Einflussreicher Regisseur Max Linz Theorie und Schabernack

Wie kein Zweiter in Deutschland mixt Max Linz prekäre Lebensumstände und Utopien zu Komödien. Nun kommt endlich sein neuer Film "Weitermachen Sanssouci" über den Irrsinn des Unibetriebs ins Kino.

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Als Max Linz unter seinen Freunden die Idee ventiliert, als Nächstes einen Film über den Unibetrieb zu machen, raten sie ihm dringend davon ab. Nicht, weil sie es ihm nicht zutrauen. Linz' Debütfilm von 2014, die Komödie "Ich will mich nicht künstlich aufregen", handelte bereits von einem abstrakten System, nämlich dem Kunstbetrieb. "Bester deutscher Film der Nachkriegszeit (also seit 1989)" schrieb die "Junge Welt", "Nie sah Systemkritik besser aus" der "Perlentaucher".

Nein, Linz' Freunde raten ihm von dem Film ab, weil sie den Unibetrieb zu deprimierend finden - die Dauerprekarisierung der Lebensumstände, das Elend der ständigen Drittmitteleinwerbung, das Verkümmern der Sprache durch Antragsrhetorik.

Linz hat den Film trotzdem gemacht. "Weitermachen Sanssouci" heißt er und läuft in dieser Woche in den Kinos an. Es ist ein durch und durch vergnüglicher Film geworden. Nicht weil er die Misere von Academia ausblendet, sondern weil er sie sehr genau darstellt. Nur viel lustiger, verdrehter.

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"Weitermachen Sanssouci": Warum kann es hier nicht schön sein?

An der fiktiven "Berliner Universität" am Institut für Kybernetik wird für Nachwuchswissenschaftlerin Phoebe Phaidon (Sarah Rolfs) eine Stelle zusammengeschustert: Halb soll sie Simulationsstudien unterrichten, halb sich um den Antrag zur weiteren Förderung des institutseigenen Forschungsprojekts zu Nudging, der sanften Einflussnahme auf menschliches Verhalten, kümmern.

Phoebes inhaltlicher Input in das Forschungsprojekt zählt allerdings nicht so sehr wie die Wahl des Umschlagmaterials für den Antrag ("Ist das Bast? Toll!"). Am Ende, als die Gutachter zur sogenannten Begehung des Projekts anrücken, wackelt die Erde, bläst ein punktueller Sturm die Institutsleiterin (Sophie Rois) in den Institutsgängen nieder und drangsaliert ein wild gewordenes Hologramm die Gutachter am Salatbüffet: "Nudging! Nudging!"

"Dass das alles so verkorkst ist"

"Mein Ziel ist es, die Gegenwart auf unterhaltsame Art auf eine Distanz zu bekommen, aus der heraus man sie dann bearbeiten kann, autonom und mit Lustgewinn", sagt Linz beim Interview im Hamburger Bahnhof. Wir treffen uns in dem Berliner Kunstmuseum, weil Linz im Anschluss noch einen dort präsentierten Film für ein Seminar sichten muss. Just zwei Wochen vor dem Kinostart von "Weitermachen Sanssouci" hat der 35-Jährige eine Gastprofessur für Bühnenbild an der Universität der Künste, Berlin, angetreten. Der Titel seines Seminars: "Die erste Szene des Films ist der Raum, in dem er gesehen wird".

Zur Person
  • Seeliger/ imago images
    Max Linz, geboren 1984 in Frankfurt am Main, studierte zunächst Filmwissenschaft an der FU in Berlin und an der Sorbonne in Paris. 2008 begann er sein Regiestudium an der Deutschen Film- und Fernsehakademie (DFFB) in Berlin, das er 2014 mit dem Film "Ich will mich nicht künstlich aufregen" abschloss. Seitdem hat er u.a. am HAU-Theater inszeniert sowie wissenschaftliche und journalistische Texte veröffentlicht.

Nicht nur in der Biografie von Linz kreuzen sich Filmbranche und Wissenschaft: Die Anträge, das Warten, die Unsicherheit - unter Filmschaffenden ist das mindestens so sehr Alltag wie unter Akademikern. "'Weitermachen Sanssouci' handelt auch davon, sich in der extrem schwierigen Situation der Unplanbarkeit nicht selbst infrage zu stellen, sondern die Umstände als Struktur zu begreifen, die einen immer wieder bedrängt: 'Das ist deine letzte Chance! Nutz sie!'. Die Chance besteht jedoch nur in der Möglichkeit, sich auf das nächste Projekt zu bewerben", sagt Linz. "Der Film trägt auch eine Trauer in sich, dass das alles so verkorkst ist. Gleichzeitig gibt er das Versprechen, dass man damit auch umgehen kann."

Damit umzugehen heißt in der filmischen Übersetzung von Linz, sowohl eine Menge Kalauer zu reißen (Phoebe Phaidon, Brenda Berger, Alfons Abstract-Wege) als auch: historische Perspektiven aufzuzeigen, die Gegenwart buchstäblich zu relativieren. Chile im Jahr 1972 spielt deshalb eine Rolle in "Weitermachen Sanssouci". Unter dem sozialistischen Präsidenten Salvador Allende werden Modelle entwickelt, wie sich der Mensch durch Computerisierung von entfremdeter Arbeit befreien lassen könnte. An der Technischen Hochschule von Santiago ist Bürgerrechtsikone Angela Davis zu Besuch.

Abzweigung ins heutige Elend

Ein Jahr später, nach dem von den USA unterstützten Putsch, ist die Hochschule zerbombt. Die Nachfolgeinstitution, so zeigt es Linz, wird von Diktator Augusto Pinochet und einem Priester neu geweiht. Wo zuvor Angela Davis auftrat, wird nun ein vermeintlich authentischer Volkstanz aufgeführt.

"Neuansetzen Sanssouci" könnte Linz' Film auch heißen. Neuansetzen in einer Vergangenheit, bevor sie die Abzweigung ins heutige Elend nimmt. Dazu gehören bei Linz zwei Bezüge aufs tiefste Westdeutschland: auf den experimentierfreudigen Neuen deutschen Film, der in den Siebzigern die Sehgewohnheiten durcheinanderbrachte, und auf die Westberliner Nachkriegsarchitektur, deren Modernismus sozialdemokratisch geschliffen wurde - die Akademie der Künste am Hanseatenweg, das Haus der Kulturen der Welt, die Technische Universität am Ernst-Reuter-Platz.

Im Video: Der Trailer zu "Weitermachen Sanssouci"

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An diesen Orten und mit diesen Ästhetiken spielt Linz. Aktuelle prekäre Lebenswirklichkeiten bettet er so in utopische Szenerien ein - in Vorstellungen davon, wie sich Kunst und Öffentlichkeit ohne ökonomischen Druck formieren könnten. "Ich mache meine Filme für alle", sagt Linz denn auch.

In der Filmbranche hat er bereits ein Echo erfahren, das diesen Anspruch unterstreicht. Unter jungen Filmschaffenden ist Linz ein entscheidender Bezug. Zwei der prägnantesten Nachwuchsfilme der vergangenen Jahre, Julian Radlmaiers "Selbstkritik eines bürgerlichen Hundes" und Susanne Heinrichs "Das melancholische Mädchen", wären ohne sein Werk schwer denkbar, führen dessen Lust an Theorie und Schabernack weiter. Man könnte auch sagen: So folgenreich wie "Ich will mich nicht künstlich aufregen" war schon lang kein deutscher Film mehr.

Mit der größeren Öffentlichkeit hat es hingegen noch nicht geklappt, auch wegen der maroden Strukturen. Für "Weitermachen Sanssouci" erhielt Linz Produktionsförderung aus den Töpfen der Staatsministerin für Kultur (BKM). Verleihförderung, wie sie für kleine Filme wichtig ist, gab es im Anschluss jedoch nicht, sodass die BKM einerseits einen Film förderte, ihm andererseits aber kein Publikum ermöglichte. Dem kleinen Verleih Filmgalerie 451 fehlen deshalb die Mittel, für "Weitermachen Sanssouci" nennenswert Werbung zu machen.

Wie damit umgehen? Mit Strukturen, die einen ständig zum Vorankommen antreiben, dieses Vorankommen aber gleichzeitig erschweren? Die kurze Antwort gib der Filmtitel, die längere, kompliziertere und gleichzeitig doch hoffnungsvollere der Film selbst.


Infos zu den Kinos, die "Weitermachen Sanssouci" zeigen, sowie die Daten der Kinotour mit Max Linz und Gästen finden Sie hier.



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