpalast von Amanda in den Lifestyle von Tinseltown eingeführt.

Das Leben ist immer erstmal nur so gut wie der Film, der sich darüber drehen lässt. Man sollte sich deshalb, so lernt Iris, beizeiten über Erzählkniffe und Rollenprofile informieren.

Das erledigen für sie nun zwei Hollywood-Außenseiter: Der erfolglose Filmkomponist Miles (Jack Black) demonstriert ihr bei einem züchtigen Date in der Videothek, dass jede Szene einer optimalen musikalischen Begleitung bedarf. Und der vergreiste Drehbuchautor Arthur Abbott (Eli Wallach) doziert nicht nur über die goldene Ära der Traumfabrik, sondern weist der verhuschten Single-Frau den Part ihres Lebens zu: Sie sei verdammt noch mal eine leading lady.

Dass Drehbuchautor Abbott, dieser lebende Anachronismus des alten Hollywood, ausgerechnet von "Misfits"- und "Der Pate III"-Darsteller Wallach gespielt wird, ist ein schöner Clou: Schließlich war der Charakterkopf stets ein Mann aus der zweiten Reihe. Sein inzwischen arg zerknautschtes Gesicht kennt jeder, seinen Namen nicht. Im Gehwagen darf der notorische Sidekick nun noch mal mit 91 Jahren groß aufdrehen. Der anarchische Witz und die Doppelbödigkeit der legendären Hollwood-Edelfedern Ben Hecht ("His Girl Friday") und Preston Sturges ("Sullivan’s Travel"), die hier allenthalben zitiert werden, sucht man in "Liebe braucht keine Ferien" allerdings vergeblich.

Dass Meyers in ihre Verbeugung vor dem alten Studiosystem Hollywoods einige hübsche Spitzen gegen die gegenwärtige Wertschöpfungsmaschinerie der Filmindustrie eingestreut hat, zeugt von einer gewissen Selbstironie. So wird hier gegen das Kalkül gewettert, mit der heute Blockbuster in die Kinos gedrückt werden. Gleichzeitig beweist sich aber eben auch Meyers, deren Komödien über eine Milliarde Dollar eingespielt haben und die auf diese Weise zu Hollywoods leading lady in Sachen Regie avancierte, eine beachtliche Geschäftstüchtigkeit.

"Zwei Komödien zum Preis von einer", jubilierte das Branchenblatt Variety in aufrichtiger Begeisterung. Und zu dieser Zwei-für-einen-Strategie gehört auch, den Film paritätisch mit vier Stars zu besetzen, die unterschiedliche Kunden ansprechen: Die Briten Winslet und Law binden das erwachsene Publikum, die Amis Diaz und Black die Popcorn-Fraktion.

Der Plot aber harmoniert leider nicht immer mit diesem marktstrategischen Optimierungsprozess. Ein ansonsten meist witziger Jack Black etwa wirkt im weihnachtlich Liebesreigen deplaziert. Der mimisch hyperaktive Komiker, muss drastisch vom Tempo gehen, um sich für Kate Winslet als Liebesobjekt interessant zu machen. Dabei erinnert sein Part im Großen und Ganzen eher an den guten Freund, den in alten Komödien Tony Randall übernahm. Hier verheddert sich Meyers in ihrer Hollywood-Hommage: Randall hat fast nie eine Frau abbekommen - sein Gesicht bewegte sich viel zu schnell, um es küssen zu können.

Dass Meyers Festtagsromanze an der Kasse trotzdem ganz im Kalkül seiner Macher aufgehen wird, liegt natürlich auch am Startdatum: Weihnachten ist nun mal der Zeitpunkt, wo der Mensch sein unübersichtliches Leben zu einer präsentablen Erzählung samt leading ladies, side-kicks und love interests zu ordnen versuchen. Glücklich, wer da glaubt, Teil einer Komödie zu sein.



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