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09. Mai 2016, 18:29 Uhr

Verfilmung von "Mängelexemplar"

Depression als Nummernrevue

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In Karo tobt ein dunkler Sturm: 2009 gelang Sarah Kuttner mit "Mängelexemplar" ein Überraschungsbestseller über Depressionen. Jetzt kommt die knallbunte Filmadaption ins Kino.

Depressionen sperren sich gegen die klassischen Heldengeschichten, die das Kino gerne erzählt. Die eigene Seele kann man nicht besiegen und hinter sich lassen, man muss sie aushalten: Depressive Schübe kommen häufig in Wellen, wechseln sich bei bipolaren Störungen mit manischen Phasen ab, verschwinden selten komplett aus dem Leben. Gleichzeitig kann der Film aber die dunklen Flecken des Gemüts über Bilder erfahrbar machen; Bilder, in denen sich Betroffene wiederfinden und die andere nachvollziehen können.

Jetzt hat die Nachwuchsregisseurin Laura Lackmann "Mängelexemplar" verfilmt, den Roman über eine junge Frau zwischen Berliner Medienbranche, Angstzuständen und lähmender Schwermut, mit dem Sarah Kuttner 2009 ein Bestseller über Depressionen gelang. Die erzählerischen Eckdaten bleiben auch in der Verfilmung: Karo (Claudia Eisinger) ist Ende zwanzig, Typ taff-hippes Großstadtmädchen. Arbeitet in einer Eventagentur, der DJ-Freund sieht ganz gut aus.

Aber in Karo tobt ein dunkler Sturm. Angstzustände und Weltmüdigkeit wechseln sich ab in einem Leben, das sich falscher anfühlt, als es von außen aussieht - und das irgendwann ganz aus der Spur gerät: Karo verliert ihren Job, weil sie ihre Stimmungen nicht unter Kontrolle hat. Den Freund, den sie nicht liebt, aber hält, um sich nicht selbst aushalten zu müssen, schmeißt sie mitten auf der Straße aus dem Auto. Weil Karo, selbst als der Vater der besten Freundin stirbt, nur von der eigenen Misere spricht, kappt auch die den Kontakt.

Schon Kuttners Buch funktionierte nicht durch eine differenzierte Betrachtung der Krankheit, sondern durch die charmant-unausgegorene Erzählhaltung: Ihre Karo schnodderte ohne Filter im Kopf, assoziierte, warf ihrem Therapeuten Popkultur an den Kopf: "Sie sind ein bisschen wie Niels Ruf, nur weniger Arschloch."

Must-haves jeder Depressionsgeschichte

Die Verfilmung steht auf gewisse Weise ähnlich unter Strom: Bei Lackmanns Karo laufen die Gedanken, die der Zuschauer als Voice-over mitbekommt, immer mehrspurig und unaufhaltsam: Karos geraunte Angst vorm Alleinsein. Ihre gepressten Beschimpfungen gegenüber der Chefin. Der nagende Verdacht, dass sie sich mit dem Freund einen Typen angeschafft hat, der genauso abwesend ist wie der Vater früher. Auch optisch lässt sich kaum Abstand von Karo nehmen, wird alles veräußerlicht: Vor knallbunter Berlin-Mitte-Kulisse inklusive Männern mit Balkenschnurrbärten schleppt Karo zum Beispiel nicht nur gedanklich, sondern tatsächlich ihr inneres Kind auf dem Buckel.

So ist immer etwas los im Film, parallel zu Karo kommt auch der Zuschauer kaum zur inneren Ruhe. Gerade weil sich Lackmann so sehr auf die Ästhetik verlässt, verpasst sie aber die Gelegenheit, ein individuell plausibles Porträt einer depressiven Frau zu zeichnen. "Mängelexemplar" bildet emotionale Zustände nonstop ab, ohne dass Verbindungen zwischen ihnen entstünden. Warum Karo überhaupt neben der Spur ist? Der Missbrauch in der Kindheit wird in einem Halbsatz im Therapiegespräch angedeutet. Weil ihm sonst nicht weiter nachgegangen wird, bleibt er als sehr plumper Kausalzusammenhang hängen.

Auch entwickeln sich Beziehungen in Lackmanns Film nicht, sondern kommen als Ansammlung der Must-haves jeder Depressionsgeschichte daher: Karos Mutter (Katja Riemann) hat selbst eine Lebensgeschichte voller Abstürze und Psychopharmaka und pendelt angesichts der kriselnden Tochter zwischen Kümmer- und Arschtrittmodus. Was die beiden Frauen außer dem gemeinsamen Schnaps zu Weihnachten verbindet, was sie etwa aneinander schätzen, was sie sich übel nehmen und vor allem, warum, bleibt aber unerzählt.

Hipsterhassende Hipster

Neben dem schablonenhaften Mutter-Tochter-Konflikt taucht auch der seit dem Kindesalter abwesende Vater (Detlev Buck) auf, mehr Anti-Bilderbuchpapa geht kaum: Hängt mit seiner Gitarre in einer Kneipe ab, pennt bei einem Kumpel auf der Couch, hat irgendeinen Gig in Oldenburg. Und die Therapeutin (Maren Kroymann) hat Ratgebersprüche der übelsten Sorte parat: "Ich mag mich nicht", sagt Karo. Die Antwort: "Wenn Sie sich selbst nicht lieben, dann nutzt es auch nichts, wenn es ein anderer tut."

Nur Laura Tonke als beste Freundin Anna gelingt es, ihre Figur aller Ungereimtheiten zum Trotz (sie ist hipsterhassende Kneipenbesitzerin in Kreuzberg, die selber Glitzer-Bomberjacken trägt und Schnurrbartträger knutscht) wahrhaftig erscheinen zu lassen. Dass Tonke als beste Nebendarstellerin für den Deutschen Filmpreis nominiert ist, ist eine der wenigen Gelegenheiten, bei denen die Deutsche Filmakademie bisher richtig lag.

Retten kann ihre Nebenfigur den Film aber nicht. Die Mischung aus fahrigen Figurenzeichnungen und knalliger Ansammlung von Karos Gefühlszuständen in "Mängelexemplar" führt zu dem disparaten Gefühl, permanent an Hauptfigur Karo zu kleben, ihr aber trotzdem nicht nahezukommen. Da Lackmann keine eigene Haltung verfolgt, die über die unmittelbare Abbildung von Emotionen, Symptomen und - später im Film - Behandlungsmöglichkeiten hinausgeht, entwickelt man mit Karo irgendwann sogar doch eine gewisse trotzige Solidarität. Weil man sich ärgert, dass der Film so selten genau hinschaut, seine Hauptfigur und ihre Not erzählerisch so missachtet.

Als Karo noch denkt, wenn sie bei sich zu Hause alles schön macht, würde es auch in ihrem Inneren wieder hell, motzt sie im Baumarkt erst ein weinendes Kind an, dann die Mutter: "Wenn das Brüll im Baumarkt nicht überleben kann, dann soll es nicht sein." Diese gebeutelte, aber lebendige Karo, die hier so dermaßen überzogen gegen ihre Umwelt wütet - ihr hätte man gerne nicht nur zugesehen. Sondern auch ein bisschen in sie hineingeschaut.

Im Video: Der Trailer zu "Mängelexemplar":

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