Psychothriller über Glücksversprechen Little Joe of Horrors

In dem raffinierten Kinoexperiment "Little Joe" soll der Duft einer genmanipulierten Pflanze glücklich machen. Tatsächlich verhalten sich die Menschen anders, sobald sie an dem Purpurpuschel gerochen haben - verstörend anders.
Emily Beecham als Wissenschaftlerin Alice: In Cannes als beste Darstellerin ausgezeichnet

Emily Beecham als Wissenschaftlerin Alice: In Cannes als beste Darstellerin ausgezeichnet

Foto: X-Verleih/ dpa

Jessica Hausner hat mit Little Joe ein Filmmonster geschaffen, wie man es noch nicht gesehen hat: eine Blume, die als Antidepressivum gedacht ist, aber genauso gut Paranoia auslösen kann. Wenn Little Joe sich aufplustert wie eine blutrünstige Puderquaste und zittert und lockt in all seiner Purpur-Pracht, dann knistert die Luft jedes Mal vor Spannung. So lange, bis das nächste Opfer einem banalen Reflex nachgibt: Haaa-tschi! Gesundheit.

Hausner stellt dieses gentechnisch modifizierte Mysterium ins Zentrum ihrer Interpretation eines Psychothrillers. Die österreichische Regisseurin hat schon die Erlösungsmythen rund um einen Wallfahrtsort verfilmt ("Lourdes", 2009) und aus der Todessehnsucht Heinrich von Kleists eine Anti-Rom-Com gemacht ("Amour Fou", 2014).

Diesmal ruft sie Science-Fiction- und Horrorszenarien auf, wie man sie aus "Invasion Of The Body Snatchers" kennt, nur dass sie die Gruselfolklore komplett ausspart und ins Psychologische verlagert. Das Unheimliche ist in "Little Joe" das Zwischenmenschliche: Misstrauen, fragile Beziehungen, Konkurrenz und nicht zuletzt die Suche nach dem Glück.

Hausners Film feierte seine Premiere 2019 in Cannes, Hauptdarstellerin Emily Beecham wurde dort als beste Darstellerin ausgezeichnet. Die leise, verbissene Stock-im-Arschhaftigkeit, mit der Beecham die Pflanzenzüchterin Alice spielt, ist wahrlich beeindruckend. Alice ist alleinerziehend, außerdem Workaholic, folglich hin- und hergerissen zwischen zwei Kindern: ihrer jüngsten Gentechnik-Schöpfung und ihrem 13-jährigen Sohn Joe, nach dem sie die Wunderblume benannt hat.

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"Little Joe - Glück ist ein Geschäft"

Foto: X Verleih

Joe steckt mitten im Abnabelungsprozess und überlegt, zu seinem Vater in die englische Einöde zu ziehen. Nachdem Alice ihm ein Exemplar der Pflanze mit nach Hause gebracht hat, erkennt sie ihren Sohn nicht mehr wieder. Ähnlich geht es ihr auch mit den Kollegen in der Botanikfirma, die auf grüne Gentechnik macht und sich mit ihren sterilen Zierpflanzen ein Monstergeschäft verspricht.

Little Joe macht nicht einfach durch seine Schönheit glücklich, sondern aktiv durch Duft und Blütenstaub. Man muss sich nur die Nase mit ein bisschen Pollen pudern lassen, schon wird die Ausschüttung von Oxytocin angeregt, einem Glückshormon, das beim Aufbau der Mutter-Kind-Beziehung eine entscheidende Rolle spielt. Wie der Wiener sagen würde: Heuschnupfen is a Lercherlschaß dagegen. Abgesehen vom ersten Niesen gibt es keine allergischen Reaktionen, dafür scheinen die vom Pollen "infizierten" Menschen ihre gesamte Persönlichkeit zu verändern. Fast unmerklich zwar, aber entscheidend. "Es ist, als wäre man tot", erklärt Joes erste Freundin fasziniert. "Das merkt man doch auch nicht, oder?"

So wie die Blume ihre nadelförmigen Blütenblätter in die Luft spreizt, sobald ein Kandidat für eine Dosis Pollen in der Nähe ist, so fächert auch Hausner einen Strauß verschiedener Deutungsmöglichkeiten für ihren Film auf. Little Joe wird zum Symbol für das Zauberlehrlingssyndrom, zum Katalysator für Beziehungs- und Familienprobleme, zum botanischen Auswuchs des Glücksimperativs in der westlichen Gesellschaft.

"Little Joe - Glück ist ein Geschäft"
UK/AT/G
Regie: Jessica Hausner
Buch: Géraldine Bajard, Jessica Hausner
Darstellende: Emily Beecham, Ben Wishaw, Kerry Fox, Kit Connor, Leanne Best
Produktion: Coop99 Filmproduktion, BBC, ORF et al.
Verleih: X Verleih
Länge: 105 Minuten
Start: 9. Januar 2020

Ein Sinnbild für Letzteren sind die perfekt durchdesignten Arbeits- und Wohnlandschaften, in denen sich das Personal des Films bewegt. Hausners wie immer strenge Formensprache findet im sterilen Gewächshausambiente zur vollen Entfaltung. Die Kamera bewegt sich hypnotisch langsam, die Stimmung bleibt unterkühlt. Die Farbpalette reicht vom pinken Licht im Glashaus zu exquisiten Minz-, Blutorange- und Ockertönen. Ein Bouquet könnte nicht geschmackvoller gebunden sein.

Verstärkt wird diese Stilisierung durch eine extrem suggestive Klangkulisse. Die Musik von Teiji Ito, bereits Anfang der Siebzigerjahre komponiert, verleiht dem Film eine Note von japanischem No-Theater. Sie klingt nach dem Widerstreit zwischen absoluter Beherrschung und kurz bevorstehender Affekttat.

Hausner passt mit diesem hochstilisierten Grusel zu einem jüngeren Trend im Arthouse-Horror. Unheimliche Mächte und Mutationen sind bewährte Metaphern für die Angst von Eltern, ihr Kind zu verlieren, vor allem im Veränderungsprozess namens Pubertät. Es gab in den vergangenen Jahren einige Aufsehen erregende Filme über alleinerziehende Mütter und die Entfremdung von ihren Söhnen, etwa "The Babadook" von Jennifer Kent und "The Hole In The Ground" von Lee Cronin. In "Ich seh ich seh" von Veronika Franz und Severin Fiala wird umgekehrt eine Mutter von ihren Zwillingssöhnen für eine Fremde gehalten, mit fatalen Folgen.

Franz und Fiala sind Hausners kühl-künstlichem Tonfall am nächsten, aber was Genre-typische Schockeffekte betrifft, ist "Little Joe" mit Abstand der zurückhaltendste dieser Filme. Er deutet die Horrormechanismen nur als Idee an, spielt sie aber nie wirklich aus, teilweise bricht er mit ihnen auch durch ziemlich britischen Humor.

Sonstige / nicht zuzuordnen

"Little Joe" ist ein Film, der seine Metaphorik letztlich selbst überanalysiert. Bei einer Therapiesitzung reflektiert Alice einmal über die Doppelbelastung durch Beruf und Familie, die Schuldgefühle, die sie deswegen plagen, und die Ängste, die sie auf ihre Glückspflanze projiziert. Das klingt so plausibel, dass es dem Film viel von seiner Mehrdeutigkeit nimmt. Und dem Purpurpuschel von seinem Geheimnis.