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13. Februar 2010, 09:06 Uhr

"Metropolis"-Weltpremiere in Berlin

So kalt, so gut

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Berliner sind hart im Nehmen: Zur Premiere der restaurierten Fassung des Stummfilmklassikers "Metropolis" lud die Berlinale zum Public Viewing ans Brandenburger Tor. Dass eisige Minusgrade herrschten, war dem Outdoor-Publikum egal - schließlich stimmten Kulisse und Filmgenuss.

Buhrufe ertönen am Brandenburger Tor, laute Buhrufe. Nicht, weil es mit der Live-Übertragung auf der großen Leinwand anfangs nicht klappt und der kurze Einstimmungsfilm auf die 60. Berlinale fast dreimal hintereinander läuft. Auch nicht, weil es drei Grad minus sind und Public Viewing unter diesen Umständen ganz schön anstrengend ist. Nein, die Berliner sind empört, weil ihnen etwas anderes zugemutet wird: Roland Koch.

Mit fast 20 Minuten Verspätung hat die Übertragung aus dem Berliner Friedrichstadtpalast von der "Metropolis"-Weltpremiere angefangen. Kurz schaltet der TV-Sender Arte nach Frankfurt in die Alte Oper. Dort spricht der hessische Ministerpräsident auf der parallel stattfindenden Premiere. Egal, dass Koch dieselben harmlosen Worte sagt, wie sie Berlins Bürgermeister Klaus Wowereit bei solchen Anlässen auch sagen würde: Die Berliner finden's blöd und werden laut. Mit einer Mischung aus politischem Protest und Sowieso-dagegen-sein findet der Abend seinen unerwarteten emotionalen Höhepunkt. Aber dann, um 20.45 Uhr, erscheinen die ersten Schwarzweißbilder auf der riesigen Leinwand, und aufgeregte Premierenstimmung macht sich schließlich doch noch breit.

Über tausend Menschen haben sich am Freitagabend vor dem Brandenburger Tor eingefunden, um sich die restaurierte Fassung von Fritz Langs Stummfilm-Klassiker "Metropolis" von 1927 anzusehen. 2008 waren in einem kleinen Museum in Buenos Aires Filmrollen mit lang verloren geglaubtem Material aufgetaucht. Die alt-neuen Szenen wurden aufwendig bearbeitet und in die bisher verbreitete Fassung eingefügt. Eine Viertelstunde Fußweg vom Brandenburger Tor entfernt findet nun die eigentliche Premiere von "Metropolis" statt, im Friedrichstadtpalast samt Rundfunk-Sinfonie-Orchester. Dort sind rund 2000 Gäste geladen, genauso viele noch einmal in Frankfurt.

Die hartnäckigsten Filmfans haben sich aber ohne Zweifel auf dem Pariser Platz versammelt. Mit dicken Schals und Mützen, aber auch Bierchen und Glühwein haben sich die Menschen für den frostigen Abend versorgt. Sie könnten sich die neue Fassung, die fast eine halbe Stunde länger ist, auch im Fernsehen anschauen. Aber die besondere Kulisse vor Berlins Wahrzeichen sticht die Minusgrade aus. Jedenfalls für eine gewisse Zeit.

Das Kronjuwel der Berlinale

Corinna klopft sich auf die Brusttasche ihrer Daunenjacke, es raschelt: "Ich habe mir schon Tickets für sechs Filme besorgt", sagt die 42-Jährige. "Nichts aus dem Wettbewerb, nur Sachen, die man sonst nicht im Kino zu sehen kriegt." Für die Architektin war es deshalb auch klar, dass sie sich "Metropolis" hier draußen, unter der hell angestrahlten Quadriga ansieht. Kumpel Andreas schenkt dazu dampfenden Glühwein aus seiner Thermoskanne aus. "Mal sehen, wie lange wir es aushalten", sagt der 38-Jährige. Er geht aber kein Risiko ein: "Wenn's zu kalt wird, schauen wir den Film daheim zu Ende: Ich nehme ihn nämlich auch aus dem Fernsehen auf!"

So gut vorbereitet sind nicht alle: Im Outdoor-Premierenpublikum finden sich viele Touristen, Hipster aus den USA, Pärchen aus Italien. Manche dozieren von den "crown jewels of the Berlinale", manche wollen sich nur die ersten 20, 30 Minuten ansehen und dann weiterziehen. Viele aber bleiben. Denn Fritz Langs dramatische Bilder verfehlen in der Stadt ihrer Uraufführung ihre Wirkung nicht: Der Trott der Arbeiter etwa, die nach unvorstellbarer Schufterei in ihre unterirdische Stadt zurückkehren - wo könnte er besser als auf den weiten Pariser Platz passen, der schon so viele Menschenmassen mit den unterschiedlichsten politischen Stoßrichtungen vereint hat?

Fragt sich nur, ob manche die Zweiklassengesellschaft, die Lang zeigt, auch auf sich beziehen. Im Friedrichstadtpalast ist es sehr eng und warm. Vorm Brandenburger Tor ist es nur: kalt.

Wer bis zum Schluss bleibt, wird besonders belohnt: Die rekonstruierten Szenen, in denen Freder, Maria und Josaphat die Kinder der Arbeiter vor den Wasserfluten retten, gehören zu den dramatischsten des Filmes überhaupt. Von ihnen können sämtliche Weltuntergangsschocker und Event-Zweiteiler lernen - schwer nachvollziehbar, warum sie einst aus der Originalfassung verschwinden mussten.

Es ist 23.15 Uhr, als Arbeiter und Unternehmer schließlich versöhnt sind. Rund 150 Menschen haben bis dahin durchgehalten. Sie jubeln ausgelassen - ob wegen des pathetischen Schlusses oder ihrer eigenen Standfestigkeit, ist nicht klar. Aber eigentlich auch egal. Denn so eine Premiere werden sie und wird Berlin so bald nicht wieder erleben.

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