Mediengroteske "Walter Mitty" Jäger des verlorenen Bildes

Goodbye, gute alte Printwelt! In "Walter Mitty" geht Ben Stiller als "Life"-Archivar auf eine groteske Bilderjagd, Haikämpfe und Vulkanausbrüche inklusive. Großes kluges Action-Kino - und eine Verbeugung vor Amerikas legendären Fotoreportern.
Mediengroteske "Walter Mitty": Jäger des verlorenen Bildes

Mediengroteske "Walter Mitty": Jäger des verlorenen Bildes

Foto: 20th Century Fox

Tief unten im Keller sitzt er, wo kein Tageslicht seinen empfindlichen Negativen zusetzen kann. Der Mittvierziger Walter Mitty (Ben Stiller) ist Foto-Archivar bei "Life". Manchmal träumt er sich für ein paar Minuten aus seinem Schwarzweiß-Alltag in absurd bunte Action-Sequenzen, danach ordnet er dann wieder in seinem fensterlosen Loch die ruhmreichen Bilder anderer Menschen. Mitty ist sozusagen der Wächter der kostbarsten Augenblicke, die je bei dem altehrwürdigen Fotomagazin auf Papier gebannt wurden. Mithin: ein Anachronismus.

Archiv! Negative! Papier! Wer braucht denn in digitalen Zeiten noch solchen analogen Firlefanz? Wer braucht einen teuren Verwalter amerikanischer Fotogeschichte, wenn alles, aber auch wirklich alles kostenlos im Netz zu stehen scheint?

Online kills. Bald stehen auch bei dem "Life"-Magazin im Film die Totengräber des Internetzeitalters vor der Tür. Medienmanager Ende 20, die ihre Milchbubivisagen hinter lächerlichen modischen Vollbärten verstecken, verkünden naßforsch den Umbau des Verlags. Eine letzte "Life"-Nummer auf Papier werde noch produziert, dann soll das Magazin online erscheinen und die Redaktion drastisch verkleinert werden. Mitty bekommt den Auftrag, das Negativ eines Schnappschusses des legendären Fotoreporters Sean O'Connell (Sean Penn) zu besorgen, das Bild soll das Cover der letzten Print-Ausgabe schmücken.

Von Haien und Medienheinis

Die Jagd nach dem Negativ wird zu einem grotesken Abenteuer, bei dem man nicht weiß, ob Walter Mitty mal wieder tagträumt. Am Ende wird der Träumer Mitty mit einem stockbesoffenen Hubschrauberpiloten über Grönland geflogen sein, er wird mit dem Skateboard der Lava eines ausbrechenden Vulkans auf Island davongerollt sein, und er wird Auge in Auge mit einem Hai im Polarmeer gekämpft haben. Alles nur für das Negativ eines Fotos - das es eben nicht kostenlos im Internet gibt.

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Stiller-Groteske "Walter Mitty": Vom Kellerkind zum Gipfelstürmer

Foto: 20th Century Fox

Eine kulturkritische und vor allem hoch aktuelle Groteske auf den Medienbetrieb ist "The Secret Life of Walter Mitty" geworden. Dabei ist die literarische Vorlage fast 75 Jahre alt. Die gleichnamige zweieinhalbseitige Kurzgeschichte von James Thurber, in der ein Normalo sich in die verwegenste Tagträume flüchtet, war erstmals 1939 im "New Yorker" zu lesen. Walter Mitty wurde danach zum Synonym für Weltflucht und Traumtänzerei, Hollywood war von Beginn an von dem Stoff fasziniert.

Schon 1947 gab es ein überdrehtes Walter-Mitty-Sing-und-Tanzspiel mit Danny Kaye. Ein halbes Jahrhundert später sollte der Stoff noch einmal für Jim Carrey aufbereitet werden, ganze 20 Millionen Dollar sollen ihm 1997 für die Rolle geboten worden sein. Erst war Ron Howard als Regisseur im Gespräch, dann Steven Spielberg. Später wurden noch Owen Wilson, Mike Myers und Sacha Baron Cohen als Hauptdarsteller gehandelt.

Analog ist besser

2011 übernahm dann schließlich Ben Stiller ("Greenberg") das bis dahin glücklose Projekt - als Produzent, Regisseur und Hauptdarsteller in Personalunion. Dass er bei seinem Versuch, die 2000 Wörter knappe Geschichte in einen 100 Millionen Dollar teuren Blockbuster zu verwandeln, ausgerechnet den Print-versus-Internet-Konflikt eingearbeitet hat, ist mindestens ebenso verwegen wie im Polarmeer mit Haien zu kämpfen.

Medienkritik und familientaugliches Eventkino - in den USA startete "Walter Mitty" mit großer Werbekampagne, aber doch nur mäßig erfolgreich an den Weihnachtstagen - kann doch nicht gutgehen. Zumal Stiller ziemlich anspielungsreich auf die realen Medienverschiebungen verweist: Nachdem das inzwischen eingestellte echte "Life"-Magazin bis zu seinem Ende 2007 verschiedene Umbruchsphasen erlebt hatte (zuletzt beim Medienriesen Time Warner), richtete ausgerechnet der Internetsuchdienst Google 2008 ein eigenes Archiv aus dem Bilderbestand von "Life" ein.

Man kann in Stillers "Walter Mitty"-Ausschmückung aber auch Verweise auf die Entwicklung bei "Newsweek" herauslesen: Das kränkelnde US-Nachrichtenmagazin wurde erst an Investoren verkauft, die es zum Internetmedium ummodelten - jetzt soll es doch wieder eine hochwertige Druckausgabe geben.

Das wird sicherlich auch Ben Stiller freuen, der sich mit seiner "Walter Mitty"-Version als Print-Nostalgiker zu erkennen gibt. Doch obwohl sein Film eine Hommage an die untergehende analoge Medienwelt und die mit ihr untergehenden analogen Handwerker geworden ist - inszenatorisch setzt er voll auf die Möglichkeiten des digitalen Blockbusterkinos.

Mitty als Bergsteiger mit dramatischen Eiszapfen im Bart vor Himalaja-Kulisse, Mitty vor einem ausbrechenden Vulkan, Mitty wie er in einer aberwitzigen Verfolgungsjagd durch Manhattan surft. So entsteht eine atemberaubende computergenerierte Achterbahnfahrt - bei der Stiller allerdings einige grandiose ironische Verweise einbaut.

Am schönsten ist die Szene, in der sich Stillers Mitty in die Geschichte von "Der seltsame Fall des Benjamin Button" träumt und sich als babyhaften Greis in Szene setzt. Während "Button"-Regisseur David Fincher in seinem Pathosmärchen die Computertricks als ernsthafte Möglichkeit feierte, neue Welten zu schaffen, zeigt "Mitty"-Regisseur Stiller mit der hämischen Brad-Pitt-im-Babylook-Anspielung einen rigorosen Skeptizismus am digitalen Bilderzauber. Ehrlich, analog ist besser.

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