Zum Tod von Max von Sydow Der Metaphysische

Max von Sydow war ein Wanderer zwischen den Welten: In den Filmen Ingmar Bergmans wurde er zum europäischen Arthouse-Star, in Hollywood konnte er selbst mit kürzesten Auftritten unvergesslich werden.
Die Kunst der beiläufigen Tiefe: Schauspieler Max von Sydow (2015)

Die Kunst der beiläufigen Tiefe: Schauspieler Max von Sydow (2015)

Foto: Robert Pratta/ REUTERS

"Ah, solche wie mich machen sie heute nicht mehr", sagte Max von Sydow bei einem seiner letzten großen Auftritte im Kino zu seinem Spiegelbild. Er dauerte gerade mal vier Minuten. Aber mehr brauchte der schwedische Schauspieler gegen Ende seiner Karriere nicht mehr, um Szenen für die Ewigkeit zu schaffen.

Diese stammt aus Julian Schnabels Film "Schmetterling und Taucherglocke" von 2007. Von Sydow, damals 78 Jahre alt, spielt den Vater des Schriftstellers Jean-Do (Mathieu Amalric) und wird von seinem Sohn rasiert. Währenddessen plaudern die beiden über dies und das, unter anderem darüber, warum man trotz Casanova-hafter Virilität bei seiner Frau bleiben soll.

Max von Sydow spielt diese Szene buchstäblich mit Schaum vor dem Mund, während ihm Amalric mit einem scharfen Messer im Gesicht herumfummelt. Aber, und deshalb ist diese späte Szene so wichtig, er schafft es trotzdem, so viel würdevolle Resilienz, so viel charakterliche Tiefe in diese paar Minuten zu legen, in denen er nur seine Augen und seinen trotzig gespitzten Mund zum Spielen verfügbar hat, dass dem Zuschauer völlig klar ist, warum von Sydow in einem Atemzug mit Laurence Olivier und Marlon Brando genannt werden muss, auch wenn er weniger prominente Rollen spielte.

Natürlich war dieser Papinou in Schnabels Film ein arrogantes, selbstgerechtes Scheusal. Von Sydow, der in seiner langen Karriere viele solcher zwiespältigen Figuren verkörperte, machte jedoch mit wenigen Mitteln die Verletzlichkeit, letztlich also die Menschlichkeit dahinter sichtbar. Es war seine vielleicht größte Kunst. "The Greatest Actor Alive", betitelte das US-Magazin "The Atlantic" noch 2015 ein Porträt über von Sydow, als er längst nur noch Mini-Auftritte in "Star Wars" oder "Game of Thrones" hatte.

Verletzlichkeit mit wenig Mitteln - Max von Sydow 1963 als Jesus in "Die größte Geschichte aller Zeiten"

Verletzlichkeit mit wenig Mitteln - Max von Sydow 1963 als Jesus in "Die größte Geschichte aller Zeiten"

Foto: ddp images

Hollywoods Ansatz ging gegen alles, was er erlernt hatte

Erlernt hat von Sydow die Kunst der beiläufigen Tiefe zunächst am Theater. Als Max Carl Adolph von Sydow wurde er 1929 im schwedischen Lund als Sohn einer Lehrerin und eines Professors für skandinavisches Volkstum geboren. Das Mythische, könnte man sagen, wurde ihm also schon in die Wiege gelegt. Nach Abitur und Militärdienst machte er eine Ausbildung an der Schauspielakademie des Königlichen Theaters in Stockholm. Auf der Bühne spielte er zunächst jugendliche Helden, bald aber auch komplexere Figuren wie Faust oder Peer Gynt. Sein schon damals gereiftes Aussehen, das Hagere, Ausdrucksvolle seines Gesichts, seine jeden überragende Körpergröße, gerieten zum Vorteil bei der Auswahl anspruchsvoller Rollen.

So kam es, dass der schon damals renommierte Regisseur Ingmar Bergman von Sydow nach einigen kleineren Rollen endgültig ins Kino holte. Sein erster - und karriereprägender – Auftritt bei Bergman war 1957 der existenziell zerrüttete Ritter Antonius Block, der mit Gott hadert und mit dem Tod ein Schachspiel auf Gedeih und Verderb eingeht in "Das siebente Siegel", 1957. Wie sich von Sydows zweifelnde Miene in einer Schlüsselszene des Schwarzweißfilms im Leidensantlitz Jesu spiegelt, gehört zu den großen Momenten des europäischen Arthouse-Kinos. Acht Jahre später sollte er den christlichen Messias selbst spielen, in dem Hollywoodschinken "Die größte Geschichte aller Zeiten".

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Max von Sydow

Foto: KPA/ picture-alliance

Die Rolle, die ihn in der US-Filmindustrie etablierte, hatte von Sydow nur zögerlich angenommen. Hollywoods Ansatz ging gegen alles, was er zuvor und danach in insgesamt 13 Filmen bei seinem Freund und Mentor Bergman erlernt hatte, unter anderem in "Wilde Erdbeeren", "Die Jungfrauenquelle" und "Schande". "Es gibt kein Leben in diesen Charakteren", sagte er 2012 dem "Guardian", "sie wurden von Maschinen gespielt, als wenn sie von ihrer eigenen Wichtigkeit verführt wurden. Sie sind nicht menschlich." Menschlichkeit aber sei das Entscheidende, gerade bei der Darstellung klassischer Figuren, erklärte von Sydow. Man sollte sie nie zu ernst nehmen, habe Bergman ihm beigebracht, sagte er – und bescheinigte dem für düsteres, zerebrales Kunstkino stehenden Filmemacher einen ungeahnt großen Sinn für Humor.

Mit robustem Humor nahm von Sydow ab Mitte der Sechzigerjahre auch sein Los, von Hollywood immer wieder auf ähnliche Charaktere festgelegt zu werden: Könige, Soldaten, Bischöfe, Heilige, Päpste. "Das kann schon langweilig werden", sagte er im "Guardian". Eine dieser mit Gravitas ausgestatteten Rollen bescherte ihm jedoch Weltruhm: die Rolle des Father Merrin in William Friedkins "Der Exorzist" (1973). Eigentlich hatte sich von Sydow, damals 43, mehr für die Rolle des jungen Pastors in William Peter Blattys Romanvorlage interessiert und war zunächst vergrätzt, mit viel Make-up-Aufwand den 80-jährigen Merrin spielen zu müssen, doch der Part in dem Horror-Schocker gehört zu seinen signifikantesten Auftritten.

Wohl kein anderer Schauspieler seiner Generation, mit Ausnahme vielleicht von Olivier, hätte die zur Lächerlichkeit neigende Zeile: "The power of Christ compells you!", die Merrin der Gift und Galle spuckenden Linda Blair immer wieder entgegenschleudert, mit so viel würdevoller Autorität und mühsam beherrschter Furcht gebracht. Damit war aber auch von Sydows Schicksal besiegelt, immer wieder diese dräuenden Männer mit mythischer Überhöhung spielen zu müssen, ob als Bond-Bösewicht Blofeld in "Sag niemals nie", in Martin Scorseses "Shutter Island" oder in Spielbergs "Minority Report".

In Martin Scorseses "Shutter Island" spielte Max von Sydow neben Leonardo DiCaprio und Ben Kingsley

In Martin Scorseses "Shutter Island" spielte Max von Sydow neben Leonardo DiCaprio und Ben Kingsley

Foto: Mary Evans Picture Library/ picture alliance

Die Langeweile des Typecastings war sein größter Feind

Erst spät, als von Sydow dazu neigte, knorrige, aber im Kern gutmütige Vaterfiguren darzustellen, stellte sich der Lohn der Branche ein. Für seine Rolle im dänischen Film "Pelle der Eroberer" bekam er 1989 eine Oscar-Nominierung als bester Hauptdarsteller, eine weitere, als bester Nebendarsteller, bekam er 2011 für seine ebenfalls väterliche Rolle in der Safran-Foer-Verfilmung "Extremely Loud & Incredibly Close". Die Langweile des Typecastings war wahrscheinlich zu jener Zeit sein größter Feind. Mit Verve übernahm er selbst kurioseste Jobs, darunter als Alm-Öhi in "Heidi", in der Cartoon-Serie "The Simpsons" und als Sprecher in Fantasy-Computerspielen.

Einem jüngeren Publikum wurde von Sydows Schauspielkraft zuletzt in zweien seiner winzigen, aber zwingend eindrucksvollen Rollen vorgestellt, als Jedi-Forscher Lor San Tekka in "Star Wars: Das Erwachen der Macht" und als Magier "Dreiäugiger Rabe" in der HBO-Serie "Game of Thrones".

Er würde gern noch ein paar Rollen spielen, die er noch nie gespielt habe, sagte von Sydow dem "Guardian" noch vor wenigen Jahren mit einem Seufzen. Das letzte Schachspiel mit dem Tod ging jedoch verloren. Max von Sydow, der mit seiner Frau Catherine Brelet seit langer Zeit in Paris lebte, verstarb am Montag im Alter von 90 Jahren.

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