Zum Tod von Michael Gwisdek Dieser unbedingte Hang zur Ehrlichkeit

Er war ein Volksschauspieler, er lachte und er rieb sich. In zwei Systemen ist Michael Gwisdek angeeckt, hat aber auch mit seinem Talent und Witz beglückt. Erinnerungen an einen genialischen Narren.
Ein Nachruf von Leander Haußmann
Volksschauspieler Michael Gwisdek (in "Hölle im Kopf", 2005)

Volksschauspieler Michael Gwisdek (in "Hölle im Kopf", 2005)

Foto: ddp images

Es ist schrecklich, eine Zumutung, eigentlich nicht hinnehmbar. Der Tod und Michael Gwisdek, das passt nicht zusammen. Gwisdek, der sich sein Leben lang mit dem Komischen auseinandersetzte, der sich für keine Pointe zu schade war. Wo soll jetzt die Pointe sein?

Michael war ein Haudegen der deutschen Filmszene. Seine Domäne war das Komische, er fand es oft im Tragischen. Er war ein Narr. So sah er sich. In allem. Den Schnittplatz, das Kino, dass er sich in seinem Haus eingerichtet hatte, die Koikarpfen im Gartenteich, die Schauspielkunst - in alles war er vernarrt. Ein Filmnarr, ein Gartennarr, ein ...Narr. 

Im Leben, beim Schreiben, beim Spielen hatte er einen unbedingten Hang zur Ehrlichkeit, der fast schon tourettehafte Züge annahm. Dieser Hang zum Hofnarrentum hat ihn so manchmal in seiner Existenz bedroht. Er brachte es auf schwarze Listen im Osten, schwarze Listen im Westen, keine schadete ihm. Er brachte das Kunststück fertig, sich in beiden Systemen sowohl beliebt als auch unbeliebt zu machen. Man liebte ihn trotzdem weiter. Man konnte ihm nichts übel nehmen.

"Da kannste wat lernen"

Leander Haußmann (l.) mit Michael Gwisdek (r.), in der Mitte Henry Hübchen

Leander Haußmann (l.) mit Michael Gwisdek (r.), in der Mitte Henry Hübchen

Foto: Eva Schroeder-Oertwig / picture-alliance

Sein Witz machte keinen Halt vor irgendwelcher Ideologie. Er lachte, und er rieb sich. Vornehmlich mit Henry Hübchen, seinem besten Freund. Hier waren die Übergänge vom Wortgefecht zum gegenseitigen Madigmachen nahtlos, zwei Freunde und Weggefährten bezichtigen sich gegenseitig zu chargieren; sie waren dabei wie Walther Matthau und Jack Lemmon.

Gwisdek war ein wandelndes Filmlexikon, ein Till Eulenspiegel, der seinen Regisseuren oft und nervig auf der Nase herumtanzte. Trotz der großen und internationalen Filme, in denen er mitgespielt hat, war er sich nicht zu schade, in meinem Film "Haialarm am Müggelsee" für Umme und einen Producertitel den Bademeister zu spielen. Unvergessen dabei ist mir, wie er dabei zu Hübchen sagte: "Da kannste wat lernen! Du, immer mit demselben Gesicht! Denkst wohl, Grimasseschneiden is abendfüllend." Zu mir sagte er: "Weeste, da machen wir die Einstellung aus 'The Good the Bad and the Ugly', weeste, wo der Palace da so schräg ins Bild kommt!"  

Bescheiden war er. Schnell war er. Und ein Freund war er. Ein großer Westernfan, der immer einen Western drehen wollte. Deshalb ließ er sich zu DDR-Zeiten zwei Kinderpistolen mit Blei vollgießen, um das Gunslingern perfekt zu beherrschen. Die Defa-Verantwortlichen belehrte er als junger Darsteller in einem Indianerfilm, wie ein Gunfighter richtig schießt. Nun ist er tatsächlich auf sein Pferd gestiegen und in den Sonnenuntergang geritten.

Er hat kein großes Gewese gemacht um sein Talent, das mitunter ans Genialische reichte. (Ich höre ihn lachen: "Ans Genialische? Nu is gut!") Er war ein Volksschauspieler, angelangt am größten zu erreichenden Ziel.

Und jetzt soll Gwisdek plötzlich keine Witze mehr machen? Keine Filme mehr mit, von ihm? Er ist nicht mehr da, die Reihen lichten sich. Und weit und breit keiner, der die Lücke füllt. Kein Witz, keine Pointe. Michael Gwisdek war ein grandioser Schauspieler, Autor und Regisseur. Er stand für unerschrockenes, mutiges Filmemachen. Halten wir kurz die Luft an und hören wir in die Stille: Tatsächlich, Michael Gwisdek ist nicht mehr.