"Little Women" von Greta Gerwig Unverschämt weiblich

Talentierte Frauen mit Ehrgeiz, lachend und tanzend inmitten von Blumen und Kuchen: Hollywoods Hoffnungsträgerin Greta Gerwig verfilmt den Romanklassiker "Little Women" für eine neue Generation.
Prachtvoll, üppig, voller Energie: Saoirse Ronan spielt Jo March in Greta Gerwigs "Little Women"

Prachtvoll, üppig, voller Energie: Saoirse Ronan spielt Jo March in Greta Gerwigs "Little Women"

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Wilson Webb

Sie rennt durch die Straßen New Yorks. Nicht weil sie einen Termin hat, zu dem sie unbedingt pünktlich sein muss. Sondern weil sie endlich eine Perspektive im Leben hat. Eine, die alle ihre Energien freisetzt und deretwegen sie einfach rennen muss.

Greta Gerwig hat mit dieser Szene Herzen erobert. Als Hauptdarstellerin in der Zeitgeist-Komödie "Frances Ha" rannte sie 2012 so durch die Straßen Manhattans und gab dem Gefühl, endlich im eigenen Leben angekommen zu sein, unwiderstehlich Ausdruck. Jetzt erobert sie mit dieser Szene ein zweites Mal Herzen, denn als Regisseurin lässt sie eine der beliebtesten Figuren der amerikanischen Literatur genauso durch die Straßen New Yorks fegen: Jo March, die Heldin aus Louisa May Alcotts Coming-of-Age-Klassiker "Little Women" von 1868.

Sechs Mal ist Gerwigs Verfilmung für den Oscar nominiert, darunter als bester Film und für das beste adaptierte Drehbuch, welches Gerwig selbst verfasst hat. Dass ihre Version so einschlägt, obwohl es bereits fünf Kinofassungen und neun Serienadaptionen von "Little Women" gibt, liegt nicht zuletzt an Gerwig selbst. Spätestens seit sie 2018 für "Lady Bird" als erst fünfte Frau in der Geschichte der Oscars für die beste Regie nominiert wurde, gilt die 36-Jährige als Hollywoods größte weibliche Hoffnung. Auf ihre Intelligenz, ihren Witz und ihre Energie kann sich die Branche gerade einigen, wie sie es bei kaum einem anderen Filmemacher sonst kann – und schon gar nicht bei einer anderen Filmemacherin.

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"Little Women"

Foto: Wilson Webb

Mit "Little Women" beweist Gerwig nun, dass sie den Erwartungen mehr als Stand halten kann. Sie hat die Geschichte der vier March-Schwestern so klug umgeordnet sowie mit Werk und Biografie von Louise May Alcott kurzgeschlossen, dass sie sich aufregend neu anfühlt. Statt im trauten Heim der Familie March in Concord, Massachusetts, beginnt Gerwig ihren Film fast am Ende des ersten Teils von Alcotts Roman, nämlich in New York City. Jo March, Alter Ego von Alcott und Platzhalterin für alle jungen Frauen mit künstlerischen Ambitionen, ist in die Stadt gezogen, um dort als Schriftstellerin Fuß zu fassen.

Doch der Erfolg lässt auf sich warten, weshalb Jo beginnt, sich an ihre beschützte Jugend an der Seite ihrer Schwestern zu erinnern. An die brave Meg (Emma Watson), die früh geheiratet hat und nun mit bestürzend wenig Geld ihre Familie versorgen muss, an die aufbrausende Amy ("Midsommar"-Star Florence Pugh, Oscar-nominiert als beste Nebendarstellerin), die lieber reich heiraten will, wenn schon die Ehe das einzige ist, was von Frauen erwartet wird, und schließlich an die Jüngste Beth (Eliza Scanlen), die durch eine späte Scharlacherkrankung für immer an das Elternhaus gebunden zu sein scheint.

Filminfo "Little Women"

USA 2019
Buch und Regie: Greta Gerwig
Darstellende: Saoirse Ronan, Emma Watson, Florence Pugh
Produktion: Columbia Pictures, Regency Enterprises
Verleih: Sony Pictures Germany
Freigeben: Keine Altersbeschränkung
Länge: 135 Minuten
Start: 30. Januar 2020

In jeder Fassung von "Little Women" ist das Haus der Familie March ein romantisch und idealistisch aufgeladener Sehnsuchtsort. Das Wenige, das die Marchs haben, teilen sie mit den noch Bedürftigeren. Und woran es ihnen selber fehlt, das kompensiert ihr reicher Nachbar James Laurence, dessen charmanter Enkel Theodore zufällig auch noch im selben Alter wie Jo ist.

Dieses Idealbild einer weißen weiblichen Jugend inszeniert Gerwig ohne Patina, aber auch ohne bemühte Modernisierungen. So wie die Wangen der March-Schwestern bei ihr dauergerötet sind, scheint schlicht auch mehr Blut durch die Adern dieses Films zu fließen. Lauter gelacht und wilder getanzt als hier wurde in "Little Women" jedenfalls noch nie, auch mehr Blumen, mehr Kuchen und mehr Stars – darunter Meryl Streep, Laura Dern und Timothée Chalamet – gab es noch nicht. Unverschämt ist das, im besten Sinne, denn Gerwig inszeniert dieses Fest der Gefühle und Genüsse ohne Rücksicht darauf, ob es einem reaktionären Publikum als zu mädchenhaft aufstoßen könnte.

Von Diskussionen, wie viel Sexismus in Hollywood weiterhin herrscht, wurde der Film trotzdem eingeholt. Dass "Little Women" bei einigen wichtigen Preisen übergangen wurde und Gerwig selbst nicht erneut für den Regie-Oscar nominiert wurde, empfanden viele Fans und Kritiker als Symptom andauernder Abwertung von Frauen und ihren künstlerischen Leistungen. Zumal Hauptdarstellerin Saoirse Ronan – für ihre Rolle als Jo soeben als beste Hauptdarstellerin nominiert – im Film ein mitreißendes Plädoyer dafür hält, dass sich Herz, Verstand, Ehrgeiz und Schönheit bei Frauen nicht gegenseitig ausschließen.

Jos Monolog hat Gerwig aus "Rose in Bloom", einem späteren Roman von Louisa May Alcott, übernommen. Die Akzentverschiebung, die sie damit erreicht, ist entscheidend. So stark wie bei ihr wurden weibliche Ambitionen bei "Little Women" noch nie thematisiert. In der Verfilmung von 1994 (in Deutschland als "Betty und ihre Schwestern" erschienen) stritt Winona Ryder als Jo für das Frauenwahlrecht. Nicht, weil Frauen besser seien, sondern schlicht weil sie Menschen sind.

Gerwig setzt diesem Universalismus nun einen liberalen Feminismus entgegen, der individuelle Exzellenz feiert. Jede March-Schwester hat bei ihr nicht nur eine künstlerische Neigung, sondern ein echtes künstlerisches Talent, spielt wunderbar Klavier oder malt bemerkenswert gut. Ideologisch lässt sich über diese Neuausdeutung streiten, filmisch funktioniert sie jedoch wunderbar. Denn Frauen mit Ehrgeiz und Perspektiven im Leben – die sind nun wirklich Gerwigs Ding.