Regisseurin Maria Schrader Starke Frauen? »Mit diesem Begriff kann ich nichts anfangen«

Spätestens die Netflix-Serie »Unorthodox« machte Maria Schrader zur Regisseurin der Stunde. Ihr neuer Kinofilm erzählt von der Liebe zwischen einer Frau und einem Androiden – und jetzt ruft Hollywood.
Maria Schrader bei einer Vorführung von »Ich bin dein Mensch« auf der Berlinale 2021

Maria Schrader bei einer Vorführung von »Ich bin dein Mensch« auf der Berlinale 2021

Foto: Axel Schmidt / picture alliance/dpa/Reuters/Pool

Dieser Artikel gehört zum Angebot von SPIEGEL+. Sie können ihn auch ohne Abonnement lesen, weil er Ihnen geschenkt wurde.

Maria Schrader hat drei große Talente: Sie kann sehr gut schauspielern, sehr gut Regie führen – und sie kann sehr gut mit dem Unerwarteten umgehen. Um Letzteres zu beweisen, hat ihr Corona viele Gelegenheiten gegeben. Als Schraders Netflix-Serie »Unorthodox«  über die Flucht einer New Yorkerin aus ihrer jüdisch-orthodoxen Community nach Berlin im März 2020 startete, ging Deutschland in den Shutdown, Schrader musste alle Pressetermine im Berliner Homeoffice absolvieren. Als im Sommer 2020 die Infektionszahlen sanken, konnte sie plötzlich doch ihren dritten Spielfilm »Ich bin dein Mensch« drehen. Als es im Dezember in den Schnitt ging, erkrankte Schrader selbst an Covid-19.

Chaotische Monate. Aber Schrader hat halt dieses Talent. Und »Unorthodox« entwickelte sich zu einem der großen Netflix-Erfolge des Frühjahrs 2020, Schrader gewann sogar einen Emmy. Ihren neuen Film »Ich bin dein Mensch« konnte sie nach glimpflichem Infektionsverlauf doch noch abschließen, und der Film schaffte es in den Wettbewerb der Berlinale, wo Darstellerin Maren Eggert für die beste Hauptrolle ausgezeichnet wurde. Seit Donnerstag läuft er nun bundesweit in den Kinos.

Fotostrecke

»Ich bin dein Mensch«

Foto: Christine Fenzl / Majestic

Schon von »Unorthodox« hatte sich Schrader als Regisseurin etabliert. Ihr Film »Vor der Morgenröte« über die Exiljahre von Stefan Zweig war 2015 ein großer Erfolg bei Publikum und Kritik – und eine große Anstrengung. Fünf Jahre arbeitete sie an dem Projekt, vor allem die Finanzierung gestaltete sich schwierig. Dass sich an das schwermütige Drama eine Liebeskomödie über die vorsichtige Annäherung zwischen einer Frau und einem vermeintlich perfekt auf ihre Bedürfnisse hin programmierten Androiden sein würde, hätten wenige erwartet. »Ich war angezogen von der Andersartigkeit des Stoffs«, sagt Schrader im Gespräch mit dem SPIEGEL, »und von der Einfachheit des Set-ups: Eine Frau und ein Mann, der kein Mann ist.«

Daraus hätten sich ganz grundlegende Fragen ergeben: Was die Liebe ist und was ein Mensch, wie sich die Liebe in der Zukunft vielleicht verändern wird, ob wir mit Maschinen leben können und immer noch glauben werden, dass echte Gefühle mehr wert sind als eine gute Programmierung. »Fragen, auf die wir noch keine Antworten haben.«

»Ich bin dein Mensch« basiert auf einer Kurzgeschichte von Emma Braslavsky, die Schrader zusammen mit ihrem Schreib- und Lebenspartner Jan Schomburg ausgebaut hat. Maren Eggert verkörpert die Archäologin Alma, irgendwo in ihren Vierzigern und irgendwie ganz zufrieden mit ihrer Karriere am Pergamonmuseum. Mit ihrem letzten Partner Julian (Hans Löw) hat sie einigermaßen im Guten abgeschlossen, die Beziehung hatte – auch wegen eines unerfüllten Kinderwunschs – keine Zukunft mehr. Aber was hätte überhaupt eine Zukunft bei Alma und der Liebe?

»93 Prozent der deutschen Frauen träumen davon«

Sie selbst scheint es nicht zu wissen, dafür versucht es die Wissenschaft mit einer Antwort: Mit Android Tom (der Brite Dan Stevens, bekannt aus »Downton Abbey« und »Eurovision«), bei dessen Programmierung und Gestaltung alle Vorlieben und Bedürfnisse von Alma berücksichtigt wurden. Und wo es Lücken gibt, ergänzt der Algorithmus mit Durchschnittswerten. »93 Prozent der deutschen Frauen träumen davon«, sagt Tom zu Alma, als er ihr ein mit Kerzen umstelltes Schaumbad präsentiert, um das herum er noch Rosenblätter gestreut hat. »Rate mal, zu welchen Prozent ich gehöre!«, antwortet Alma.

»Er ist ein perfekter Gentleman, der sich seiner Partnerin vollkommen zur Verfügung stellt und alles richtig machen will«, sagt Schrader über Tom. »Diese Mischung aus Mannsbild und Diener, der keine eigene Ambition hat, keine Eitelkeit, sondern eher eine seltsame Naivität ausstrahlt, ist ungewohnt und auch befremdlich. Alma lehnt Tom zuerst vehement ab. Als seine Programmierung ihn aber immer menschlicher werden lässt, findet sie ihn überraschend attraktiv.«

Wenn man eine Figur auf ein Schlagwort reduziert, macht man sie klein.

Maria Schrader

Mit einem Roboter erleben, was man mit einem Menschen nicht könnte: großes Glück oder heimliches Grauen? Schrader stellt das als Frage in den Raum, ohne Druck auf Alma auszuüben, eine schnelle Antwort zu finden. Vielmehr gibt sie Alma – und damit ihrem Film – alle Zeit, um zu erkunden, wie viele Wünsche in einem Leben unerfüllt bleiben können, bevor es zu einem unglücklichen Leben wird.

Das Tastende, das »Ich bin dein Mensch« dadurch erhält, macht den Unterschied zu den vielen Beziehungskomödien aus, die ohne Umwege auf Pointen und Zeitgeistdiagnosen zu »Männer und Frauen heute« zusteuern. Mehr noch als bei »Unorthodox«, bei dem ein zum Teil grobschlächtiges Drehbuch die Handlung voranpeitschte, zeigt sich hier eine von Schraders großen Stärken als Regisseurin: Sie versteht es, in den richtigen Momenten innezuhalten. Einmal entwischt Tom Alma. Auf einer Waldlichtung voller Rehe findet sie ihn schließlich wieder. Was hat Tom bei den Tieren gesucht? Bei Schrader darf auch ein Android Geheimnisse haben.

Dennoch ist es Alma, die sich als Figur einbrennt – weil sie so wenig greifbar wie ihr eigenes Glück bleibt. »Mit ihr wollte ich von Gleichzeitigkeit erzählen: In Alma steckt zwar eine Traurigkeit darüber, dass sie es verpasst hat, Mutter zu werden. Aber das bestimmt nicht ihr Leben. Genauso ist sie auch nicht durch ihre Arbeit definiert, auch wenn sie gern und viel arbeitet.«

Diese Gleichzeitigkeit verschiedener Wahrheiten sieht Schrader in ihrem Leben zwar überall um sich herum, aber nicht unbedingt in den Frauenfiguren im Kino. Dabei ist gerade in der Filmbranche seit #MeToo doch so viel von »starken Frauen« die Rede. »Mit diesem Begriff kann ich nichts anfangen – wenn man eine Figur auf ein Schlagwort reduziert, macht man sie klein.«

Als Nächstes: New York

Seit dem internationalen Erfolg von »Unorthodox« habe sie viele Stoffe über weibliche Selbstermächtigung angeboten bekommen. Wenige hätten sie gereizt. »Die haben alle ihre Berechtigung. Aber für mich stellt sich am Ende immer die Frage, ob ein Drehbuch nur einem didaktischen Auftrag folgt oder ob es etwas wirklich Lebendiges darin gibt, etwas Unerklärbares, eine Art Rätsel, denn das ist ja das Leben.«

Dass ihr nächster Film doch etwas mit Feminismus zu tun hat, es sich dabei nämlich um die Verfilmung der Geschichte der zwei »New York Times«-Reporterinnen handelt, die den Weinstein-Skandal aufgedeckt haben, muss Schrader bei unserem Gespräch noch vertragsbedingt verschweigen. Als die Nachricht dann raus ist, gibt es von ihr etwas offiziös zu hören, es sei ihr eine große Ehre und Freude, bei dem Projekt Regie zu führen. »Was die beiden Reporterinnen Megan Twohey und Jodi Kantor vor vier Jahren aufgedeckt haben, hat unsere gesamte Gesellschaft nachhaltig verändert.«

Kurz nach der Publikumspremiere von »Ich bin dein Mensch« auf der Sommer-Berlinale ist Schrader nach New York gefahren, um den Dreh von »She said« vorzubereiten. Über den Sommer soll gedreht werden, Genaueres steht noch nicht fest. Sollte eine vierte Welle der Pandemie die Dreharbeiten beeinträchtigen, wird Schrader einen Weg finden, um damit umzugehen.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.