Martin Scorseses "Aviator" Hollywoods Himmelsstürmer

Der Filmmogul, Frauenheld und Luftfahrtpionier Howard Hughes gilt als Ikone amerikanischer Geschichte. Mit "The Aviator" hat ihm Regisseur Martin Scorsese ein Kinodenkmal gesetzt - und sich selbst auch.
Von Daniel Haas
Leonardo DiCaprio als "Aviator" Hughes: Der Kreative als großer Kranker

Leonardo DiCaprio als "Aviator" Hughes: Der Kreative als großer Kranker

Foto: Buena Vista

Wer hoch hinaus will, muss tief hinunter: in die Abgründe der Seele, in die Tiefen der Geschichte. Ein Mann wie Howard Hughes scheint da als Filmstoff ideal: Besessen vom Kino und von der Luftfahrt, gierig nach Rekorden und schönen Frauen, geplagt von Zwängen und Ängsten ist er ein Prototyp des Himmelsstürmers, ein amerikanischer Prometheus, der aus Technik, Glamour und Wahn eine Legende formte.

Himmlische Visionen

Martin Scorsese hat sich zuletzt den Gangs von New York gewidmet, den Großstadtbanden, die Ende des 19. Jahrhunderts in Gassen und Hinterhöfen ihren Krieg um Geld, Macht und kulturelle Identität ausfochten. Ein düsterer Film, bluttriefend und schonungslos, eine Chronik der Straßenkämpfe aus Schmerz und Schmutz. "The Aviator" ist das luftige Pendant. Nicht die Horizontale der Schlachtaufstellung, sondern die Vertikale des Himmelssturms geben die Richtung vor: Ein Höchstmaß an Gefühlen, an Schnelligkeit, an Erfolg hat dieser Hughes im Sinn, alles andere wäre ein Absturz ins Mittelmaß.

Der historische Hughes war ein Millionenerbe; in den zwanziger, dreißiger und vierziger Jahren setzte er sein Geld in verschwenderischem Stil ein: für Kinofilme, die Entwicklung von Flugzeugen und die Eroberung von Frauen. Ava Gardner, Katharine Hepburn und Jean Harlow gehörten zu seinen Trophäen; sie alle treten in "The Aviator" in Erscheinung, mal mehr, mal weniger überzeugend. Doch es ist letztlich egal, ob Cate Blanchett die Hepburn wirklich kongenial verkörpert oder Kate Beckinsale so viel Charisma wie die Gardner hat. Scorsese hat nur wenig Interesse an den Romanzen seines Helden, selbst wenn sie so traurig schön sind wie die von Hughes und Hepburn.

Selbst ist der Feind

Im Zentrum von "The Aviator" steht die Selbstauseinandersetzung des Ausnahmemenschen, wie ihn Scorsese und sein Hauptdarsteller Leonardo DiCaprio sehen. Hughes' Verbündete - die verständnisvolle Kate, die resolute Ava - bleiben Statisten, auch PanAm-Chef Juan Trippe (Alec Baldwin) ist nur vordergründig der Gegner, der seinen Konkurrenten vom Himmel holen will. Scorseses Hughes tritt gegen sich selber an, gegen die Paranoia und Zwangsvorstellungen, die den Filmmogul von Jahr zu Jahr immer stärker plagten und ihn am Ende fast ganz zerstörten.

Zwischen der Selbstbezüglichkeit des Wahns und der Entgrenzung durch kreative und technologische Visionen entdeckt Scorsese sein Sujet: Die Schlacht um Größe trägt der Held in sich selber aus, Protagonist und Antagonist fallen in einer Figur zusammen. Deshalb sind die stärksten Szenen in "The Aviator" nicht die glamourösen Gesellschafts-Tableaus oder die spektakulären Flugzeug-Stunts, sondern die Soloperformances von DiCaprio.

Man kann "The Aviator" nostalgisch, überambitioniert, ja sogar eitel finden: DiCaprios Porträt von seelischer Zerrüttung und genialischem Selbstentwurf jedoch gehört zu den Glanzleistungen eines Kinos, das eine Figur überdeutlich werden und zugleich rätselhaft bleiben lässt. Es ist eine Schwäche des Films, den Waschzwang Hughes an ein Kindheitstrauma zurückzubinden. "You're not safe!" - du bist nicht sicher, sagt Hughes Mutter immer wieder und wäscht ihren Sohn dabei akribisch. Diese erste Einstellung soll den Kern der Tragödie bilden, und es ist DiCaprios großes Verdienst, den simplen Psychologismus der Szene im Lauf des Films fast ganz vergessen zu machen.

Mit Hybris zum Oscar

Wenn er als Hughes allein und verwahrlost in einem privaten Vorführraum vor der Leinwand steht und über seinen Körper die Filmbilder flimmern, dann ist aus dem von Zwängen Geplagten viel mehr als ein klinischer Fall geworden. Das künstlerische Subjekt, so legt der Film nahe, wird irgendwann selbst zur Projektionsfläche, auf der sich die Wünsche, Ideen und Möglichkeiten seiner Zeit widerspiegeln. Die persönlichen Dilemmata sind dabei keine Störfaktoren, sie arbeiten dieser Entwicklung zu.

Die sehr alte Vorstellung vom Helden, dessen Himmelsstürmerei die Götter bestrafen, trifft hier auf die moderne Auffassung vom Kreativen als großem Kranken, der ins Unbekannte vordringt. Beide Modelle nicht gegeneinander auszuspielen, den Visionär nicht zum Krüppel abzuwerten und den Kranken nicht zum Überkünstler hoch zu jazzen, darin liegt die große Leistung von "The Aviator".

Wird Martin Scorsese im Februar den Regie-Oscar erhalten? Oder wird man ihm den ambivalenten Blick auf diese vermeintlich goldene Ära amerikanischer Kultur ebenso übel nehmen wie sein Porträt New Yorks im Geiste der Gewalt? Scorsese zu übergehen ließe jedenfalls tief blicken - und wäre schlicht die Höhe.


Aviator (The Aviator)


USA 2004. Regie: Martin Scorsese. Drehbuch: John Logan. Darsteller: Leonardo DiCaprio, Cate Blanchett, Kate Beckinsale, John C. Reilly, Alec Baldwin, Alan Alda, Jude Law, Matt Rosse, Adam Scott, Gwen Stefani, Ian Holm. Porduktion: Miramax, Warner, IEG, Appian Way, Kappa Productions, Forward Pass, IMF. Verleih: Buena Vista. Länge: 169 Minuten. Start: 20. Januar 2005



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