"Lover oder Loser" Generation in der Warteschleife

David Kanes Komödie "Lover oder Loser" betreibt Fallstudien im schrägen Biotop der Thirty-Somethings - dort, wo es am buntesten zugeht: im Londoner Stadtteil Camden.

Von Cristina Moles Kaupp


Noch lachen sie: Tattoo-Künstler Danny (Douglas Henshall) und Traumbraut Hannah (Catherine McCormack)

Noch lachen sie: Tattoo-Künstler Danny (Douglas Henshall) und Traumbraut Hannah (Catherine McCormack)

Immer das gleiche mit der Liebe: Erst sucht man sie selbst an den abwegigsten Orten, dann trifft sie einen - und wird nicht registriert. "Lover oder Loser" platzt mitten hinein in das Leben jener um die Dreißig, die sich für ein Ambiente aus siffigen Bars, wilden WGs und trotzige Popmusik entschieden haben. Bei Regisseur David Kane leben sie in der bunten Vorzeige-Gemeinschaft des Londoner Stadtteils Camden - ein einziger Flohmarkt voller Tagediebe und Lebenskünstler. Mittendrin der gutgläubige Tattoo-Künstler Danny (Douglas Henshall): 35 Minuten nach der Trauung mit Traumzauberbraut Hannah (Catherine McCormack) muss er erfahren, dass sie ihn vor wenigen Tagen erst mit dem Trauzeugen betrog. Schon fliegt die Hochzeitstorte durch die Luft, kommt die Geschichte in Fluss. Denn Hannah landet sturzbetrunken im Bett von Cameron (Dougray Scott), einem Möchtegern-Maler und Frauenheld mit dem viel versprechenden Anmachspruch: "Ich liebe deinen Knochenbau".

Danny hingegen lernt Marey (Kathy Burke) kennen, ein singendes Weib mit Pfunden und einem Herz aus Gold aber lausigem Selbstwertgefühl. Bleibt noch Camerons hyperschüchterner Mitbewohner und Comic-Sammler Liam (Ian Hart). Er stößt auf die spröde Sophie (Jennifer Ehle), die sich gern im Alkohol und in ätzenden Zynismen verliert. Alle sind vom wilden Paarungseifer getrieben, anders lassen sich diese unglücklichen Konstellationen nicht erklären. Ein Wunder, dass sie die erste Nacht überdauern - allen Zweifeln zum Trotz, die längst in den Augenwinkeln der Thirty-Somethings nisten. So folgen dem beschwingten Miteinander erwartungsgemäß erst Wortgefechte, dann ein cooles Ciao. Schon ist das Jahr um, werden die Karten neu verteilt.

"This Year's Love", so der Originaltitel, verfolgt die sechs Überlebenskünstler drei Sommer lang in wechselnden Kombinationen. Doch das zunächst lustige Treiben wird zunehmend verzweifelter, fordert erste Opfer: Abtreibung, Nervenzusammenbruch, Suizidversuch. Das Lachen über die hektische Gier nach Fleisch und Liebe bleibt rasch im Halse stecken, weicht der Sorge um die liebgewordenen Figuren. Ihr Scheitern und Bangen, der behelfsmäßige Zustand, in dem sie sich eingerichtet haben, ist nicht nur typisch für heute, sondern auch für eine Gemeinschaft ohne Halt im Wartestand. Kanes überspitzt realistische Sicht auf die Dinge, widerspricht leider der Lebenserfahrung, die er seinen Figuren eigentlich zugestehen müsste. Jeder weiß inzwischen, dass selbst in der schicksten Kröte kein blaues Blut pulsiert. Oder gibt es einen anderen Grund, stets Sex mit Liebe zu verwechseln?



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