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16. August 2009, 18:35 Uhr

Low-Budget-Thriller "District 9"

Apartheid gegen Aliens

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Es geschieht nur selten, dass ein Sci-Fi-Actionfilm Kritiker zu Lobeshymnen animiert. "District 9", einem von Neill Blomkamp gedrehten und von Peter Jackson produzierten Minibudget-Thriller, gelingt nicht nur das: Der Überraschungserfolg übertrumpfte in den USA sämtliche Blockbuster.

Der Blick auf die aktuellen US-Kinocharts zeigt, dass der Sommer noch nicht vorbei ist. Gleich drei Sci-Fi-Filme unterschiedlicher Prägung tummeln sich da auf den obersten Plätzen. Das riecht nach Popcorn-Kino und danach, dass bei Badewetter eben nur die Nerds ins Kino gehen. Könnte man denken.

Für "G.I. Joe", dieses äußerst erfolgreiche Werbevideo für die Actionfiguren des Spielzeugkonzerns Hasbro, mag das gelten. Der sieht sich in seiner zweiten Woche seit dem Kinostart zumindest in den USA aber von Eins auf Drei deutlich auf die Plätze verwiesen: Demnach führt nun ein kleiner südafrikanisch-neuseeländischer Film die Charts an. "District 9", so der Titel des Überraschungserfolges, hat demnach schon am ersten Abend die Hälfte seiner Produktionskosten hereingeholt.

Kunststück, denn das Ding war - für internationale Kinoverhältnisse - billig: 30 Millionen Dollar soll der Streifen nur gekostet haben, bis zum Sonntagnachmittag spielte er 37 Millionen wieder ein. Trotz und vielleicht auch weil ihm Stars völlig fehlen.

Was er stattdessen bietet: Einen semi-dokumentarischen, mitunter handverwackelten Stil. Viel Action, kombiniert mit einer Handlung, die - zumindest in den Baller-Pausen - diese Bezeichnung angeblich auch verdient. Dazu eine originelle Idee, die dem Film Chancen geben könnte, in zwei Jahren nicht vergessen zu sein.

Beste Sci-Fi-Tradition: Action als Allegorie

Denn was Produzent Peter Jackson ("Herr der Ringe") hier finanziert hat, ist angeblich kein "Cloverfield", obwohl Gemeinsamkeiten bestehen: Wie bei diesem Low-Budget-Monsterfilm oder - Jahre zuvor - bei "Blair Witch Project" hatte bereits Monate vor dem Filmstart eine Web-basierte Promotion-Kampagne begonnen, die die Möglichkeiten des Mediums nicht nur nutzte, sondern auch ernst nahm. Wer sich heute die zahlreichen Videos auf der Webseite zum Film anschaut, kann nur darüber staunen, dass schon ein Tag nach dem Filmstart das Gros der Videobeiträge von Fans kommt. Die hat man mitmachen lassen, bevor sie noch recht wussten, woran sie mitwirken.

Das geht, weil die Grundidee des Actionkrachers eine zutiefst vertraute ist: Er nimmt das große Thema der Diskriminierung auf, der Ausgrenzung und Verfolgung von Andersartigen. "District 9" ist ein perfide sinnfällig in einem zukünftigen Südafrika angesiedelter Apartheidsthriller, bei dem die Unterdrückten und Internierten Aliens sind.

Für amerikanische Filmkritiker ist sowohl das, als auch die Tatsache, dass die Aliens weder Invasoren noch Flüchtlinge noch wohlmeinende weise Warner sind, sondern einfach nur da, etwas Neues. Klar ist das so, denn normalerweise ist zumindest Sci-Fi der Space-Opera-Prägung völlig anthropozentrisch: Immer geht es um den Menschen. Der Alien ist nur Gegner, Gehilfe oder exotisch schmückendes Beiwerk, selten aber Subjekt. Mitunter ist die Suche nach intelligenten Sci-Fi-Filmen nicht weniger mühsam als die nach intelligenten Aliens.

Anthropozentrisch kann die Science Fiction aber auch auf intelligente Weise sein (und sogar, wenn es kracht): In ihren besten Momenten führt sie den Menschen auf sich selbst zurück, hält ihm einen Spiegel vor, vermittelt Botschaften oder grundlegende Einsichten. Dass die Science Fiction, wenn sie sich um den Alien dreht, eigentlich den Menschen im Blick hat, ist beste Tradition von Stanislaw Lem über Arthur C. Clarke bis zu den Brüdern Arkadi und Boris Strugazki ("Picknick am Wegesrand").

Glück im Unglück: Es hätte auch "Halo" werden können

Dieses Kunststück scheint nun auch dem südafrikanischen Regisseur Neill Blomkamp gelungen zu sein. Angeblich wollte der sowohl einen Popcorn-kompatiblen Actionfilm drehen als auch etwas über sein Land und seine Biografie erzählen - und kombinierte einfach das eine mit dem anderen. "District 9" entstand dabei als eine Art Trostpflaster für den von Peter Jackson geförderten Newcomer. Denn eigentlich sollte der für angeblich 175 Millionen Dollar das Merchandising der erfolgreichen "Halo"-Actionspiele ins Kino erweitern. Dann sprang zum Glück das produzierende Studio ab, Blomkamp saß ohne Arbeit da - und Jackson zwackte sich 30 Millionen Dollar ab und die Aufforderung, Blomkamp solle sich was überlegen und etwas daraus machen.

Das hat er getan, und wahrscheinlich war das weit intelligenter und glücklicher, als wenn der für viel Geld noch ein Videospiel verfilmt hätte: "Action" ist im Englischen ein Wort mit Doppelbedeutung, was mitunter zu dem Missverständnis zu führen scheint, man könnte "Handlung" dadurch vollständig ersetzen. Der frisch verhinderte Regiestar kitzelte aus seinem relativ kleinen Budget (reicht heute gerade für fünf Folgen "CSI") heraus, was möglich ist.

Jede Menge Marketing

Blomkamp ging die Sache strategisch an, entwickelte Story, Web-Seite, virale Kampagne und Film parallel. Auf der Comic-Con-Messe machte er Sci-Fi-Fans den Mund wässrig und sorgte dafür, dass genügend von ihnen die Werbung übernahmen, die sich Blomkamp selbst nicht leisten konnte.

Mit Erfolg: 24 Stunden nach Veröffentlichung des Films ist der Sci-Fi-Kracher allgegenwärtig. Verblüffte Kritiker, die das Werk gar nicht auf dem Radar hatten, liefern schnell Besprechungen nach. Die "New York Times" hatte da einen besseren Riecher, hatte Film und Regisseur schon im Vorfeld zwei große Artikel gewidmet. Wie in fast allen Kritiken treffen auch dort Worte aufeinander, die normalerweise selten korrelieren: "Action" und "intelligent", "brutal" und "zum Nachdenken anregend". Unter dem Strich scheint "District 9" ein durchdachtes Apartheidsdrama im Anzug eines ab-18-Jahre-Krachers.

Im Kulturforum der "Times" notiert "District 9" mit vier von fünf Sternen, in der Internet Movie Data Base IMDB - einer Art Wikipedia für Film-Freaks - mit neun von zehn Punkten aktuell auf Platz 78 der besten Filme überhaupt. Tendenz: steil steigend.

Ob "District 9" diesen ganzen Hype auch inhaltlich rechtfertigt, werden wir in Deutschland erst am 22. Oktober erfahren. Sony Pictures, die den Vertrieb übernommen haben, haben zwar offenbar mit einem Markterfolg gerechnet (in den USA ging "District 9" mit über 3000 Kopien in den Vertrieb), nicht aber mit einem Blockbuster, der einen internationalen Parallelstart gerechtfertigt hätte.

Mit dem Kinostart in den USA hat der Film nun die Phase des in Subkulturen gehegten Gerüchts verlassen. Jetzt trifft der überraschte Mainstream, dessen Interesse erwacht, auf die Fülle des "District 9"-Materials im Web. Das virale Konzept, das schon die vermeintlich kleinen Produktionen "Blair Witch" und "Cloverfield" zum Erfolg spülte, scheint einmal mehr aufzugehen. Bei YouTube brauchte der erste Trailer zum Film noch fünf Tage, um 40.000 Zuschauer zu finden. Der zweite erntete am ersten Tag eine halbe Million - alles potentielle Kinobesucher, wie es nun aussieht.

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