Missbrauchs-Doku "Leaving Neverland" Wie Michael Jackson Familien bezirzte, zerriss, wegwarf  

Zwei Familien berichten in der Doku "Leaving Neverland" ausführlich vom Missbrauch durch Michael Jackson und lösen eine Kontroverse aus: Wie soll man mit dem "monströsen Genie" fortan umgehen?

US-Popstar Michael Jackson (Archivbild von 1996)
AFP

US-Popstar Michael Jackson (Archivbild von 1996)


"Er war einer der gütigsten, sanftesten, liebevollsten Menschen, die ich kannte", sagt Wade Robson in den ersten Minuten von "Leaving Neverland" über Michael Jackson. "Und er hat mich über sieben Jahre sexuell missbraucht."

Der Film ist ein verstörender Augenzeugenbericht, der im Januar das Sundance-Filmfestival und jetzt, nach seiner Ausstrahlung auf HBO, die amerikanische Öffentlichkeit erschüttert. Robson, 36, und James Safechuck, 40, sowie ihre Familienmitglieder erzählen darin, wie sie in den Bannkreis des Superstars gerieten, mit Geschenken überhäuft wurden, sich "in einem Märchen verirrten", wie Safechucks Mutter sagt. Und wie Wade und James, damals sieben und zehn Jahre alt, bald nicht nur das Bett, sondern heimlich auch das Sexualleben Jacksons teilten, während Eltern und Geschwister in immer entfernteren Zimmern von Jacksons Neverland-Ranch residierten.

Über vier Stunden lässt der britische Filmemacher Dan Reed die Beteiligten einfach reden - er hakt nicht nach, befragt keine weiteren Augenzeugen, wägt nichts ab. Er unterlegt die Aussagen von Aufnahmen der Ranch, von Jackson mit Wade oder James im Schlepptau, mit Familienbildern, schließlich mit Nachrichtenausschnitten, als Jackson 2005 vor Gericht steht, weil ein anderes Kind ihn des sexuellen Missbrauchs beschuldigt hat.

Wade Robson, Regisseur Dan Reed und James Safechuck
AP

Wade Robson, Regisseur Dan Reed und James Safechuck

Nach Jacksons Tod wurde es still

Bereits 1993 hatte der junge Jordan Chandler ähnliche Vorwürfe erhoben; Wade Robson gab zu Polizeiprotokoll, nie unsittlich von Jackson berührt worden zu sein. Jackson einigte sich mit den Chandlers außergerichtlich über mehr als 20 Millionen Dollar.

Das Gerichtsverfahren von 2005 endete mit einem Freispruch - auch deswegen, weil sowohl Wade Robson als auch James Safechuck zu Jacksons Gunsten aussagten. Aber erst mit Jacksons Tod 2009 versiegten die dunklen Spekulationen über den kindlichen Künstler, der sich dauernd mit Kindern umgab. "Thriller" zählt bis heute zu den bestverkauften Alben weltweit.

Mit "Leaving Neverland" fällt nun erneut ein tiefer Schatten auf dieses Vermächtnis. Die Geschichte des Michael Jackson, so die "New York Times", wurde die längste Zeit von Jackson selbst geschrieben - Philantrop, Pazifist, Kinderfreund. Jetzt wird diese Geschichte aus einer anderen Perspektive dargeboten, fraglos ein Zeichen des "MeToo"-Zeitalters. "Leaving Neverland" ist die Geschichte eines labilen Egomanen, der sich in einer Kinderrolle inszeniert, die in keinem Verhältnis zu seinem Einfluss und seinem Alter steht; der in dieser Rolle jungen Kindern Sex als Liebesbeweis verkauft; der seinen Opfern Geheimhaltung einschärft; der sie, sobald sie die Pubertät erreichen, gegen neue, jüngere austauscht. Und der sich einen Dreck darum schert, dass er Familien bezirzt, auseinanderreißt, benutzt, wegwirft.

Kehrtwendung der wichtigsten Zeugen

Dass sowohl Wade als auch Safechuck 2005 als Erwachsene für Jackson ausgesagt hatten, befeuerte parallel zu der beträchtlichen öffentlichen Verstörung, die der Film auslöste, einen heftigen Backlash. Auf Webseiten wie LeavingNeverlandFacts.com und in Mini-Dokumentationen auf YouTube wird Jacksons Unschuld bekräftigt, das Wirtschaftsmagazin "Forbes" wies darauf hin, dass Robsons Sinneswandel sich offenbar parallel zu einem Karriereknick vollzog, nachdem das Michael Jackson Estate ihm den Choreografie-Job in der Jackson-Show des Cirque de Soleil, "One", vorenthielt. Die Familie von Michael Jackson, die HBO auf 100 Millionen Dollar verklagt hat, behauptet, es ginge Robson und Safechuck nicht um Gerechtigkeit, sondern um Ruhm und Geld.

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Michael Jacksons Anwesen: Die Neverland Ranch

Aber die Erklärung, die die beiden Männer für ihre Kehrtwendung abgeben, gehört zu den erschütterndsten Momenten des Films. "Es war aufregend, ihn beschützen und womöglich retten zu können", sagt Wade Robson über seine Verteidigung Michael Jacksons als harmloser Freund. Wenn man den beiden Männern glaubt, offenbaren sich hier die perfidesten Mechanismen des Missbrauchs.

Besonders Safechuck fasst seine Beziehung zu Jackson als Liebesgeschichte, bis hin zur gespielten Hochzeit, zu der Jackson ihm einen diamantbesetzten Goldring schenkte. Safechuck zieht ihn im Film mit zitternden Fingern aus einer Schatulle und sagt: "Ich mag Schmuck. Er gab ihn mir im Gegenzug für sexuelle Gefälligkeiten. Mir fällt es immer noch schwer, nicht mir selbst die Schuld zu geben."

Auch die Mütter der beiden Männer ringen bis heute mit ihrem fahrlässigen Vertrauen in Jackson. Beide gaben anfängliche Weigerungen, ihre Söhne mit ihm allein zu lassen, schließlich auf, weil sie Jackson offenbar als eine Art Sohn betrachteten. James Safechucks Mutter sagt an einer Stelle über Jackson: "Er tat uns leid. Er war ein so einsamer Mensch. Wir hofften, ihn glücklich machen zu können."

"Monströses Genie"

In den US-Medien ringt man nun mit der Frage, wie mit einem weiteren "monströsen Genie" umzugehen sei - eine Frage, die die Kulturwelt schon im Hinblick auf Figuren wie Charles Dickens, Pablo Picasso, James Brown und Roman Polanski quälte. Kann man die Kunst Jacksons, der die Popmusik formte wie kaum ein Zweiter, getrennt vom Künstler betrachten? Muss man, sofern das überhaupt möglich ist, abschwören von allem, was Jackson schuf? Oder muss man sich vielmehr die beunruhigende Vielschichtigkeit dieser Story vergegenwärtigen?

"Die Geschichte dieser Familien", schrieb "Slate" über Reeds Doku, "spiegelt die Beziehung unserer Kultur zu Stars und deren Beziehung zu uns - eine Geschichte der Idolisierung und der Ausbeutung, der Projektion und Besessenheit, des Opportunismus und der Rechtfertigung. Und der Verwüstung, die bleibt. "

"The music stops" schrieb die "New York Daily News" über den Effekt des Films, aber das ist wohl wenig mehr als ein frommer Wunsch. Wie die "New York Times" bemerkte, ist Jacksons Musik "keine Mahlzeit, sie ist viel elementarer." Sie sei "Salz und Pfeffer und Olivenöl und Butter" für die zeitgenössische Popmusik und damit wohl kaum zu löschen. Wer "Leaving Neverland" gesehen hat, mag sie immerhin künftig als Mahnung hören.



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