Biopic über Udo Lindenberg Sonderzug nach Nirgendwo

Ein Hamburger "Rocketman"? Die westdeutsche Antwort auf "Bohemian Rhapsody"? Leider nein. Das Biopic "Lindenberg! Mach dein Ding" ödet an - und ist unfreiwillig ironisch.
Jan Bülow performt als Udo Lindenberg

Jan Bülow performt als Udo Lindenberg

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Sandra Hoever/ DCM

Nüchtern betrachtet ist dieser Film nichts anderes als eine edel aufpolierte Super-Jubiläums-Spezial-Edition-CD – ein Versuch, die Popularität von Udo Lindenberg durch ein Biopic mit Retro-Anmutung und gern gehörten Musikstücken ins Kino hinein zu kalkulieren. Dafür spricht schon der Titel "Lindenberg! Mach dein Ding", in dem das Ausrufezeichen hinter dem Namen besser durch ein Trademark-Symbol ersetzt worden wäre.

Denn darum dreht sich Hermine Huntgeburths Film nach einem Buch von Alexander M. Rümelin, Christian Lyra und Sebastian Wehlings: aus der Marke, die der beliebte Musiker ist, etwas rauszuholen, das einem eigenständigen Film ähnlich sieht, damit möglichst viele Fans den anschauen. Bei Elton John ("Rocketman") und vor allem bei Queen-Frontmann Freddie Mercury ("Bohemian Rhapsody") erfreuten sich die entsprechenden Produkte großen Publikumszuspruchs.

"Lindenberg! Mach dein Ding" dreht sich sehr lange. 134 Minuten dauert die Geschichte, die von der Kindheit des gebürtigen Gronauers und den Anfängen des späteren Wahlhamburgers erzählt. Der erste im Film von Darsteller Jan Bülow gesungene und damit wiedererkennbare Hit ertönt nach über 90 Minuten – zu einem Zeitpunkt, wo andere Filme längst wieder zu Hause sind.

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"Lindenberg! Mach dein Ding"

Foto: TOM TRAMBOW BVK/ DCM

In der Logik der leidvollen Künstlergeschichte ist das der Moment, in dem das Darben, Hoffen und Fleißigsein der frühen Jahre in Durchbruch und Erfolg resultiert. Huntgeburth inszeniert den Moment als Traumbild einer Großfamilienaufstellung: Udo kommt gerade von einer ziemlich abenteuerlichen, aber auch nicht weiter aufregenden Liebesgeschichte aus der Hauptstadt der DDR zurück und kriegt am Hanse-Tresen die Imperative des westlichen Künstlerindividualismus von einer Dragqueen aufgesagt: "Erfind dich einfach neu!"

Also geht Udo zum Mikrofon und fängt an, "Mädchen aus Ostberlin" zu singen. Die Band gesellt sich dazu, der Labeltyp (Detlev Buck) und schließlich auch die Mutter (für immer jung: Julia Jentsch). Denn die hatte gleich zu Beginn des Films an ihren Udo geglaubt und ihm das Versprechen abgenommen, mal wie Hans Albers zu werden.

Auf diese Form der Wunscherfüllung bricht "Lindenberg! Mach dein Ding" seinen Biografismus runter. In die Kindheit und Jugend wird zurückgeschaltet, um die Probleme und Ratschläge zu besorgen, die später gelöst oder umgesetzt werden können. Wenn ein weitgereister Bekannter (Martin Brambach) sagt, man müsse Kellner werden um rauszukommen, wird Udo im nächsten Bild Kellner in Düsseldorf. Wenn das Kind Udo (Claude Albert Heinrich) im Kino "Die Glenn Miller Story" mit James Stewart mitsprechen kann, muss Huntgeburths Film gar nicht mehr den "Sonderzug nach Pankow" auflegen, um klarzumachen, dass die Inspiration dafür ("Chattonooga Choo Choo") hier implantiert wurde.

Deutschland 2020
Regie: Hermine Huntgeburth
Drehbuch: Alexander M. Rümelin, Christian Lyra, Sebastian Wehlings
Darsteller: Jan Bülow, Detlev Buck, Max von der Groeben, Charly Hübner, Julia Jentsch, Martin Brambach
Produktion: Letterbox Filmproduktion GmbH
Verleih: DCM Filmdistribution
Freigeben: ab 12 Jahren
Länge: 135 Minuten
Start: 16. Januar 2020

So gerät "Lindenberg!" zu einem reichlich schematischen und ziemlich laschen Unterfangen. Auch weil der Künstler kaum Probleme zu haben scheint: Frauen begehren ihn von Anfang an, und der Vater (Charly Hübner) wird so allgemein als ein bisschen herrisch, ein bisschen verloren, ein bisschen nationalsozialistisch gezeichnet, dass aus dieser Beziehung keine Konflikte erwachsen.

Gegen Ende spielt Alkoholabusus andeutungsweise eine Rolle. Der Sänger stürzt beim ersten Groß-Auftritt die Treppe runter, berappelt sich nach einem erinnerten Mutter-Wort dann jedoch so, dass er einfach im Liegen loslegt. Von Exzessen, Abstürzen und Verzweiflung ist das weit entfernt. So ist das Schlimmste, was dem Udo im Film bei einem Engagement in einer US-Kapelle in Libyen widerfährt, dass er einmal bei der Post ist und kein Brief auf ihn wartet. Dabei schreibt er doch so brav der Susanne.

Etwas Energie entwickelt "Lindenberg! Mach dein Ding", wenn es darum geht, sich als auf Deutsch singender Musiker zu entwerfen. Die Figuren, die das im Film für unmöglich halten ("Sprache der Täter"), werden lächerlich gemacht. Vor allem ein Hans (Christoph Letkowski), der Kopf der Band, die Udo dann kapert. Der Mann, der das Englische vorzieht, wird vorher als untalentiert beschrieben und ist dann auch noch so blöde, die Avancen vom Labeltypen abzulehnen. Kein Wunder, dass es über diesen Hans kein Biopic gibt.

Man muss halt auch mal "Ja" sagen zum Erfolg, ohne sich dabei verbiegen zu lassen. Das behauptet zumindest "Lindenberg! Mach dein Ding" in seiner widersprüchlichen Individualitätsfixierung. "Ich hab niemals dran gezweifelt, dass ich das überstehe", singt der echte Udo am Ende als Grüßaugust in "seinem" Film, der aber leider recht offen lässt, was "das" denn nun gewesen ist.

Vielleicht der erste Versuch vom Plattenlabeltypen, Udo unter Vertrag zu nehmen? Statt deutscher Texte wird ein epigonal klingendes Album auf Englisch produziert, das floppt. Ein Beispiel dafür, dass man an seine Kunst glauben muss, wenn man Erfolg haben will. Allerdings macht das "Lindenberg! Mach dein Ding" selbst eben nicht. Der Film kommt künstlerisch wie das epigonale Album daher - wie etwas, das nicht auffallen will und sich an andere Erfolge schmiegt, statt wie ein richtig-guter-wahrer-schöner Hit, der alles riskiert. Das nennt man Ironie.