"Little Miss Sunshine" Beauty Queen der Herzen

Auf der Sonnenseite des Lebens zu stehen, ist gar nicht so einfach. Vor allem, wenn man klein und pummelig ist und davon träumt, Schönheitskönigin zu werden. Doch "Little Miss Sunshine", der Überraschungsfilm des Jahres, zeigt, dass Mittelmäßigkeit kein Übel ist.

Von Jenny Hoch


Wenn bei Familie Hoover Abendbrotzeit ist, gibt es kein gesundes, sorgfältig zubereitetes Drei-Gänge-Menü. Es wird nicht von lieben, rotbackigen Kindern verspeist, und kein Familienoberhaupt lockert sich erschöpft vom vielen Geldverdienen die Krawatte. Stattdessen reißt die entnervte Mutter eine Kentucky-Fried-Chicken-Packung auf, packt Plastikgeschirr und McDonald's-Becher auf den Tisch und ruft zwischen zwei hektischen Zügen an der Zigarette ihre Brut zum Essen. Die perfekte Homestory sieht anders aus.

Die Bande, die sich nach und nach im düsteren Wohnzimmer zum Essen-Fassen versammelt, wirkt dann auch wie aus einem Kuriositätenkabinett entsprungen – vom amerikanischen Traum ist hier jeder mindestens so weit entfernt wie die Hooversche Behausung in New Mexico von der glitzernden Traumfabrik Hollywood.

"Little Miss Sunshine" heißt der Erfolgsfilm des diesjährigen Sundance-Festivals, in dem die Werbefilmer Valerie Faris und Jonathan Dayton den Traum von der glücklichen Familie auf ebenso schonungslose wie witzige Weise zertrümmern. Der Film, eine Mischung aus Roadmovie und zugespitzter Familienkomödie, traf offenbar einen Nerv: In den USA spielte er aus dem Stand 60 Millionen Dollar ein – und das bei dem für Hollywood-Verhältnisse winzigen Budget von acht Millionen Dollar.

Das mag daran liegen, dass "Little Miss Sunshine" nicht wie so viele andere Filme das uramerikanische Mantra des "Du kannst alles erreichen, wenn du es nur willst" anstimmt. Stattdessen wird jegliche Siegerpose ironisch konterkariert, die Botschaft ist hart, aber fair: Einmal Underdog, immer Underdog. Als Trost für diese bittere Pille hat der Film aber immerhin die Erkenntnis parat, dass es Wichtigeres im Leben gibt als Erfolg.

Schräge Familien-Bande

Bereits in der Eingangssequenz lernt der Zuschauer ungeschönt die sechs Familienmitglieder mitsamt ihren Neurosen und Ticks kennen, die nichts verbindet außer ihr Nachname. Da ist etwa Sohn Dwayne (Paul Dano), ein bleicher, pubertierender Teenager, der wahrlich nicht mit dem Liebreiz der Jugend gesegnet ist. Er liest Nietzsche, stemmt heimlich Hanteln und hat ein Schweigegelübde abgelegt, um sich die nötige Disziplin für seinen Traumberuf Pilot anzueignen. Mit der Außenwelt kommuniziert er nur über handgeschriebene Zettel, auf denen entwaffnend offene Dinge stehen wie: "Ich hasse euch alle".

Ausgerechnet dieser Totalverweigerer soll sich ein Zimmer mit seinem Onkel Frank (Steve Carell) teilen, einem schwulen Intellektuellen, der erst um seinen jungen Geliebten und dann um seine Reputation als erster Proust-Kenner der USA gebracht wurde und nach einem Selbstmordversuch unter ständiger Aufsicht bleiben muss.

Durchs Haus poltert außerdem Großvater Edwin (Alan Arkin), Kriegsveteran, und auch sonst ein ziemlicher Haudegen. Er ist aus dem Seniorenheim geflogen, weil er Heroin snifft und sich am liebsten lautstark über Pornos unterhält. Zurück im Schoß der Familie, gerät er regelmäßig mit Vater Richard (Greg Kinnear) aneinander, einem unerträglichen Besserwisser und Optimismus-Verbreiter.

Einmal Schönheitskönigin sein!

Richard hat ein vermeintlich todsicheres Neun-Stufen-Programm-zum-Erfolg entwickelt, mit dem er seiner Umwelt penetrant auf die Nerven geht und nicht bemerkt, dass er selbst den kläglichen Gegenbeweis dafür abgibt. Zunehmend verzweifelt telefoniert er einem großen Buchdeal hinterher, der ihn aus der Misere retten soll und mit dem er seiner Frau Sheryl (Toni Collette) endlich beweisen will, was in ihm steckt. Diese hat ihm schon längst nichts mehr zu sagen und versucht nur noch, ihre chaotische Sippe irgendwie zusammen zu halten.

Dass das gelingt, ist vor allem ihrer jüngsten Tochter Olive (Abigail Breslin) zu verdanken. Die Siebenjährige träumt vollkommen unbeeindruckt von den Problemen ihrer schrägen Verwandtschaft von einer Karriere als Schönheitskönigin. Wie unerreichbar dieser Traum allerdings ist, macht der Film gleich zu Beginn klar: Das pummelige Kind steht mit seiner großen Brille alleine vor dem Fernseher und macht mit unbeholfenen Gesten die Selbstinszenierungsrituale amerikanischer Beauty-Queens nach.

Zunächst aber scheint nichts unmöglich im Land der unbegrenzten Möglichkeiten und wie es der Zufall will, wird Olive tatsächlich zu einem Kinderwettbewerb um den Titel "Little Miss Sunshine" nach Kalifornien eingeladen. Nach längerem Hin und Her und nach der eindringlichen väterlichen Prüfung, ob Olive es sich tatsächlich vorstellen könne, den Titel zu gewinnen, macht sich die ganze Familie im klapprigen VW-Bus auf in Richtung Westen.

Aschenputtel bleibt Aschenputtel

Mürrisch und verschwitzt schaukeln die Hoovers tagelang durch karge Wüstenlandschaften und haben bei all den Widrigkeiten, die ihnen auf der beschwerlichen Reise widerfahren, bisweilen Mühe, ihr Ziel nicht aus den Augen zu verlieren. Trotz Autopannen, persönlicher Niederlagen oder zerplatzter Träume, irgendwann kommt die Familie im sonnigen Kalifornien an – zwar mit der Leiche des Großvaters im Kofferraum, aber um die Erfahrung reicher, dass man alles schaffen kann, wenn man nur zusammenhält.

Die Miss-Wahl, der Sehnsuchtsort der kleinen Olive, entpuppt sich schnell als Horror-Veranstaltung. Ehrgeizige Muttis toupieren dort ihren hochgezüchteten Barbie-Töchtern das Blondhaar und treiben sie wie Zirkuspferdchen ins Scheinwerferlicht, dem Ende der Kindheit entgegen. Die sympathisch-verschrobene Underdog-Familie aus New Mexico wirkt da reichlich deplaziert. Doch während den Älteren schnell klar wird, dass es manchmal besser ist, ein authentischer Loser zu sein, als ein geklonter Gewinner, ist Olive nicht davon abzuhalten, der Niederlage ihres Lebens entgegen zu gehen.

Auch wenn "Little Miss Sunshine" nicht umhin kommt, trotz aller Gags und liebevoller Details das reichlich konventionelle Hohelied auf die Werte der Familie anzustimmen, ist es doch erfrischend zu sehen, mit wie viel Verve die Regisseure bei der Ausgestaltung der Charaktere ihres Debütfilms zu Werke gingen. Der Zuschauer lacht und leidet mit den Figuren, und wenn Olive am Ende tatsächlich die Bühne betritt, dann möchte man schreien: "Tu's nicht!"

Es lohnt sich allein der Schlusssequenz wegen, "Little Miss Sunshine" anzugucken. Denn hier schlägt der Film noch einmal einige sehr vergnügliche Haken, ohne von seiner Ausgangidee abzuweichen. Verraten sei nur so viel: Die wunderbare Wandlung vom Aschenputtel zum Schwan gibt es nur im Märchen, zum Glück nicht im Leben von Olive Hoover.



© SPIEGEL ONLINE 2006
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.