Madonnas neuer Film Mädchen, habt keine Angst vor dem Alter!

Madonnas Filmrollen geben immer auch Auskunft darüber, wie sie in der Öffentlichkeit wahrgenommen werden will. In "Ein Freund zum Verlieben" spielt sie eine Yogalehrerin, die von einem schwulen Freund schwanger wird.

Von Oliver Hüttmann


Robert (Rupert Everett) kümmert sich um seine schwangere Freundin Abbie (Madonna)
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Robert (Rupert Everett) kümmert sich um seine schwangere Freundin Abbie (Madonna)

Abbie ist schwanger. Zufällig. Von ihrem besten, platonischen Freund, einem Schwulen. Madonna Louise Veronica Ciccone wäre das so nicht passiert. Dafür kontrolliert sie zu eisern ihre Existenz, seit sie beschlossen hat, nur noch Madonna zu sein. Alle Projekte, jedes Image in ihrer Karriere waren als Evolutionsstrategie im Medien-Zeitalter zyklische, öffentliche Häutungen, um neu im alten Glanz zu erstrahlen. Selbst die Geburt ihrer Tochter Lourdes Maria geriet dabei zur Zelebration einer Zäsur ­ von der lustvollen Sünderin zur matronenhaften Ikone. Gezeugt wurden Mädchen und Image während der Dreharbeiten zu Alan Parkers "Evita", dem Kinomusical über die argentinische Landesmutter Eva Perón.

Mit ihren Filmrollen lässt uns Madonna wissen, wie sie gerade drauf ist, welches Image sie zu Markte trägt. 1993, kurz nach den Nacktfotos im Bildband "Sex", spielte sie die sadomasochistische Schlampe in Uli Edels "Body Of Evidence" und überbrückte so die Zeit zwischen den Alben "Erotica" (1992) und "Bedtime Stories" (1994).

Auch die Rolle der Abbie in "Ein Freund zum Verlieben" scheint mit Bedacht gewählt: Das Leben der Yogalehrerin, die mit dem schwulen Landschaftsdesigner Robert eine lockere Familie gründet und schließlich einen smarten Investment-Broker heiraten will, erinnert an Madonna, die Mutter, die Esoterikerin, die Superfrau, die sich zum Kinderkriegen einen beliebigen Mann angelt - und ihn dann wieder abstößt.

Der Film dient als Bindeglied zwischen ihrer esoterischen Platte "Ray Of Light" von 1998 und dem kommenden Album "Music", das die nächste Phase einleiten wird. Dass sie einige Monate nach den Dreharbeiten wieder schwanger wurde, sollte man dennoch nicht als Marketing-Termin notieren - zumal der Film in den USA schon gefloppt war, bevor der Klatsch um den Bauch des Superweibes wucherte. Aber Madonna hat sich schon so oft selbst erfunden, enthüllt und verkleidet, dass nach außen hin nichts mehr wie Zufall erscheint.

Auch Abbie kommt die Schwangerschaft ganz recht. Sie leidet unter Liebeskummer und ihrem nicht mehr ganz so rosigen Alter, als sie sich am Nationalfeiertag mit Robert (Rupert Everett) vorm Fernseher einen ansäuft. Der wohnt in der Villa eines schrulligen alten Schauspieler-Ehepaar und hat die unsteten Liebeleien in seinem Leben satt. Der Versuch der beiden, eine Szene aus einem Film mit Fred Astaire und Ginger Rogers nachzutanzen, mündet in einem amüsanten Chaos. Am nächsten Tag wachen sie nackt nebeneinander auf. Da schnellstens aufgeräumt werden muss, wird der Umstand nicht analysiert. Bis Abbie ihm Tage später froh die Nachricht mitteilt ­ in einem Gewächshaus!

Damit ist nicht nur der heiterste Teil vorbei, sondern fast auch die Geschichte. Die macht einen Sprung von sechs Jahren; und Robert dabei zuzusehen, wie er in seiner Vaterrolle aufgeht (und dabei sogar dem Sex entsagt), seinen Sohn zu Bett bringt, zur Schule fährt, ihm vorliest und dessen Geburtstagsparty schmeißt, ist zum Gähnen. Dann wagt die Komödie noch die Kurve zum Drama. Abbie verliebt sich in Ben (Benjamin Bratt), einem geschniegelten Prachtexemplar seiner Gattung, attraktiv, erfolgreich, höflich und sensibel, der Abbie samt Sohn mit nach New York nehmen will. Robert will den Jungen aber behalten. Der Streit landet vor Gericht.

Man mag nicht glauben, dass Regisseur John Schlesinger mal virtuos intime und aufregende Filme wie "Asphalt-Cowboy" (1969) oder "Der Marathonmann" (1976) gedreht hat. Er habe von einer "unkonventionellen Liebe und Familie" erzählen wollen, sagt er ­ doch ist dies derart konventionell inszeniert, dass er für die obligatorischen Tränen gar die Aussage verwischt. Plädiert er nun für schwule Väter an der Kinderkrippe? Sollten sie gar die besseren Erzieher sein? Oder kann es nicht funktionieren, weil sich das Weibe immer zum Traummann hingezogen fühlen wird? Propagiert er gar das Scheitern? Das Ende verweist dann auf "Kramer gegen Kramer", der Mutter aller Sorgerechtsdramen. Abbie überlässt Robert versöhnlich den Jungen bis zum Abend ­ aber dafür muss er auf ihre Straßenseite wechseln.

Und was sagt uns Madonna? Mädchen, habt keine Angst vor dem Alter, der Mann fürs Leben wird schon kommen, und sonst könnt ihr Kinder kriegen, wann und von wem ihr wollt ­ und sei es vom Fitnesstrainer! Bedauerlich ist allerdings, dass Rupert Everett als einer der wenigen bekennenden Schwulen im Filmgeschäft so manches tuntige Klischee ausspielt. Und der deutsche Titel führt auch noch in die Irre. Im Original heißt er "The Next Best Thing" ­ ein Satz von Abbie, als sie Robert raten lässt, was ihr passiert ist.

"Ein Freund zum Verlieben" ("The Next Best Thing"). USA 2000. Regie: John Schlesinger; Drehbuch: Thomas Ropelewski; Darsteller: Madonna, Rupert Everett, Benjamin Bratt, Lynn Redgrave. Verleih: Concorde; Länge: 108 Minuten; Start: 10. August.



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