Mafia-Epos "Il Traditore" Mörderische Sozialfürsorge

Der italienische Regie-Altmeister Marco Bellochio wirft in seinem Kinofilm „Il Traditore – Kronzeuge gegen die Cosa Nostra“ einen nüchternen Blick auf die ehrenwerte Gesellschaft.
Hauptdarsteller Favino in "Il Traditore": Auch am anderen Ende der Welt entkommt man der Cosa Nostra nicht

Hauptdarsteller Favino in "Il Traditore": Auch am anderen Ende der Welt entkommt man der Cosa Nostra nicht

Foto:

Pandora

In der linken Ecke des Bildes läuft ständig eine Zahl mit, die von Szene zu Szene rasant steigt. Sie zeigt die Todesrate an. Regisseur Marco Bellocchio hält die Zuschauer seines Films auf dem Laufenden, wie viele Menschen bei den Gemetzeln der Cosa Nostra auf Sizilien ums Leben kommen. Ab und zu zeigt er, wie's passiert. Mal wird eine Hand abgeschlagen, dann sinken Männer im Kugelhagel zu Boden oder werden mit bloßen Armen erwürgt. Irgendwann begreift man, warum Mafiosi einen Hang zur Großfamilie haben. Sie brauchen viele Verwandte und müssen viele Kinder in die Welt setzen, damit wenigstens ein paar übrig bleiben.

"Il Traditore" erzählt die Lebensgeschichte von Tommaso Buscetta (Pierfrancesco Favino), der für die Cosa Nostra mordete, Mitte der Achtzigerjahre in Brasilien festgenommen wurde und vor Gericht gegen seine früheren Bosse aussagte. Allein in dem ersten von insgesamt drei Prozessen gegen die Cosa Nostra wurden 1987 alles in allem 344 Angeklagte zu 2665 Jahren Haft verurteilt. Zur Vergeltung ließ die Mafia 14 Verwandte Buscettas ermorden, darunter zwei seiner Söhne. Buscetta kam in ein Zeugenschutzprogramm und erhielt bis zu seinem Tod im Jahre 2000 Rentenzahlungen des italienischen Staates.

Fotostrecke

"Il Traditore"

Foto: Pandora

Der Buscetta dieses Films ist ein Mann, der in einem monströsen Geflecht steckt und daraus entrinnen will. Doch wohin? Die Cosa Nostra erscheint in "Il Traditore" nicht als Parallelgesellschaft, sondern als die einzige Gesellschaft, die es gibt. Sie funktioniert nach eigenen Regeln und verfügt sogar über ein System der Sozialfürsorge. Landet ein Mann im Gefängnis, erhält seine Familie finanzielle Unterstützung. Jemand wie der Richter Giovanni Falcone (Fausto Russo Alesi), der gegen die Mafia kämpft, wirkt in dieser Welt wie ein Gesetzesbrecher, der das hier geltende Recht einfach nicht akzeptieren will. 

Weil "Il Traditore" seine Hauptfigur als Teil eines Systems betrachtet, unterscheidet sich der Film von vielen amerikanischen Mafia-Epen. Die feiern ihre Helden gern als Menschen, die ihren exzessiven Lebensstil in vollen Zügen genießen: Grenzgänger zwischen Glamour und Gewalt, die mal im Geld baden und mal im Blut – und am Ende meist dafür bezahlen müssen. Bellocchio zeigt Landschaftsaufnahmen und schneidet Szenen dagegen, in denen Buscetta gefoltert wird. Er ist eher ein trauriger Wicht als ein tragischer Held.

Filminfo

"Il Traditore - Als Kronzeuge gegen die Cosa Nostra"
Italien/Frankreich/Deutschland/Brasilien 2019
Regie: Marco Bellocchio
Buch: Marco Bellocchio, Ludovica Rampoldi, Francesco Piccolo, Valia Santella
Darstellende: Pierfrancesco Favino, Luigi Lo Cascio, Fausto Russo Alesi, Maria Fernando Candido
Produktion: Rai Cinema, Arte, Match Factory et al.
Verleih: Pandora
Länge: 153 Minuten
Freigegeben: ab 12 Jahren
Start: 13. August 2020

Als er vor Gericht auf dem Zeugenstuhl sitzt, allein gegen die Mafia, in einem Bunker, der extra für diesen Prozess gebaut worden war und raketensicher gewesen sein soll, macht Bellocchio aus dem Film eine Farce. Während Buscetta aussagt, sitzen und stehen die zahlreichen Angeklagten auf der anderen Seite des Saales in Käfigen und versuchen Buscetta niederzubrüllen. Der Richter ruft sie verzweifelt zur Ordnung, bekommt das Chaos aber kaum unter Kontrolle.

Der Prozess, der damals im Fernsehen übertragen wurde, war auch in Wirklichkeit zeitweise grotesk theatralisch. Wort- und gestenreich beteuerten die Angeklagten ihre Unschuld wirkten dabei wie Schmierenkomödianten. Auch Buscetta legte einen großen Auftritt hin und trat mit Sonnenbrille in den Saal, umgeben von Sicherheitskräften. Bellocchio zeigt diesen Schauprozess, in dem es mindestens so sehr um Eitelkeit wie um die Wahrheit ging, als Affentheater und versucht gleichzeitig, seinen Helden so ernst wie möglich zu nehmen.

Tatsächlich hat es etwas Rührendes, wie sich Buscetta im Film bemüht, mit Blut an den Händen das Richtige zu tun. Wie er sich einredet, dass früher alles viel besser gewesen sei, bevor die Cosa Nostra anfing, mit Heroin zu handeln. Ja, die Drogen, die hätten eben alles korrumpiert. Doch Bellocchio lässt ihn mit dieser Lebenslüge nicht davonkommen. Als Buscetta viele Jahre nach dem Prozess in Florida sitzt, mit einer Maschinenpistole in der Hand, weil er damit rechnet, dass jederzeit ein Mafia-Killer auftauchen kann, erinnert er sich an den ersten Mann, den er getötet hat. Diese Bilder nimmt er mit ins Grab.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.