Filmperle "Mein Ende. Dein Anfang" Das Schicksal ist ein großartiger Verräter

Man muss es mit eigenen Augen sehen, um es zu glauben: In "Mein Ende. Dein Anfang" lässt die Münchnerin Mariko Minoguchi großen Zufällen und noch größeren Gefühlen freien Lauf - unser Film der Woche.

Telepool

Es hätte so viel schiefgehen können. Alles um die Ohren fliegen können. Die Story von "Mein Ende. Dein Anfang" liest sich wie die einer Hollywoodromanze aus den Neunzigerjahren, als Filme wie "Schlaflos in Seattle" oder "Während du schliefst" ganz ungeniert tragische Wendungen nahmen, um im nächsten Moment wieder auf Hoffnung zu setzen. Aufgeladen mit größten Gefühlen, Zuspitzungen, Zufällen. Wie von einem anderen Stern.

Es ist nicht auszuschließen, dass die Münchner Regisseurin Mariko Minoguchi größenwahnsinnig ist, so sehr schöpft sie gleich mit ihrem kostengünstig hergestellten Debüt aus dem Vollen. Im deutschen Kino trauen sich das wenige und meistens die Falschen. Ihr Film ist eine Achterbahnfahrt, aber keine zynische. Denn sie will die Zuschauer dazu verführen, dabei zu sein, mitzuerleben, einen Moment und eine Intensität zu teilen. Sie will nicht verblüffen um des Verblüffens willen. Man fühlt sich nicht kleiner nach diesem Film, sondern transportiert - an einen anderen Ort.

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"Mein Ende. Dein Anfang": Glauben, lieben, hoffen

Zunächst aber wird einem ganz schön viel abverlangt, denn man muss glauben, was Nora (Saskia Rosendahl) so alles zustößt. Die große Liebe, die wie aus dem Nichts auftaucht. Der große Unfall, der die beiden entzweit. Das Leben danach, das Nora in die Arme eines Fremden treibt, dessen schwerkranke Tochter alle Ebenen verbindet. Erzählt wird es in mehreren parallel montierten Zeitebenen. Am Beginn der magischen Schicksalsverkettungen steht wahlweise ein Banküberfall, eine fehlende EC-Karte oder der Big Bang. Schon klar.

Mariko Minoguchi erzählt das größte Pathos mit dreister Leichtigkeit. Verbindet das Alltägliche, die jugendlich verspielte Liebe zwischen Nora und Aron (Julius Feldmeier), mit dem Monumentalen, dem plötzlichen Tod beim Raubüberfall. Es sind subjektive Perspektiven, aus großer Nähe mit viel Unschärfe, die sich als Fragmente zusammenfügen.

Nora steckt den Finger ins warme Wachs einer Kerze, die am Straßenrand an den gewaltsamen Tod ihres Geliebten erinnert, dann nähert sie sich scheinbar gedankenverloren einer viel befahrenen Straße, läuft zwischen die Autos. Natan (Edin Hasanovic) stürzt ihr hinterher, entreißt sie dem Verkehr. Sie lebt weiter, geht ans Telefon, informiert teilnahmslos darüber, dass es Aron nicht möglich sei, ans Telefon zu kommen: "Nein, leider nicht. Der ist tot."


"Mein Ende. Dein Anfang"
Deutschland 2019

Drehbuch und Regie: Mariko Minoguchi
Darsteller: Saskia Rosendahl, Julius Feldmeier, Edin Hasanovic, Hanns Zischler, Leonard Kunz, Emanuela von Frankenberg
Verleih: Telepool
Länge: 111 Minuten
FSK: ab 12 Jahren
Start: 28. November 2019


Ein Schleier der Trauer liegt über den Bildern; Dinge passieren, Nora arbeitet weiter im Supermarkt, in dem Aron Haferflocken gekauft hat für 39 Cent, weil sie Haferflocken mag, aber ihre Depression greift um sich. Natans Alltag entfaltet sich parallel. Arztbesuch, schlimme Diagnose, Hoffnung auf Behandlung dank der guten Krankenversicherung. Es sind Vignetten, die davon erzählen, wie er Vater ist, aber kein Partner mehr für die Frau; wie er alles richtig machen will und durch eine impulsive Handlung doch alles aufs Spiel setzt. Erst das leise Spiel von Hasanovic und Rosendahl macht das Unglaubliche nachvollziehbar.

Aron, der den Film über immer wieder in anderen Zeitachsen und Erinnerungen auftaucht, ist Physiker und forscht zur Frage, warum wir uns nicht an die Zukunft erinnern. Seine These: In Träumen und Déjà-vus können wir es sehr wohl. "Mein Ende. Dein Anfang" macht sich das nicht zu eigen, ist da viel verhaltener, beinahe nüchtern. Zwar ist alles mit allem verbunden, jedes Detail hat irgendwann später mal eine Bedeutung, wie man das aus der guten, klassischen Hollywood-Dramaturgie kennt, aber die Bedeutung ist nicht gleich eine prophetische.

Die Balance ist fragil. Mit dünnem Faden halten Drehbuch und Montage die Szenen zusammen, Beiläufigkeit und Pathos stützen sich gegenseitig. Dass die Regisseurin keine Filmhochschule besucht hat, aber mit viel praktischer Erfahrung an ihr Debüt herangegangen ist, lässt sich vielleicht daran erahnen, dass die Energie, die der Film ausstrahlt, ungebrochen bleibt.

Im Video: Der Trailer zu "Mein Ende. Dein Anfang"

Telepool

Es ist eine Kraft, die nicht auf Genauigkeit und auch nicht immer auf Stimmigkeit zielt, sondern auf Wirkung. Auf einen Kontakt zum Publikum - auf einen Funken, der überspringt. Minoguchi braucht dafür nicht die überwältigenden Mittel von Hollywood, und auch kein Neunzigerjahre-Flair: Entspannt und zielsicher führt sie ihre herausragenden Darsteller, gemeinsam bringen sie uns dazu, die subjektive Wahrheit des erfundenen Augenblicks zu glauben.

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Dx2 28.11.2019
1.
Ein unglaublich toller Film.
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