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23. Januar 2001, 13:52 Uhr

Martina Gedeck

"Kinder können verkrampft und unbegabt sein"

Von Manfred Müller

Sie lässt sich nicht festgelegen. Neben Klamauk ("Alles Bob") und deutscher Fröhlichkeit ("Stadtgespräch") verkörperte sie sperrige Charaktere. SPIEGEL ONLINE sprach mit Martina Gedeck über ihren neuen Film "Grüne Wüste".

Von Klamauk bis Drama: Martina Gedeck
ZDF

Von Klamauk bis Drama: Martina Gedeck

Für diese Rolle wurde sie mit dem Bayerischen Filmpreis ausgezeichnet: Als Doris in Anno Sauls "Grüne Wüste", der diese Woche in die Kinos kommt, spielt Martina Gedeck eine Frau in kleinbürgerlichen Verhältnissen, die über ihre eigenen Beziehungsprobleme die Lebensängste ihrer Tochter (Tatjana Trieb) übersieht.

SPIEGEL ONLINE: Es gibt die alte Schauspielerweisheit, man soll nie mit Hunden und Kindern auftreten, weil die einem immer die Show stehlen. Können Sie das bestätigen?

Gedeck: Ich habe sehr viel mit Kindern gespielt, die können auch sehr verkrampft und unbegabt sein. Tatjana Trieb war da für mich ein großes Glück, weil sie intuitiv sehr genau das gemacht hat, worauf es ankommt. Sie hat reagiert, mit ihrem Gesicht, mit ihren Augen.

SPIEGEL ONLINE: Ein Film über Beziehungsprobleme, aber keine Komödie, über erste Liebe, aber keine Teenie-Romanze...

Gedeck: Es ist offensichtlich, dass der Film nicht die gängigen Trends bedient. Ein Film, der viel mit unserem Land zu tun hat, mit unserer Wirklichkeit. Die Sprachlosigkeit, die Welt, in der diese Leute leben, die kleine Stadt, diese Reihenhaussiedlung, die man ja ungern im Film beleuchtet. Man sieht lieber den Nachtclub und die Großstadt.

SPIEGEL ONLINE: Früher waren Schauspieler in ihrer Entwicklung oft eng verknüpft mit der Arbeit eines bestimmten Regisseurs, Schygulla - Fassbinder, Herzog - Kinski, Sie dagegen fallen durch eine große Unabhängigkeit und Vielseitigkeit auf. Hat ein Schauspieler heute mehr Freiraum?

Gedeck: Um es positiv auszudrücken, die Bandbreite ist größer geworden. Ich kann verschiedene Sachen machen, bin nicht auf einen Typ oder auf ein Genre festgelegt. Das ist auch eine Chance.

SPIEGEL ONLINE: Und um es negativ auszudrücken?

Gedeck: Ich empfinde es als Nachteil, dass es diese Bindung an einen Regisseur nicht mehr gibt, diese Familiensituation, diese Kontinuität in der Arbeit. Ich finde es schon richtig zu sagen, "wir wissen, was wir wollen, lass' uns das gemeinsam entwickeln".

SPIEGEL ONLINE: Woran würden Sie gerne kontinuierlicher arbeiten?

Gedeck: Man muss Filme über Deutschland machen. Filme, die die Leute aufrütteln, etwas mit der politischen Situation zu tun haben. Ich war auf dem Filmfest in Lünen in der Jury - da kriegt man einen kleinen Eindruck, was in Deutschland im Moment stattfindet. "Innere Sicherheit" von Christian Petzold, ein unglaublicher Film. So etwas habe ich jahrelang nicht gesehen. Der Film hatte wahnsinnige Finanzierungsprobleme, weil er nicht bedient, was wir zu sehen gewohnt sind. Dass so etwas entsteht, das sollte wieder Aufgabe sein. Wir sind überrollt vom amerikanischen Kino, die Leute haben keine Lust mehr darauf.

SPIEGEL ONLINE: Es hieß über Jahre, solche Filme hätten kein Publikum?

Gedeck: Es gibt ganz interessante Bewegungen im Moment. Da kommen 1000 kleine Pflänzchen zum Blühen. Und "Grüne Wüste" gehört dazu. Ein komplizierter, tiefer und intensiver Film von anderer Art, ein anderes Genre, aber auch er hat seinen Platz. Nehmen Sie "Jenseits der Stille", "Das Leben ist eine Baustelle", sicher auch noch zwei, drei andere: Das sind wichtige Filme, die gebraucht werden und für die es auch ein Publikum gibt. Es muss nicht immer Halligalli sein.

SPIEGEL ONLINE: Glauben Sie, dass die Fernsehlandschaft verflacht?

Gedeck: Wenn wir irgendwann nur noch "Big Brother" und Talkshows haben, dann werden sich die Leute wieder mehr deutsche Filme im Kino ansehen. Ich sehe da nicht so schwarz.

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