"Mein Leben ohne mich" Kleine Welt, große Wehmut

Wie nimmt man Abschied von sich selbst? Das Regie-Debüt von Isabel Coixet erzählt die anrührende Geschichte einer todkranken jungen Frau, die ihre verbliebene Zeit tapfer dazu nutzt, ihre Nächsten und Liebsten auf die Zeit nach ihrem Ableben vorzubereiten.
Von Oliver Hüttmann

Es gibt keinen besseren Ort für Melancholie als ein nächtliches, leeres Diner, wo einem die verwitterte Kellnerin dünnen Kaffee serviert. Die junge Frau setzt sich an einem Tisch nicht ganz in der Mitte des großen Raumes. Eine unauffällige Person, dünn und schlicht gekleidet, die langen Haare hängen unfrisiert herunter. Sie schlägt einen Notizblock auf. "Things to do before I die" schreibt sie über die Seite. Kassetten aufnehmen für die Töchter. Sagen, was ich denke. Vater im Gefängnis besuchen. Rauchen und Trinken. Sex mit anderen Männern haben. Jemanden in mich verliebt machen.

Ann (Sarah Polley) hat Krebs und allenfalls noch zwei Monate zu leben. Als ihr der Arzt die Diagnose mitteilt, sitzt sie mit ihm auf dem Flur des Krankenhauses und reagiert gefasst, als hätte sie vom Tod eines fremden Menschen erfahren. Er gibt ihr einen Ingwerbonbon, der ihr schmeckt. Eine ebenso bittere Ironie wie die, dass ihr Geschwür im Eierstock sitzt.

Denn Ann ist zweifache Mutter. Ihre erste Tochter bekam sie mit 17, die andere kam mit 19. Nun ist sie 23, Putzfrau, verheiratet mit dem Vater der Kinder, dem einzigen Mann in ihrem Leben, das ihr mehr als das noch nicht gebracht hat und nun zu Ende geht. Ihr Mann Don (Scott Speedman) ist arbeitslos, die Familie lebt in einem Wohnwagen auf dem Grundstück von Anns Mutter (Blondie-Sängerin Debbie Harry), deren Mann (Alfred Molina) eine zehnjährige Haftstrafe absitzen muss. Ihren Enkelinnen erzählt sie ständig morbide Geschichten, was Ann immer missfallen hat. Und so erzählt sie auch niemandem, dass sie bald sterben wird. Ann nimmt Abschied von sich selbst.

"Mein Leben ohne mich", das Regiedebüt von Isabel Coixet, ist eine wundersame Ode an das Leben. Sie scheut keine Sentimentalität und zeigt trotz der sozialen Schwierigkeiten eine intakte Familie, die sich zärtlich und harmonisch arrangiert hat. Trotzdem tröpfelt durch Anns Selbstlosigkeit eine niederschmetternde Schwermut in den Film.

Sorgen macht sie sich nur um andere. Als die Untersuchungen im Krankenhaus länger dauern, denkt sie nur daran, dass jemand die Kinder abholen muss. Die inzwischen aufgenommenen Erinnerungs-Kassetten für die Mädchen gibt sie dem Arzt, weil sie fürchtet, Don könnte sie verlegen. Sie versucht auch, für ihn gleich eine neue Frau zu finden, als wollte sie verhindern, dass man um sie trauert oder sich zu lange an sie erinnert. "Mein Leben ohne mich", das ist eben nicht der Tod.

Anns kleine Welt wird von einem nie gekannten Gefühlsausbruch erschüttert, als sie Lee (Mark Ruffalo) trifft. Er ist das völlige Gegenteil von ihrer Alltagsroutine und der Enge im Trailer. Ein Eigenbrötler, der eher an Phantomschmerzen leidet. In seinem Haus liegen nur eine Matratze und Bücher, die er schon mal als Stuhl benutzt. Mark schürt in Ann die Sehnsucht, vermittelt ihr Poesie, Romantik und Fernweh. Er ist Landvermesser und berichtet ihr von Argentinien, Alaska, Mexiko und der Wüste. "Die Orte werde ich nie sehen", sagt sie mit tonloser Stimme. Mark begreift nicht. "Seit ich dich kenne, ist die Welt viel schöner." Er ist längst verliebt und will "bis ans Ende meines Lebens mit dir zusammen sein". Und für einen kurzen, ja einzigen Moment ist Anns Herz voller Tränen.

Coixet, die auch das Drehbuch schrieb, hat ihre Geschichte kunstvoll konstruiert. Während ihre schwatzhafte Kollegin Laurie (Amanda Plummer) permanent Diäten ausprobiert, wird Ann immer dünner. Der Arzt mag einem Sterbenden nicht in die Augen blicken, so wie Ann über ihren bevorstehenden Tod schweigt. Und die gerade eingezogene Nachbarin heißt auch Ann (Leonor Watling). Sie hat ihren Job als Krankenschwester aufgegeben, nachdem sie das langsame Sterben siamesischer Zwillingsbabys erlebt hat. Coixet erzählt diese Schicksalhaftigkeiten allerdings so feinfühlig, und ihre Hauptdarstellerin Sarah Polley spielt mit derart hypnotischer Anmut, dass alles zweifellos wahrhaftig und bewegend vorüberzieht.

Auch wenn Coixet einen ganz anderen Ton anschlägt, erinnert in "Mein Leben ohne mich" manches an den Melodramatiker Pedro Almodóvar. Der war als ausführender Produzent auch an dem Film beteiligt. Allein dies ist bereits eine Empfehlung.


Mein Leben ohne mich (My Life Without Me)


Kanada/Spanien 2003. Regie/Buch: Isabel Coixet; Darsteller: Sarah Polley, Amanda Plummer, Scott Speedman, Leonor Watling, Deborah Harry, Mark Ruffalo. Produktion: El Deseo, Milestone Productions. Verleih: Tobis. Länge: 102 Minuten. Start: 4. September 2003

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