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Kino Im Dickicht toxischer Männlichkeit

aus DER SPIEGEL 29/2022
Szene aus »Men – Was dich sucht, wird dich finden«

Szene aus »Men – Was dich sucht, wird dich finden«

Foto: Kevin Baker / Koch Films

Herrlich, so ein Spa­ziergang im Wald! Endlich Ruhe – oder auch nicht. In den satt­grünen Landschaften von Gloucestershire will sich die Londonerin Harper Marlowe (Jessie Buckley) eigentlich erholen. Zuvor musste sie mitansehen, wie sich ihr gewalttätiger Ehemann nach einem Streit vor ihren Augen in den Tod stürzte. »Du wirst mich auf dem Gewissen haben«, rief er ihr zu – und diese Worte quälen Harper nun bei ihrer Flucht aufs verwunschene englische Land, mit der Alex Garlands schaurig-schöner Horrorfilm »Men – Was dich sucht, wird dich finden« beginnt. Harper weiß eigentlich genau, dass sie keine Verantwortung für den Suizid ihres Mannes trägt, doch die Schuldgefühle bleiben. Vor der toxischen Männlichkeit gibt es kein Entkommen. Im Film manifestiert sie sich unter anderem in einem nackten, mit Moos und Eichenlaub geschmückten Landstreicher, der sie stalkt, in einem allzu paternalistischen Hausvermieter und einem übergriffigen Vikar – allesamt mit viel Maskenbildnerei vom Shakespeare-Mimen Rory Kinnear gespielt. Im letzten Akt mündet der bis dahin beunru­higende Psychothriller, der mit Gothic- und Folkloreelementen spielt, in ein Gemetzel, wie es selbst Genremeister David Cronenberg nicht blutiger entwerfen könnte. Regisseur und Autor Garland, berühmt geworden durch seinen zivilisationskritischen Roman »Der Strand« und kluge Science-Fiction-Filme wie »Ex Machina«, gelingt ein feministisch grundierter Gruselschocker, dem es allerdings wegen seiner allzu plakativ zur Schau gestellten Männermetaphern und eines aufdringlichen Symbolismus an Subtilität fehlt. Doch Hauptdarstellerin Buckley rettet den Film: Die Entdeckung aus Maggie Gyllenhaals gefeiertem Regiedebüt »Frau im Dunkeln« bekommt hier eine große Bühne – und glänzt im Dickicht maskuliner Chiffren mit vielschichtiger Weiblichkeit.

bor
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