Mammut-Flop "10.000 BC" Frust oder Keule

Ach ja, die guten alten Zeiten: Als Männer noch Helden waren und Mammuts jagten. Aber waren das wirklich solche Technikhasser wie die Urmenschen in Roland Emmerichs Steinzeit-Film "10.000 BC"? Und wenn ja - wie konnte das digitale Kino je erfunden werden?

Von Daniel Haas


Schon Lenny Kravitz in "10.000 B.C." gesehen? Was? Ist er gar nicht? Ach stimmt, sind ja die Jungs von Tokio Hotel als Steinzeit-Boys auf der Jagd nach Girls, Thrill und Abenteuer. Nein? Dieser verfilzte Wuschelkopf, der Mammuts und böse Sklaventreiber killt und am Ende eine ganze Hochkultur plattmacht, ist nicht Tom Kaulitz? Jetzt sind wir aber verwirrt.



Macht nichts. Man erträgt diesen Film sowieso nur im Zustand derangierter Gelassenheit. Loslassen, nicht mehr an historischen Koordinaten festhalten. Einfach mitwandern wie Tom, korrigiere D’Leh (Steven Strait) - so der Name des Helden - durch die Klimazonen (Gletscher, Dschungel, Wüste), die Kulturen (Afrika, Arabien), die Zeiten (Steinzeit bis Antike).

Was kriegt man zu sehen auf dieser Reise? Eine Horde Mammuts, einen Säbelzahntiger, ein paar übelgelaunte fleischfressende Riesenvögel, diverse, schick herausgeputzte Kriegerstämme, am Ende die Pyramiden im Rohzustand. Die waren - Bewohner von Zwei- bis Drei-Zimmerwohnungen wissen es - schon immer das große Ätschbätsch imperialistischer Bauherren. Ein steingewordener Stinkefinger, den die Oberklasse dem kleinen Mann entgegenhielt.

Da tut es gut zu erleben, wie besagter D’Leh einen Aufstand anzettelt, mal schnell ein paar tausend Sklaven befreit und den ägyptischen Snobs die Hütte runterfackelt. Seine Motive sind dabei weniger ideologiekritisch als, sagen wir, romantisch-pragmatischer und wertkonservativer Natur.

Denn die orientalischen Mogule haben seine Geliebte entführt, eine hübsche Rasta-Frau (Camilla Belle), die schon im Teenie-Alter den Jungs den Kopf verdrehte.

Wer jetzt auf Kokosnuss-Bikinis und knappe Lendenschurze spekuliert, muss sein Mammütchen woanders kühlen (am besten bei der Urzeit-Kriegerin "Red Sonja" oder den Trash-Amazonen aus "Wild Women of Wongo").

In Roland Emmerichs Paläo-Schmonzette sind selbst die Cro-Magnon-Ladies so keusch wie ein Burgfräulein aus dem 13. Jahrhundert. Dieser Triebverzicht wäre noch zumutbar, wenn man wenigstens gewaltästhetisch oder sonstwie optisch auf seine Kosten käme.

Aber vom blutigen Naturalismus eines "Apocalypto", Mel Gibsons Maya-Schlachtplatte, ist der Film ebenso weit entfernt wie vom Eskapismus der "Conan"-Movies. Die wussten wenigstens, was sie dem Zuschauer in Sachen Testosteron-Ausgleich schuldig waren. Frust oder Keule? Die Frage stellte sich erst gar nicht.

"10.000 B.C." hingegen präsentiert seine Action und Schauwerte so verschämt, als seien sie ein Schmuddelheftchen. Oops, ein Säbelzahntiger! Aber bitte nur einen Kurzaufttitt. Huch, eine Horde Killervögel! Schnell weg mit ihnen. Und der Blick auf die Pyramiden, dieses Weltwunder menschlicher Innovation: Eine Postkarte bietet spannendere Perspektiven.

Der Widerwille, die eigenen digitalen Möglichkeiten zur Schau zu stellen, ist einerseits paradox, andererseits aber konsequent. Er entspricht der grundlegenden Idee des Films, dass Technik schlecht ist, Fortschritt dämonisch und Kultur ein Projekt von Sklaventreibern. Von Anfang verteufelt dieses Urzeit-Rittermärchen die Möglichkeit einer Kreativität, die über das simple Handwerk hinausgeht.

Die Guten erlegen Mammuts mit der Hand, reisen zu Fuß und streicheln am Ende andächtig selbst gepflanztes Gemüse. Die Bösen sind auf dekadente Weise mobil (Pferd, Schiff), ersetzen Keule und Speer durch die Distanzwaffe Bogen und – das Schlimmste – versklaven den Menschen durch Technologie.

Dass die Seilwinden, die Steinquader zu Pyramiden auftürmten, zum Anfang städtischer Zivilisation gehören; dass technologische und soziale Errungenschaften in einem Wechselverhältnis stehen - diese Grundprämisse unser Kultur ist "10.000 B.C." so verhasst wie dem Säbelzahntiger die Karies.

Emmerichs Film, das wird in 109 öden Minuten unmissverständlich klar, will nicht nur das Rad der Zeit zurückdrehen, er will das Rad selbst abschaffen. Ausradiert wird dabei aber letzlich nur die Lust am Blockbuster-Kino, das von "Jurassic Parc" bis "Ice Age" die Frühgeschichte als visuellen Rummelplatz für große und kleine Zuschauer entdeckt hat.

"10.000 BC" muss beide Zielgruppen enttäuschen: die Großen, weil sie vom Mainstream-Kino nicht automatisch reaktionären Stumpfsinn erwarten. Die Kleinen, weil die Mammuts nicht lange genug zu sehen sind.

Tom Kaulitz, 18, würde bei sowas vermutlich nicht mitspielen.



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