Loach und Leigh auf DVD Doppelherz für Verlierer

Säufer, Knackis, Arbeitslose: Die Filme der britischen Regie-Altmeister Mike Leigh und Ken Loach sind ganz nah am Leben und oft ganz großes Kino. Zwei DVD-Editionen würdigen jetzt ihre Arbeiten aus den Neunzigern.

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Von Jörg Böckem


"Wenn ich die Wahl hätte, nach Hollywood zu gehen oder mir Stahlnägel in die Augen zu stechen", gab der britischer Regisseur Mike Leigh einst zu Protokoll, "würde ich die Stahlnägel bevorzugen." Nicht verwunderlich, schließlich war das Werk des Veteranen des britischen Kinos, ebenso wie das seines Kollegen Ken Loach, schon immer ein Gegenentwurf zu den Produkten der amerikanischen Traumfabrik. Schon als Kind, sagt Leigh, habe er im Kino Filme über den eigenen Alltag vermisst.

Leigh, 67, und Loach, 73, sind Altmeister des sozialen Realismus, sensible Chronisten des britischen Alltags. Ihre Helden sind die einfachen Menschen, oft die unterprivilegierten, geschundenen - allein erziehende Mütter, Langzeitarbeitslose, Säufer, Knackis. Loach und Leigh verbindet nicht nur der genaue Blick auf die bestimmten Milieus, sondern vor allem die tiefe Zuneigung zu ihren Figuren und der Humor. Zwei DVD-Editionen versammeln jetzt je drei ihrer Filme aus den neunziger Jahren.

Versager, Chancenlose und liebenswert Bekloppte

Denn diese Zeit war eine Hochphase für das britische Kino und damit auch für die beiden Regisseure, die damals schon eine bewegte Karriere hinter sich hatten. Ken Loach, Sohn eines Elektrikers und bekennender Sozialist, errang 1991 nach einer Durststrecke in den Achtzigern mit der wunderbaren Sozialkomödie "Riff-Raff" um einen Ex-Knacki, der den Neuanfang auf einer Großbaustelle probt, den European Film Award.

Nebenbei stieß er damit die Karriere von Hauptdarsteller Robert Carlyle an und begründete eine ganze Welle von Arbeiterkomödien. 1993 bekam er den Spezialpreis der Jury in Cannes für "Raining Stones" - der Geschichte des liebenswert bekloppten Langzeitarbeitslosen Bob (Bruce Jones), der unbedingt seine Tochter im Seidenkleid zur Erstkommunion schicken möchte und die absurdesten Gaunereien unternimmt, um das Geld dafür zusammen zu bekommen.

Er wollte "eine Geschichte erzählen, wie man unter miesen Lebensbedingungen seine Würde bewahrt, wie man harte Zeiten übersteht, ohne dass man sich geschlagen gibt", beschrieb Loach den Film. Ein Motto, das eigentlich auf jedes seiner Werke aus dieser Periode passt.

Unterhaltsame Sozialkritik

Der ehemalige Theaterautor Mike Leigh räumte im selben Jahr mit "Nackt" - dem eindringlichen Film über den Londoner Gossenphilosophen Johnny (David Thewlis), der an der Welt verzweifelt und gegen das Leben und die Menschen im Thatcher-England wütet - in Cannes gleich zwei Preise ab. "Lügen und Geheimnisse", die Geschichte einer jungen schwarzen Augenärztin (Marianne Hean-Baptiste), die sich nach dem Tod ihrer Adoptivmutter auf die Suche nach ihrer leiblichen Mutter begibt und wie ein Ufo in eine weiße Proletarierfamilie in einem Londoner Vorort kracht, wurde drei Jahre später sogar mit der Goldenen Palme ausgezeichnet.

Zu "Riff-Raff" und "Raining Stones" versammelt die Ken-Loach-Edition noch das niederschmetternde, brillant gespielte Drama "Ladybird, Ladybird" aus dem Jahr 1994: Die Leidensgeschichte der sympathischen, aber vom Leben überforderten Mutter Maggie (Crissy Rock), die nach einem schrecklichen Fehler ihre Kinder an das Jugendamt verliert und danach einen aussichtslosen Kampf um ihre Würde führen muss.

Die Mike-Leigh-Edition bietet neben "Nackt" und "Lügen und Geheimnisse" noch "Life is sweet" von 1990, das teilweise umwerfend witzige, dann wieder tieftraurige Porträt einer britischen Arbeiterfamilie.

Zwei DVD-Editionen, die beweisen, dass die Wirklichkeit ihren Platz im Kino verdient und das Sozialkritik hoch unterhaltsam, kurzweilig, sinnlich und bewegend sein kann.



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