Regisseurin Maria Schrader Gegen alle Widerstände

"Vor der Morgenröte", das Filmporträt von Stefan Zweig, ist ein Glücksfall für den deutschen Film. Trotzdem musste Regisseurin und Co-Autorin Maria Schrader zu jeder Zeit für ihren Film kämpfen.

Regisseurin Maria Schrader mit Hauptdarsteller Josef Hader
X Verleih/ Mathias Bothor

Regisseurin Maria Schrader mit Hauptdarsteller Josef Hader

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"Es gab so viele Momente, in denen es aussah, als würde es einfach nichts werden mit diesem Film - wie oft die Leute gesagt haben: Das ist ein Hörspiel oder ein Buch, aber kein Film", sagt Maria Schrader beim Interview in der Villa von X-Filme in Berlin-Charlottenburg. Sie sagt das gut gelaunt, denn sie kann gleich hinterherschieben: "Im Endeffekt wollte aber jeder ein bisschen dran beteiligt sein."

Beides ist im Fall von "Vor der Morgenröte" irgendwie verständlich - die Zweifel, weil Schraders Film über Stefan Zweig so ganz anders ist als herkömmliche historische Filmporträts. Sie erzählt von den letzten Lebensjahren des großen europäischen Schriftstellers in sechs lose verbundenen Episoden, die alle außerhalb Europas, auf verschiedenen Stationen von Zweigs Exil in Brasilien, Argentinien und New York spielen.

Genauso verständlich ist aber auch das Interesse der Geldgeber und Produzenten, jetzt doch etwas mit diesem Film zu tun haben zu wollen - er ist nämlich herausragend. Ein Film, der formal streng daherkommt und doch so stark mit seiner Erzählung von einem Mann berührt, der durch den Verlust der geistigen Heimat auch seinen Platz im Leben verliert. "Ich grüße alle meine Freunde! Mögen sie die Morgenröte noch sehen nach der langen Nacht!", heißt es in Zweigs berühmtem Abschiedsbrief, den er vor seinem Suizid am 23. Februar 1942 verfasst hat. "Ich, allzu Ungeduldiger, gehe ihnen voraus."

Lesen Sie hier unsere Kritik zu "Vor der Morgenröte"

Drama "Vor der Morgenröte"

Wie bei den besten deutschen Filmen mittlerweile üblich, war die Produktion von "Vor der Morgenröte" zermürbend schwierig, und der Weg zum fertigen Film von Kompromissfähigkeit in den meisten Momenten und Kompromisslosigkeit in den entscheidenden Momenten geprägt. Die Idee, einen Film über Stefan Zweig zu machen, geht auf den französischen Produzenten Denis Poncet zurück. Der trat 2011 an Maria Schrader heran, die sich 2007 mit ihrer ersten Regiearbeit "Liebesleben", einer Verfilmung des gleichnamigen Romans von Zeruya Shalev, als kluge, literaturaffine Regisseurin erwiesen hat.

Bei "Liebesleben" hatte Schrader bereits mit Produzent Stefan Arndt zusammengearbeitet. Arndt, der als Chef von X-Filme "Das weiße Band" und "Goodbye, Lenin" verantwortet hat, stieg auch in die Produktion von "Vor der Morgenröte" ein, obwohl er Biopics nach eigenen Angaben nicht mag - und eigentlich auch nicht Stefan Zweig. "Ich komme aus einem ziemlich bildungsbürgerlichen Haushalt, deswegen erschien mir der Zweig immer etwas langweilig."

Wie ihn Schrader von dem Stoff überzeugt hat, kann man sich nach dem Interview mit ihr einerseits schlecht vorstellen. Statt die knappe Pitch-Sprache anzuschlagen, mit der Filmemacherinnen und Filmemacher in zwei, drei Sätzen ihre Geschichte und deren Grundkonflikt umreißen, holt Schrader weit aus, rekonstruiert Szenen, beschwört Stimmungen, fühlt sich in ihre Figuren hinein. "Bei ihm schlägt das Pendel noch weiter aus als bei anderen Exilschicksalen", beschreibt sie Stefan Zweig. "Auf der einen Seite dieser besondere Enthusiasmus, diese besondere Empathiefähigkeit, auf der anderen Seite diese besondere Schwermut, diese besondere Unfähigkeit, Dinge zu portionieren und handhabbar zu machen. Außerdem war er im Gegensatz zu Thomas Mann, den man immer anführt, weil er einen ähnlichen weltweiten Bekanntheitsgrad hatte, eben Jude, und das hat seine Angegriffenheit wesenhafter gemacht."

Andererseits konnte "Vor der Morgenröte" womöglich nur genau wegen Schraders Art des Kommunizierens entstehen: Sie kann das Emotionale, das Tragische, eben das Filmische an Zweigs Biografie spürbar machen. Sie lebt in diesem Film - und der Film durch sie.

Die Bilder quillen über

Dass sie dieses doppelte Verkörpern so gut kann, liegt natürlich an ihrem Hauptberuf, der Schauspielerei. "Für diesen Film habe ich meine Arbeit am Theater ausgeschlachtet", sagt sie. "Von dort kenne ich die langen Szenen, die ihren eigenen Rhythmus haben und die nicht mehr geschnitten werden müssen. Der Aufbau hat sich auch aus dem Stoff ergeben, aber nicht nur. Mich hat hier eine Abenteuerlust gepackt, eine formale, filmemacherische Lust, mehr auszuprobieren."

Das Ergebnis sind ein Prolog und ein Epilog, die jeweils in einer einzigen Einstellung gedreht sind, dabei aber nicht verkünstelt wirken. Man merkt der Kamera von Wolfgang Thaler an, dass sie dokumentarisch geschult ist. Dinge und Personen werden nicht aufdringlich fokussiert, sondern rücken aus ihrer eigenen Logik heraus ins Blickfeld.

Das Erzähltempo erscheint dadurch langsam, dabei sind die Bilder randvoll gefüllt mit zeithistorischen Details, die das Gesagte stumm ergänzen. Ein schwarzer Brasilianer setzt sich nicht zu Zweig ins Auto, sondern fährt auf dem Trittbrett mit. Den Herren Journalisten, die den Großschriftsteller interviewen, flüstert eine Riege von Dolmetscherinnen die Übersetzung ins Ohr.

Stefan Zweig (Josef Hader) auf dem P.E.N. Kongress in Buenos Aires
X Verleih

Stefan Zweig (Josef Hader) auf dem P.E.N. Kongress in Buenos Aires

Fast 80 Sprechrollen sind so zusammengekommen. Und obwohl Produzent Arndt statt der zunächst veranschlagten zehn Millionen Euro Budget am Ende bei pragmatischen 5,5 Millionen angekommen ist, haben Schrader und ihr Co-Autor und Lebensgefährte Jan Schomburg keine einzige aus dem Drehbuch gestrichen. "Ich habe das Gefühl, dass ich für dumm verkauft werde, wenn man historische Themen runterbricht auf Namen und Personen, die direkten Einfluss auf die Geschichte haben", sagt Schrader. "Ich glaube, es vergrößert die Glaubwürdigkeit der Erzählung, wenn man nicht alles versteht."

So viele Sprachen wie möglich

Die Folge ist ein Cast aus Portugiesen, Österreichern, US-Amerikanern, Franzosen, Ukrainern, Isländern, Deutschen - und dazwischen, in der Hauptrolle, Josef Hader, der Deutsch, Französisch und Spanisch spricht. "Bei 'Liebesleben' habe ich den Fehler gemacht, auf Englisch zu drehen", sagt Schrader. "Hier habe ich darauf bestanden, dass so viele Sprachen wie eben nötig gesprochen werden. Schließlich geht es um Sprache und Exil, um Kommunikation und Adaption. Ich möchte, dass die Schauspieler ein Echo der historischen Figuren sind."

"Echo" umschreibt das allgemeine Erzählprinzip von "Vor der Morgenröte" treffend. Auch wenn die Stärke des Films im Drehbuch begründet ist, das so klug die Episoden aus Zweigs Leben ausgewählt hat, sind es die Lücken zwischen ihnen, die einen ebenso großen Reiz ausmachen. Der Film gibt nicht vor zu wissen, was Zweig dazu bewegt hat, von Rio nach New York zu gehen, um schließlich im tropischen Petrópolis sein letztes Lebensjahr zu verbringen.

Persönlich hat Schrader dafür durchaus Erklärungen parat. Sie und Schomburg haben sich tief in die Archive eingearbeitet, um Zweigs Leben möglichst exakt rekonstruieren zu können - so tief, dass sie später sogar Zweig-Biografen mit ihren Detailfragen überfordert haben. "Diese akademische Reise war für mich, die noch nicht mal Abitur hat, ein Abenteuer", sagt Schrader. "Worauf man da alles stößt, auf was für Menschen und Geschichten! Zwischendurch dachte ich: Wenn der Film wirklich nicht zustande kommt, dann hat es sich trotzdem gelohnt - weil ich so viel gelernt habe."

Blut, Schweiß, Träne

Doch Schraders Pragmatismus ist nicht grenzenlos. "Als Stefan Arndt sagte: 'Die ganzen tropischen Sachen drehen wir im botanischen Garten von Lissabon', war der Moment gekommen, an dem ich gesagt habe: 'Okay, dann hören wir hier jetzt auf'", erzählt Schrader. "Wenn man sich so reduzieren muss, kann es nicht funktionieren."

"Die ganzen tropischen Sachen" haben sie später auf São Tomé, einer von Portugiesen kolonisierten Insel im Golf von Guinea, gedreht. Der Kontakt dorthin ist, wie so vieles bei diesem Film, durch Zufall zustande gekommen. Schrader hatte gehört, dass es auf São Tomé noch nicht mal stabiles Internet gäbe. Doch Albert Wiederspiel, Leiter des Hamburger Filmfests, widerspricht: Er hat erst vor Kurzem dort Urlaub gemacht und drückt ihr die Handynummer eines Stringers in die Hand. Wenig später organisiert der junge Mann Schrader den Dreh auf der Insel mit.

Stefan und Lotte Zweig (Aenne Schwarz) in Bahia
X Verleih

Stefan und Lotte Zweig (Aenne Schwarz) in Bahia

Die Szenen auf São Tomé, das für das brasilianische Bahia einsteht, gehören zu den betörendsten des Films. Es fließt Schweiß, der die Kleidung von Stefan Zweig und seiner zweiten Frau Lotte durchnässt. Es fließt Blut, weil sich ihr Guide beim Durchqueren eines Zuckerrohrfelds an der Hand schneidet. Und es fließt eine Träne, weil ein übereifriger Dorfbürgermeister eine kleine Marschkapelle zu Ehren von Zweig organisiert, die den Donau-Walzer spielt und sich Zweig der Unzulänglichkeit der Situation schließlich nicht länger erwehren kann.

"Als ich den Rohschnitt gesehen habe, hatte ich schließlich Tränen in den Augen", sagt Stefan Arndt. "Was Maria gedreht hat, war noch besser als das Drehbuch." Arndt ist mittlerweile alleiniger ausführender Produzent - Denis Poncet verstarb im Dezember 2014 wenige Monate vor Drehbeginn. Arndt hat mit fast allen Größen der deutschen Kinobranche gearbeitet, mit Tom Tykwer, Sebastian Schipper, Oskar Roehler, Wolfgang Becker. Trotzdem sagt er: "'Vor der Morgenröte' ist der beste Film, den ich in den vergangenen Jahren gemacht habe."

Der Stolz aller Beteiligten an "Vor der Morgenröte" ist spürbar, aber auch die stille Verwunderung, dass es den Film nun wirklich gibt. "Ach, eigentlich ist Filmförderung eine schöne Sache", sagt Maria Schrader am Ende des Gesprächs. Da legt sogar die Frau von der PR-Agentur, die sich zum Schluss dazugesetzt hat, kurz den Kopf schief. Kann man das nach all den Anstrengungen wirklich behaupten? Wahrscheinlich will Schrader einfach zum Ausdruck bringen, dass es sich trotz allem gelohnt hat.

Und das hat es.

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insgesamt 25 Beiträge
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virginia 04.06.2016
1. haben der FAZ und der spon
kritiker den selben film gesehen? die FAZ verreist den streifen, waehrend spon eine lange pr-kampagne fuer den film produziert....
licorne 04.06.2016
2. Varian Fry
Bei einer anderen Besprechung dieses Films habe ich von der unglaublichen Hilfe des Amerikaners Varian Fry bei der Flucht vieler Juden, besonders europäischer Künstler in die USA und nach Südamerika erfahren. Ich hatte noch nie davon gehört.
carlo02 04.06.2016
3. Ich
habe Ausschnitte des Films im Morgenmagazin gesehen: tödlich langweilig der Film bzw. was gezeigt wurde. Ich kann die Lobhudelei für den Film nicht verstehen. Ein Film müsste doch, wenn er denn nicht spannend von der Handlung her ist, dann wenigstens von der Atmosphäre her beeindruckend sein. Scheint mir aber ein typisch deutscher Film (ich weiß, gibt es angeblich nicht) zu sein.
sekundo 04.06.2016
4. Undank ist der Welt Lohn
Zitat von licorneBei einer anderen Besprechung dieses Films habe ich von der unglaublichen Hilfe des Amerikaners Varian Fry bei der Flucht vieler Juden, besonders europäischer Künstler in die USA und nach Südamerika erfahren. Ich hatte noch nie davon gehört.
Varian Fry hat als Angehöriger des amerikanischen Konsulats in Marseille sehr, sehr vielen Verfolgten zur Flucht verholfen und ist völlig vergessen gestorben!
keule³² 04.06.2016
5. Scheint mir aber ein typisch deutscher Film (ich weiß, gibt es angeblich nicht) zu sein.
lag vielleicht am Einfluss der Ösis ?! ;)
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