"Men in Black 3" E.T.s emanzipierte Brüder

Alien Power pur: Mit dem dritten Teil von "Men in Black" findet der Science-Fiction-Spaß zu alter Form zurück und zitiert die Bürgerrechtsbewegung der Sechziger. Außerirdische sind hier keine Bedrohung, sondern bereichern die Welt - einarmige Monster mit Rasiermesserzähnen mal ausgenommen.


Wenn aus der Nudelsuppe ein Augapfel schielt, dann hat man es zumeist mit einem handfesten Lebensmittelskandal zu tun. Für die "Men in Black" hingegen gehören derartig bizarre Einlagen zum Restaurantbesuch. Zum dritten Mal lässt Regisseur Barry Sonnenfeld die Anzugträger als unorthodoxe Ordnungshüter auflaufen, die das Zusammenleben zwischen ahnungslosen Menschen und inkognito auf die Erde umgesiedelten Aliens regeln. Gelegentliche Weltenrettungen inklusive.

Fünfzehn Jahre nach ihrem launigen Kinodebüt - und zehn Jahre nach dem eher lust- und zahnlosen Sequel - sind Agent J (Will Smith) und Agent K (Tommy Lee Jones) zurück, und so uniform wie ihre Garderobe scheint zunächst auch die Geschichte geraten zu sein: Erneut bedroht ein außerirdischer Schurke den Frieden im Vielvölkeruniversum, wieder müssen die kurz MIB genannten Geheimnisträger mit wahlweise putzigen oder garstigen E.T.s zusammenarbeiten, und genauso verlässlich müht sich der impulsive J auch diesmal, seinem spröden Kollegen K im alltäglichen Ausnahmezustand eine emotionale Regung abzutrotzen.

Fotostrecke

7  Bilder
"Men in Black 3": Erholt vom 9/11-Schock
Dienst nach Vorschrift möchte man meinen. Doch die erfreuliche Überraschung ist, dass der Film unerwartet viel Elan und Witz ins Recycling des Vertrauten investiert. Dabei leistet er sich sogar eine Dramaturgie, die über eine gefällige Nummernrevue hinausgeht. Vor allem aber besinnen sich Sonnenfeld und seine Stars auf den ursprünglichen, subversiven Charme ihrer Science-Fiction-Skurrilität: Vermeintliche Normalität ist in der Welt der Men in Black nur eine Illusion für Langweiler, die Wirklichkeit dagegen eine Wundertüte voller phantastischer Schöpfungen und anarchischer Möglichkeiten.

Ein Alien mit Inbrunst

Eine besonders beeindruckende Kreation ist denn auch Boris, der extraterrestrische Antagonist der Agenten. Der hünenhafte, einarmige Bandit mit Okularaugen und Rasiermesserzähnen hat die unappetitliche Fähigkeit, aus seinen Extremitäten scharfe Klauen springen zu lassen. In seiner Handfläche verborgen haust zudem ein tödliches Krabbeltier, das bei Bedarf herausspringt und Knochenpfeile verschießt.

Für das kleine Kroppzeug hat der ansonsten gänzlich hasserfüllte Boris sogar so etwas wie Zuneigung übrig: "You complete me" flötet er dem fiesen Minimonster zu, und spätestens mit diesem berüchtigten Zitat aus der schmalzigen Yuppie-Apologie "Jerry Maguire" macht Boris deutlich, dass er wirklich gemeingefährlich ist. Jemaine Clement, bekannt als eine Hälfte des Pop- und Performance-Duos Flight of the Conchords, spielt den galaktischen Gewaltverbrecher dabei mit einer schrecklich-komischen Inbrunst, die allein schon den Kinobesuch lohnt.

Zu Beginn flieht Boris nach vierzig Jahren Haft spektakulär aus einem Hochsicherheitsgefängnis auf dem Mond und macht sich auf den Weg zur Erde. Dort will er sich an dem Mann rächen, der ihn Ende der sechziger Jahre dingfest machte: Agent K. Als Boris mit Hilfe einer Zeitmaschine zum Zeitpunkt seiner damaligen Festnahme zurückkehrt, um den Lauf der Geschichte zu ändern, folgt J ihm notgedrungen in die Vergangenheit. Um das Leben seines Partners zu retten - und nebenbei die menschliche Zivilisation vor dem Untergang zu bewahren -, muss er jedoch erst den jungen K (Josh Brolin) von der Mission überzeugen.

Neben Jemaine Clement ist Josh Brolin als charismatischer Junioragent im New York der Sixties zweifellos der zweite Glücksgriff der Besetzung. Die unverbrauchten Mitspieler - darunter auch Emma Thompson als resolute Agentin O - verhelfen Will Smith und Tommy Lee Jones ebenfalls zu neuem Glanz, wobei das Paar seine stoische Routine diesmal für einige Momente der unverhofften Rührung unterbricht.

Am Ende sind es nicht nur das detailverliebte retro-futuristische Design, der knuffige Lack-, Latex- und Gummimaskenklamauk oder die nette, aber vorhersehbare Pointe, dass Popstars nicht von dieser Welt sind, die für den Film einnehmen. 1997 war "Men in Black" auch die liberal-verspielte Alternative zur klassischen Invasions- und Unterwanderungsparanoia im Science-Fiction-Genre. Das Fremde war hier nicht mehr per se der Feind, sondern der außerirdische Bürokollege, mit dem man am Kaffeeautomaten plaudert.

Abseits der absurden Zuspitzungen zelebrierten so ausgerechnet die monochromen, stocksteifen Men in Black die schier unendlichen Varianten des Andersseins als Bereicherung der Welt. Das war indes vor 9/11, vor Homeland Security und vor dem Angstbild des terroristischen Schläfers, der sich unerkannt in der Mitte der Gesellschaft bewegt. Vielleicht wirkte auch deshalb das Sequel von 2002 wie mit Blei beschwert und der Leichtigkeit beraubt.

Mit der Rückwärtsbewegung des dritten Teils ins Jahr der Mondlandung und in die Hochzeit der sozialen Emanzipationsbewegungen wird nun der Optimismus wiederentdeckt. Und mit ihm die Zuversicht, dass auch die vermeintlich schrägste Vielfalt eine Gesellschaft vor Engstirnigkeit und Einfalt bewahren kann. Das ist sie, die kleine, feine Fußnote eines satirischen Sommerspaßes, der ganz selbstverständlich die Sterne vom Himmel in die Nachbarschaft holt.

Mehr zum Thema


insgesamt 6 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
miauwww 23.05.2012
1.
cmon. es ist blo9ss das schema: good guys, problem mit bad guys, good guys formieren, bad guys umhauen. mit denselben spaessen. nichts, was der 1. MIB nicht schon hatte. im 1. teil war es immerhin relativ neu, und nun nurnoch aufgewaermt. so ist das mit der sequel-krankheit: man weiss schon sehr genau, was kommen wird.
Hombremoya 23.05.2012
2. Leider
erwartet eine Minderheit immer wieder Filme die eine Frage aufwerfen "hmmm... was wollte uns der Regisseur damit sagen?..." (dabei am drei-Tage-Bart kratzen... Oder murmeln ihr Mantra "Charakterentwicklung, Charakterentwicklung, Charakterentwicklung..." Ich gehöre GERNE zur Masse die Popcorn-kauend einen Superhelden gerne bei der Arbeit schauen, und nicht eine Sinnkrise auf der Leinwand wünschen. Art-Kino hat seine Daseinsberechtigung, aber dafür sollten Pseudo-Kritiker aufhören bei Filmen wie MiB (oder alles was CGI benutzt) nach Tiefgang zu suchen.
eduardschulz 23.05.2012
3.
Zitat von sysopSony PicturesAlien Power pur: Mit dem dritten Teil von "Men in Black" findet der Science-Fiction-Spaß zu alter Form zurück und zitiert die Bürgerrechtsbewegung der Sechziger. Außerirdische sind hier keine Bedrohung, sondern bereichern die Welt - einarmige Monster mit Rasiermesserzähnen mal ausgenommen. http://www.spiegel.de/kultur/kino/0,1518,834270,00.html
Hatte mich schon gewundert, womit der Film eine positive Kritik, gerade im Spiegel verdient hat. Aber im letzten Abschnitt dann die Erleuchtung. Herbeiphantasierte Gesellschaftskritik oder gar die Sehnsucht nach einer wirklich multikulturellen Gesellschaft.Leute, geht's auch eine Nummer kleiner? Ein Film eines us-amerikanischen Regisseurs mit vornehmlich us-amerikanischen Schauspielern, finanziert von Amis. Was der Kritiker da herbeiträumt ist in den Vereinigten Staaten doch schon seit Jahrzehnten Wirklichkeit. Multikultureller als die USA es heute schon sind geht's doch gar nicht. Der Autor sollte nicht seine Wünsche für die dt. Gesellschaft mit der Wirklichkeit in den USA verwechseln und schon gar nicht mit der Absicht, einen unterhaltsamen und finanziell erfolgreichen Film zu produzieren. Aber Spiegel wäre nicht Spiegel, wenn er nicht selbst einer Fortsetzung von MIB eine gesellschaftspolitische Komponente unterzujubeln versuchen würde.
filmforist 23.05.2012
4. Enttäuschend lahm
Was vorher noch auf durchdachter Wissenschaftlichkeit basierte und den Geist öffnete oder zumindest amüsierte, ist in MIB 3 nur noch lauwarme, witzlose Unlogik. Danke Herr Kleingers, dass Sie die Handlung verraten und verlässlich intelligente, mutige Filme schlecht und lahme, angepasste Doofie-Filme, wie MIB 3 gut besprechen. Dass Sie sich mehrmals widersprechen und den Film offensichtlich nicht durchschaut haben, macht dann auch nichts mehr. Allerdings gibt es Schlimmeres, so enttäuschend und niveaulos im Vergleich zu den Vorgängern MIB 3 auch ist, die 3D Effekte sind OK.
BlakesWort 23.05.2012
5.
Zitat von filmforistWas vorher noch auf durchdachter Wissenschaftlichkeit basierte und den Geist öffnete oder zumindest amüsierte, ist in MIB 3 nur noch lauwarme, witzlose Unlogik. Danke Herr Kleingers, dass Sie die Handlung verraten und verlässlich intelligente, mutige Filme schlecht und lahme, angepasste Doofie-Filme, wie MIB 3 gut besprechen. Dass Sie sich mehrmals widersprechen und den Film offensichtlich nicht durchschaut haben, macht dann auch nichts mehr. Allerdings gibt es Schlimmeres, so enttäuschend und niveaulos im Vergleich zu den Vorgängern MIB 3 auch ist, die 3D Effekte sind OK.
Was meinen Sie denn bitte mit "Handlung verraten". Ich gebe Ihnen drei Stichworte: 60er Jahre, Zeitmaschine, Weltenrettung. Ich bin mir sicher, achtzig Prozent aller Leser würden aus diesen Stichworten die Handlung des dritten Teils korrekt wiedergeben können. Und natürlich ist es ziemlich bemüht, die kleinen Anspielungen in einem Blockbuster gleich mit einem Integrationsaufruf hochzujubeln. Der Film will unterhalten und vermutlich tut er das auch.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.