Kino- und Serienstar Mads Mikkelsen "Ich dachte, das war's mit der Karriere"

Der spinnt, der Däne: Statt an seiner Hollywood-Karriere zu arbeiten, hat Mads Mikkelsen in seiner Heimat die Komödie "Men & Chicken" gedreht. Im Interview redet er über Tabubrüche - und was man von Hannibal Lecter lernen kann.
Kino- und Serienstar Mads Mikkelsen: "Ich dachte, das war's mit der Karriere"

Kino- und Serienstar Mads Mikkelsen: "Ich dachte, das war's mit der Karriere"

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Zur Person
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Mads Mikkelsen, 1965 bei Kopenhagen geboren, wurde 2006 als Bond-Bösewicht in "Casino Royale" international bekannt. Beim Filmfestival in Cannes wurde er 2012 zum besten Darsteller im Missbrauchsdrama "Die Jagd" gekürt. Für den US-Sender NBC verkörpert der ehemalige Tänzer seit 2013 den Killer-Kannibalen "Hannibal". "Men and Chicken" ist sein vierter Film unter der Regie von Anders Thomas Jensen.

SPIEGEL ONLINE: Herr Mikkelsen, wenn man sich etwas so Amüsantes, aber auch Verstörendes wie Ihren neuen Film "Men & Chicken" ansieht, könnte man denken: Die spinnen, die Dänen.

Mikkelsen: Ja, aber das wäre ein bisschen zu einfach, nicht wahr? "Men & Chicken" ist nicht unbedingt typisch dänisch, dafür aber typisch Anders Thomas Jensen. Es gibt niemanden, der solche Filme dreht wie er. Er nimmt die traditionellen Elemente des dänischen Kinos aus den Vierzigern und Fünfzigern, das beschauliche Leben auf dem Land, und wirft es in einen Karton voller Wahnsinn. Der Wille zur politischen Unkorrektheit hingegen, der dem zugrunde liegt, ist tatsächlich typisch dänisch.

SPIEGEL ONLINE: "Men & Chicken" handelt von vier Brüdern, die Schreckliches über ihre Herkunft herausfinden (Am Ende des Artikels finden Sie eine Kurzkritik zum Film). Geht es Ihnen darum, am sauberen Image von Dänemark zu kratzen und dabei möglichst viele Tabus zu brechen?

Mikkelsen: Der Tabubruch an sich ist gar nicht so sehr das Ziel, wenn wir einen Film wie "Men & Chicken" drehen. Aber er ergibt sich immer wieder, wenn Anders seine poetischen Geschichten über Gott, die Hölle oder den Sinn des Lebens erzählt. Bei anderen würde das vielleicht prätentiös wirken, aber Anders hat einen Weg gefunden, große Themen anhand von Irrsinn zu verhandeln. Ich finde, das ist eine sehr schöne Art, das zu tun.

SPIEGEL ONLINE: Seit 15 Jahren spielen Sie in jedem Film von Jensen mit. Warum drehen Sie so gerne mit ihm?

Mikkelsen: Für mich ist das wie nach Hause zu kommen: Es ist meine Sprache, ich arbeite mit Kollegen, die gleichzeitig Freunde sind, und Anders erzählt Geschichten, die mir entsprechen. Das ist enorm komfortabel. Andererseits weiß ich vor jedem Dreh, dass es alles andere als bequem werden wird, weil wir uns immer wieder herausfordern, immer wieder über Grenzen gehen. Wir haben in Filmen wie "Dänische Delikatessen" oder "Adams Äpfel" Dinge gemacht, nach denen ich dachte: "Ok, das war's mit der Karriere!" Wir waren sehr mutig. Und ich bin sehr stolz, Teil dessen gewesen zu sein.

SPIEGEL ONLINE: In "Men & Chicken" sehen Sie mit Schnäuzer und Lockenfrisur aus wie eine Karikatur des Marlboro-Mannes. Machen Sie sich mit solchen mutwilligen Entstellungen über Ihren Titel als "sexiest man alive" lustig, den Ihnen ein dänisches Magazin verliehen hat?

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Mads Mikkelsen: Dänischer Dynamiker

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Mikkelsen: Man kann ohnehin nicht kontrollieren, was die Medien über einen schreiben, oder? In Amerika bin ich der Bösewicht mit der Augenklappe, in Dänemark bin ich der sexy Typ, in Schweden der schräge Kerl. Was auch immer. Ich bin bald 50. Da kann ich froh sein, wenn mich noch ein paar ältere Damen attraktiv finden.

SPIEGEL ONLINE: Man könnte den Eindruck bekommen, Eitelkeit sei Ihnen völlig fremd.

Mikkelsen: Oh, ich bin sehr eitel: Ich bin Schauspieler! Aber ich bin ein guter Team-Player. Ich bin weniger daran interessiert, spezielle Szenen zu bekommen - zum Beispiel wie ich gerade nach einem Workout mit nacktem Oberkörper aus dem Wasser steige oder so was…

SPIEGEL ONLINE: ...wie Ihr Kollege, der Bond-Darsteller Daniel Craig, in "Casino Royale"...

Mikkelsen: ...weil es ja Verschwendung wäre, meine frisch aufgepumpten Oberarme nicht zu zeigen (lacht). Nein, dieses Gen habe ich nicht. Aber ich kann auch auf bestimmte Szenen bestehen, wenn ich glaube, sie sind wichtig oder entscheidend für die Figur, die ich spiele. Ich bin also, hoffe ich zumindest, eher eitel in Bezug auf meine Film-Charaktere; nicht so sehr in Bezug auf meine eigene Person.

SPIEGEL ONLINE: Apropos "Casino Royale", in dem Sie Craigs Gegenspieler Le Chiffre spielen. Haben Sie niemals gedacht: Bond könnte ich auch?

Mikkelsen: Zunächst einmal muss ich Daniel in Schutz nehmen: Die Szene, wie er aus dem Meer steigt, stand so im Skript. Er musste es also tun. Und er hatte das viel besser drauf, als ich es gekonnt hätte. Ich finde solche Szenen nicht so aufregend, weil sie nur einem Zweck dienen, nämlich: den weiblichen Zuschauern einen nackten Männeroberkörper zu zeigen. Es gibt im Internet einen Zusammenschnitt, in dem es so aussieht, als beobachte ich als Le Chiffre ihn dabei mit diesem blutendem Auge - als ginge es um Liebe unter Männern. Fair enough! Und ein interessanterer Ansatz.

SPIEGEL ONLINE: Hätten Sie nicht mal Lust auf eine richtige Action-Rolle? Ihr Kollege Liam Neeson zeigt ja gerade, wie das im gereiften Alter geht - und ist damit sehr erfolgreich.

Mikkelsen: Klar, sofort! Ich habe "96 Stunden" gesehen. Liam macht das sehr gut. Sicher, wenn es ein guter Stoff ist: immer her damit. Ich bin mit Charles Bronson aufgewachsen und fand immer, dass ältere Männer, die immer noch was drauf haben, eine gewisse Schönheit und verdammt viel Coolness ausstrahlen. Es kann natürlich nicht nur darum gehen, möglichst cool auszusehen, die Rolle müsste auch eine gewisse Tiefe haben.

SPIEGEL ONLINE: Wäre Indiana Jones nicht etwas für Sie?

Mikkelsen: Nein, ich glaube, das hätte ich nicht drauf. Harrison Ford hat diesen ganz bestimmten Charme. Und vor allem die ersten beiden Filme sind makellos. Da kommt niemand ran.

SPIEGEL ONLINE: Trauen Sie sich das leicht Trottelige der Jones-Rolle nicht zu?

Mikkelsen: Ich bin für Humor zu haben, wie Sie an "Men & Chicken" sehen, aber ich mag Slapstick nicht so sehr. Daher bin ich auch nicht wirklich gut darin.

SPIEGEL ONLINE: Abgründigere Figuren wie der kulinarisch bewanderte Killer Hannibal Lecter, den sie in der NBC-Serie "Hannibal" spielen, liegen Ihnen offenbar näher. Nach der aktuellen dritten Staffel ist Schluss, sagt der Sender. Kam das für Sie überraschend?

Mikkelsen: Es war keine große Überraschung, die Quoten befanden sich im steten Sinkflug. Natürlich sind wir alle sehr traurig, aber vielleicht müssen wir akzeptieren, dass es wirklich aus ist. Vielleicht übernimmt aber auch ein anderer Sender, das wird sich in den nächsten Wochen entscheiden. So oder so sollten wir dankbar sein, dass wir eine Serie wie "Hannibal", die extremer ist als vieles, was im Pay-TV zu sehen ist, so lange auf einem Network-Sender machen durften: die Poesie, das Traumartige und natürlich die Radikalität der Gewaltdarstellungen. NBC ging damit weiter, als wir uns je erhofft hatten.

SPIEGEL ONLINE: Was hat Sie an der Figur Hannibal fasziniert?

Mikkelsen: Mir gefällt, dass Hannibal kein gequälter Charakter ist. Er ist wie ein gefallener Engel, der Schönheit sieht, wo wir nur Horror empfinden. Er ist im Angesicht des Schreckens so glücklich, wie wir, wenn wir unseren Kindern beim Spielen zusehen. Seine Empathie ist aufrichtig, aber natürlich ist alles ein wenig verdreht. Hannibal ist ein sehr ausgeglichener Mensch: Er lebt und genießt jeden Moment, als wäre es der letzte, und das ist letztlich etwas, nachdem jeder streben sollte, oder? Hannibal hat keine Zeit für schlechtes Essen oder schlechte Gesellschaft. Jede Sekunde zählt.

SPIEGEL ONLINE: Erkennen Sie Ihre eigene Lebensphilosophie darin wieder?

Mikkelsen: Ja. Aber wie in allem ist Hannibal auch hierin der Meister. Da kommt man nicht heran. Außerdem würde ich sein Hobby nicht unbedingt weiterempfehlen. Aber man kann etwas von ihm lernen: Verschwende keine Zeit!

Kurzkritik: Men & Chicken
Foto: DCM

Warum muss sich Elias (Mads Mikkelsen, l.) alle fünf Minuten einen runterholen? Warum ist Gabriel (David Dencik, r.) so klug? Und warum sehen sich die beiden Brüder überhaupt nicht ähnlich? Was mit ihnen nicht stimmt, finden sie heraus, als sie sich auf die Suche nach ihrem leiblichen Vater begeben. In einem alten Landhaus finden sie nicht nur zwei degeneriert wirkende Verwandte, sondern auch ein verstörendes Familiengeheimnis heraus. Nach "Blinkende Lichter", "Dänische Delikatessen" und "Adams Äpfel" versammelt der dänische Regisseur Anders Thomas Jensen erneut sein Lieblings-Ensemble, um hart am Rande der Geschmacklosigkeit eine weitere haarsträubende Geschichte über das ewige Gerangel zwischen Gott, Mensch und Natur zu erzählen. Ein Kinospaß für robuste Gemüter. (bor) Start: 2. Juli

Sehen Sie hier den Trailer zu "Men & Chicken"