Meryl Streep als Maggie Thatcher Eiserne Lady, weichgezeichnet

Der Kinofilm "The Iron Lady" über Großbritanniens ehemalige Regierungschefin Maggie Thatcher spaltet die Briten. Frühere Mitstreiter halten ihn für "Müll" - Kritiker jedoch sind begeistert, wie täuschend echt die Amerikanerin Meryl Streep Ton und Körpersprache der britischen Ikone trifft.
Meryl Streep als Maggie Thatcher: Eiserne Lady, weichgezeichnet

Meryl Streep als Maggie Thatcher: Eiserne Lady, weichgezeichnet

Foto: Concorde/ Pathé Productions

21 Jahre ist es her, dass Margaret Thatcher als britische Premierministerin zurücktrat. Von der politischen Rechten abgöttisch verehrt und von der Linken abgrundtief gehasst, hat die Frau mit der Handtasche die Briten so polarisiert wie kein Politiker vor oder nach ihr.

Inzwischen scheint die Zeit reif, die alten Gräben zuzuschütten und Frieden mit der 86-jährigen, an Alzheimer erkrankten Politikerin zu schließen. Das zumindest legen die ersten Reaktionen auf den Film "The Iron Lady" nahe, der am 6. Januar in den englischen Kinos anläuft. Der Film mit Meryl Streep in der Hauptrolle zeigt die früher eiskalt wirkende Staatsfrau von der menschlichen Seite, die Eiserne Lady im Weichzeichner der amerikanischen Traumfabrik, auch wenn der Film von "Mamma Mia!"-Regisseurin Phyllida Lloyd eine britisch-europäische Co-Produktion ist.

Ein "großartiges Porträt von Lady Thatcher", schwärmte die Thatcher-treue "Daily Mail" nach einer exklusiven Pressevorführung. Der Film sei eine "feministische Neudeutung ihres Lebens", kommentierte der "Evening Standard". Und die "Sunday Times" urteilte, die Neubewertung von Thatchers Leben sei überfällig.

Maggie Thatcher - Die "Eiserne Lady" im Original

Ein Grund für die Lobeshymnen ist die schauspielerische Leistung von Meryl Streep. Die britischen Kommentatoren hatten zunächst gezweifelt, ob eine Amerikanerin überhaupt eine so englische Legende verkörpern könne. Doch imitiert Streep den Akzent, die Körpersprache der Eisernen Lady so perfekt, rekreiert ihre Aura so authentisch, dass mancher britische Zuschauer sich in seine Kindheit zurückversetzt fühlte. Für Kinder habe es in den Achtzigern im Fernsehen nichts Furchterregenderes gegeben als Mrs. Thatcher, schrieb ein "Times"-Kritiker. Der Film sei noch besser als die Wirklichkeit. Er habe keinen Zweifel: Streep werde den Oscar als beste Schauspielerin gewinnen. Auch der "Guardian" überschlug sich vor Lob: Streeps Darstellung sei ein "Meisterstück des Mimikry, das Thatcher in ihrem ganzen halbvergessenen Ruhm zeigt".

Curry-Dinner mit feministischen Meinungsmacherinnen

Der Film wird aus der Perspektive einer alten, senilen Thatcher erzählt, die einsam ist und mit dem Geist ihres verstorbenen Mannes Denis spricht. Diese Beschreibung beruht auf Tatsachen, geschildert in den Memoiren von Thatchers Tochter Carol. Beim Erscheinen des Buchs 2008 hatten Thatcher-Fans protestiert, weil diese Passagen so gar nicht dem öffentlichen Bild ihrer unbesiegbaren Heldin entsprachen.

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Margaret-Thatcher-Biopic: Die eiserne Lady menschelt

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Im Kino kann dieser emotionale Ansatz jedoch wahre Wunder bewirken. Selbst eingefleischte Thatcher-Hasser im linksliberalen Londoner Establishment schmolzen bei einer privaten Vorführung dahin. Regisseurin Phyllida Lloyd, eine Ikone des modernen britischen Theaters, hatte ein Dutzend feministischer Meinungsmacherinnen eingeladen, den Film vorab zu sehen - mit anschließendem Curry-Dinner mit Streep bei sich zu Hause. Lloyds Kalkül ging auf, die Kolumnistinnen zeigten sich beeindruckt.

Zwar sei der Film revisionistisch, weil er Thatcher als "die große feministische Heldin des 20. Jahrhunderts" zeige, schrieb India Knight in der "Sunday Times". Aber dennoch habe die Darstellung dieser Frau, die sie jahrelang gehasst habe, ihren Beschützerinstinkt geweckt. "Man müsste ein Herz aus Stein haben, um nicht Mitleid mit ihr zu fühlen", schrieb Knight. "Es ist Margaret Thatcher, aber es ist immer noch ein Mensch."

Auch Liz Hoggard vom "Evening Standard" zeigte sich berührt. "Ich habe der intelligenten Krämerstochter die Daumen gedrückt, als sie sich durch die arrogante Tory-Hierarchie nach oben kämpfte." Statt des "politischen Monsters meiner Jugend" spiele Streep eine ganz normale Frau, die gegen den Verlust in ihrem Leben ankämpft.

Während die menschelnde Darstellung selbst frühere Gegner versöhnt, behagt es alten Thatcher-Mitstreitern gar nicht, dass das Bild ihrer obersten Freiheitskämpferin Kratzer bekommt. Er werde sich diesen "Müll" nicht ansehen, teilte Lord Tim Bell mit, einst PR-Berater der Premierministerin. Der Film sei ein "Nicht-Ereignis". Und Lord Norman Tebbit, von 1981 bis 1987 Minister im Kabinett Thatcher, schrieb im "Telegraph", seine Chefin sei nie so hysterisch und emotional gewesen wie Streep sie darstelle.

Auch Thatchers Kinder sollen Lloyds Filmprojekt ablehnend gegenübergestanden haben. Nicht nur hielten sie es für pietätlos, noch zu Lebzeiten ihrer Mutter einen Film über sie zu drehen. Sie fürchteten auch einen Verriss, schließlich gilt Hollywood als Mekka der politischen Linken. Doch versicherte Drehbuchautorin Abi Morgan ("Brick Lane") schon Monate vor der Premiere: "Thatcher-Fans werden positiv überrascht sein."

Meryl Streeps Schmeicheleien überzeugen konservative Skeptiker

Hauptdarstellerin Streep, 62, versuchte bei einem Besuch in London im November, Ängste zu zerstreuen. Sie sei kein Fan von Thatcher gewesen, sagte sie. Die Lady sei in den USA immer "diese Frau gewesen, die mit Ronald Reagan abhing". Aber sie sei voller Bewunderung für Thatcher, auch wenn sie deren politische Ansichten nicht teile. Thatcher habe aus ehrlicher Überzeugung gehandelt, und diese Klarheit vermisse sie in der heutigen Politik. So viel Schmeichelei überzeugte selbst die "Daily Mail", selbsternannte Hüterin der konservativen Werte, den Film als ideologisch unbedenklich einzustufen.

Die Hollywood-Ehrung für Thatcher war nur eine Frage der Zeit. Ihre Rehabilitierung nach dem nie verwundenen Rücktritt hatte bereits unter Labour-Premier Tony Blair begonnen, der sich viel bei ihr abschaute. Mit drei Wahlsiegen in Folge war sie schließlich die bis dahin erfolgreichste Nachkriegspolitikerin des Landes. Und ihr Leben bietet reichlich Stoff für ein klassisches Helden-Epos, wie Hollywood es liebt: Die erste Frau an der Spitze einer westlichen Großmacht, ein gewonnener Krieg, ein Bombenattentat auf ihr Leben, schließlich der Putsch im eigenen Kabinett. An diesen Stationen hangelt sich der Film entlang.

Etlichen Beobachtern ist der Film zu unkritisch. Er mache sich Thatchers Selbstbild einfach zu eigen, schreibt Suzanne Moore, eine weitere lebenslange Thatcher-Hasserin, im "Guardian". Thatcher habe sich als Frau im ständigen Kampf gesehen, mühelos sei sie zwischen den Rollen Hausfrau, Regierungschefin und Kriegerin hin- und hergewechselt. Vollkommen unsichtbar hingegen blieben im Film die Opfer ihrer Politik. Und die Opposition im Land werde nur als wild gewordener Pöbel gezeigt. Letztlich folge Lloyd dem "konservativen Narrativ" der Thatcher-Jahre.

Es überwiegt jedoch die Anerkennung für den Film. So populär könnte er sich im Januar erweisen, dass einige Kommentatoren bereits ein Revival des Thatcher-Stils fürchten. "Moderedakteure lieben eine starke Frau", prognostizierte der "Guardian". Rechtzeitig zur Premiere würden Handtasche, Kostüm und Perlenkette ein Comeback auf den Modeseiten erleben. In Deutschland läuft "Die Eiserne Lady" am 1. März an, dann vielleicht bereits mit einigen Oscars garniert.