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Kinofilm "Mein Kampf": Hitlerchens Lehrjahre

Foto: Projektor Filmverleih

"Mein Kampf"-Verfilmung Als Hitler noch Klein-Adolf war

Lehrjahre eines Massenmörders: In dem Kinofilm "Mein Kampf" spielt Tom Schilling den jungen Kunstmaler Adolf Hitler und Götz George dessen Gegenspieler: einen jüdischen Methusalix, der dem künftigen Führer den Schnurrbart stutzt und die Schmalzfrisur richtet. Das könnte lustig sein.

George Taboris Theaterstück "Mein Kampf" ist ein Verwandlungskunststück. Aus dem abgenagten Knochen von vielen schlechten Witzen über Adolf Hitler entsteht da das Wunder einer herzzerreißenden Komödie. Diese Komödie erzählt davon, wie der noch völlig unbekannte 20-jährige Hitler aus Österreichs Provinz nach Wien kommt, um sich an der Kunstakademie für ein Malereistudium zu bewerben; wie er in einem armseligen Männerwohnheim auf ein blondes Ariermädel namens Gretchen und den graubärtigen jüdischen Zausel und Mädchenverführer Schlomo Herzl trifft; und wie der alte Mann Schlomo dem oft sinnlos herumbrüllenden Jüngling Adolf die Schmalzfrisur richtet, den Schnurrbart zum Hitlerbärtchen stutzt und ihm den Buchtitel "Mein Kampf" schenkt. Ein böses Gruselmärchen.

Nun kommt "Mein Kampf" ins Kino, und das Verwandlungskunststück des Schweizer Regisseurs Urs Odermatt funktioniert praktisch anders herum. In seiner Filmversion des ziemlich viel gespielten Tabori-Theaterstücks wird aus einem Schwank, der mit viel Optikbombast und Edelpersonal ausstaffiert ist, mehr und mehr ein trauriger Witz. Dieser Witz handelt davon, wie der berühmte deutsche Schauspieler Götz George einen brabbelnden, augenzwinkernden, weisen Narren spielt; wie der nicht ganz so berühmte Darsteller Tom Schilling den jungen Herrn Hitler hinlümmelt; und wie das Drama einer eigentlich interessanten Ersatzvater-und-Ersatzsohn-Beziehung absäuft in einer Flut von sepiabraunen Großaufnahmen. Ein lachhaft pathetisches Lehrstück.

Aber sind Hitler-Zombies nicht immer eine Schau im Kino, ob Bruno Ganz in "Der Untergang" oder Helge Schneider in "Mein Führer"? Der Regisseur Odermatt sagt, ihn habe an Taboris 1987 uraufgeführtem Stück gereizt, dass darin ausgerechnet ein mit viel Lebensweisheit gesegneter jüdischer Menschenfreund den an der Kunstakademie abgelehnten Jungmaler Hitler vor dem Selbstmord bewahre. Das lässt schon den Ernst ahnen, mit dem er die hanebüchene Story verfilmt: als werde hier dem Zuschauer keine Räuberpistole aufgetischt, sondern ein irgendwie historisches Drama.

Mundart-Horror und Pseudo-Realismus

Odermatt lässt seinen spirreligen Hitler also in einem Erster-Klasse-Abteil Richtung Wien fahren, aus dem er von einem grimmigen Schaffner verjagt wird. Er schickt diesen Adolf dann auch noch als armen Wandersmann zu Fuß auf die letzten Kilometer in die Weltstadt. Und er porträtiert den künftigen Führer als staunenden Klemmheini im Sündenpfuhl des Männerasyls, in dem der alte Schlomo ihn erst verspottet und dann an Sohnes statt an seine Pennerbrust drückt.

Das eingetragene Großschauspieler-Warenzeichen Götz George macht diesen Alten erwartungsgemäß zu einem virtuos hampelnden Sympathiebolzen. Mit Schärfe und gramgebeugter Zuneigung nuschelt er auf Tom Schillings Hitlerbürschchen ein. Mit feuchten Lüstlingsaugen beguckt er das seinen Geschichten lauschende blonde Gretchen (Anna Unterberger) und ihre prachtvollen Brüste. Mit vielen rasanten Scherzen beruhigt er all jene Freunde und Bekannten, die ihn warnen vor seinem Schützling Adolf und dessen unheilverkündenden Wutanfällen.

"Mein Kampf" ist ein Film, der unheimlich stolz ist auf den Schmuddel, den er ins Bild rückt. Auf gackernde Hühner und zerfurchte Gesichter und zerfetzte Kleider zum Beispiel, auf schlammige Hinterhöfe und blutige Schlachtermesser. Auf die Beschwörung einer verkommenen Welt, die naturgemäß ihre liebenswerten Seiten hat. "Überall Dreck, Gestank und Schlendrian", kräht der junge Hitler. Diese an Roman Polanskis "Oliver Twist" geschulte Slum-Ästhetik ist fast so aufdringlich wie die Klezmer-inspirierte Schrammelmusik, mit der viele Szenen unterlegt sind. Am schlimmsten aber ist der grausam aufgesetzte oberösterreichische Dialekt, den sich der Regisseur für seinen Hitlerdarsteller Tom Schilling ausgedacht hat. Das Beste, was man hier über den Schauspieler Schilling sagen kann: Seine große Kunst besteht darin, dass man ihm auch in diesem Film stets gerne zuguckt, obwohl man ihm auf gar keinen Fall zuhören mag.

Natürlich ist es immer Quatsch, einen Film an seiner Vorlage zu messen, egal ob es sich um einen Roman oder um ein Theaterstück handelt. Im Fall von "Mein Kampf" aber verweist der Mundart-Horror auf einen eklatanten Genre-Unterschied zwischen Film und Bühnendrama. Bei Tabori redet der junge Hitler gewöhnliches Hochdeutsch, er ist der Held einer himmelschreienden Groteske, in der es auf Realismus nicht ankommt. Odermatts "Mein Kampf" dagegen strengt sich mit viel Pseudo-Realismus unheimlich an, dem Zuschauer ein Verniedlichungsformat anzudienen, das weder im Kino noch im Theater wirklich etwas verloren hat: eine Dokusoap über Hitlerchens Lehr- und Wanderjahre, die Anfangszeiten eines Massenmörders.

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