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13. April 2017, 10:16 Uhr

Zum Tode von Michael Ballhaus

Von der Dunkelheit ins Licht

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Er schuf Bilder, so sinnlich, dass man durch die Leinwand in sie hineingreifen wollte. Kameramann Michael Ballhaus war ein Meister des Lichts und der Bewegung. Und ein echter Gentleman.

Auf ein Treffen mit Michael Ballhaus hat man sich immer schon Tage vorher gefreut. Er war ein Gentleman, höflich, stilbewusst und gleichzeitig überaus warmherzig. Wenn er vom Kino sprach, dann fingen seine Augen an zu leuchten wie die eines Jungen, manchmal wirkte er auch spitzbübisch, wenn er verriet, wie er sich einen Trick ausgedacht hatte, um ein ganz besonderes Bild auf die Leinwand zu zaubern.

Dass diese Augen in den vergangenen Jahren mehr und mehr erloschen, dass Ballhaus erblindete, war tragisch. Man kann aber sicher sein, dass er vor seinem inneren Auge stärkere und kraftvollere Bilder sah und ersann, als wir uns vorstellen können. Der letzte Film, bei dem er hinter der Kamera stand, war 2013 "3096 Tage" über die Entführung der Österreicherin Natascha Kampusch. Regie führte seine Ehefrau Sherry Horman.

"3096 Tage" ist ein Gefängnisfilm, er spielt überwiegend in einem Keller. Doch irgendwann nimmt der Entführer sein Opfer mit nach draußen und fährt mit Kampusch durch die Stadt. Es ist unglaublich, wie das Grün der Bäume leuchtet in dieser Szene, es wirkt geradezu überwältigend in seiner ganzen Saftigkeit. So muss es sich anfühlen, wenn man aus der Dunkelheit wieder ins Leben tritt.

Man kann Ballhaus, der 1935 in Berlin zur Welt kam, in den Fünfzigerjahren beim Fernsehen anfing, insgesamt 15 Filme für Rainer Werner Fassbinder und Martin Scorseses Oscargewinner "Departed - Unter Feinden" (2006) fotografierte, einen Kameramann nennen. Das ist nicht falsch. Tatsächlich klingt dieser Begriff für ihn aber viel zu profan. Er war ein Bildgestalter, der mit Licht und Bewegung modellierte.

Er schuf dreidimensionale Bilder, ohne 3D-Effekte zu brauchen. Seine wissbegierige Kamera erkundete die Räume, hinter jeder Ecke tat sich eine neue auf, Ballhaus lockte den Zuschauer in die Geschichten hinein wie in Labyrinthe, so in der berühmten langen Einstellung, mit der er in Scorseses "Good Fellas" (1990) einen Nachtklub durchmaß. Jeder Film war für ihn eine neue Welt, die er wie ein Pionier erforschte.

Einer der schönsten Filme und der wohl lustigste, den er je fotografiert hat, ist die schwarze Komödie "Die Zeit nach Mitternacht" (1985), die erste Zusammenarbeit mit Scorsese. Es ist die Geschichte eines Programmierers, der nachts im New Yorker Stadtteil Soho lauter bizarre, beunruhigende Begegnungen hat. Immer, wenn er aus dem Dunkel tritt, wird es gefährlich. Das Licht ist so durchdringend wie ein Geschoss.

Von der bewussten Bilderbetrachtung zur rückhaltlosen Hingabe

Ballhaus-Bilder wirken oft sehr physisch, am stärksten vielleicht in Scorseses "Zeit der Unschuld" (1995), der im New York des ausgehenden 19. Jahrhunderts spielt. Einen reich gedeckten Tisch setzte Ballhaus so ins Bild, dass man die Speisen zu riechen glaubt und durch die Leinwand hindurch einfach zugreifen möchte. Ballhaus entführte uns immer wieder aufs Neue ins Reich der Sinne.

Zu einem wirklich großen Künstler machte ihn seine Fähigkeit, die Zuschauer dazu zu bringen, sich in den Filmwelten zu verlieren, während er gleichzeitig das Kino reflektierte. In Ballhaus-Filmen gibt es Lichtwechsel auf offener Szene, Theatereffekte, sichtbare Kameraoperationen. Er war auch ein Kameramann im Brecht'schen Sinn, der die Zuschauer daran erinnerte, dass sie im Kino saßen. Und dann ließ er sie es im Nu wieder vergessen.

Ballhaus erzählte, höflich, wie er war, und auch stolz, immer wieder von den 360-Grad-Fahrten, die zu seinem Markenzeichen wurden und die er in Filmen wie "Martha" (1974) und "Die fabelhaften Baker Boys" (1990) einsetzte. Und gleichzeitig spürte man bei ihm ein gewisses Unwohlsein, denn er sah sich als Dienender des Films, dessen Arbeit dann besonders gelungen ist, wenn man sie nicht wahrnimmt.

Doch Ballhaus' Filme sind gerade deshalb so reichhaltige Erlebnisse, weil sie den Zuschauer dazu bringen, ständig zwischen verschiedenen Weisen der Wahrnehmung zu wechseln, der bewussten Betrachtung der Bilder und der rückhaltlosen Hingabe. In der Arthur-Miller-Adaption "Tod eines Handlungsreisenden" (1985), von Volker Schlöndorff inszeniert, sieht man die Kulissen und steckt eine Sekunde im Kopf des Helden Willy Loman.

Vor einem Treffen mit Michael Ballhaus hatte man auch immer ein bisschen Sorge. Denn als Journalist will man natürlich süffige Anekdoten über die Kämpfe und Streitigkeiten hinter den Kulissen hören, kleine Spitzen gegen Schauspieler und Regisseure. Doch die lieferte Ballhaus so gut wie nie. Er war einfach durchdrungen von dem Respekt gegenüber anderen. Ein großer Mann.

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