Tragikomödie "Der Schaum der Tage" Niedliche Nullnummer

So klebrig mochte es selbst Amélie nicht: In seiner Verfilmung von Boris Vians Klassiker "Der Schaum der Tage" verliert sich Michel Gondry in den Schnörkeln der bittersüßen Liebesgeschichte aus dem Jazz Age.

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Manche Dinge passen tatsächlich zu gut zusammen. Die überbordende Phantasie von Michel Gondry, die wild-zärtliche Prosa von Boris Vian, die großen Augen von Audrey Tautou: In der Verfilmung von "Der Schaum der Tage" ergeben diese drei Zutaten cineastische Zuckerwatte, süß, voluminös, aber letztlich substanzlos.

1946, mit nur 26 Jahren, schrieb der gebürtige Pariser Vian seinen berühmtesten Roman "Der Schaum der Tage". Dass er ein ebenso begeisterter Jazz-Trompeter wie Schriftsteller war, merkte man dem Buch in jeder Zeile an. Die Geschichte vom jungen, aber betuchten Lebemann Colin, der in der zarten Chloé die Liebe seines Lebens findet, sie aber an eine Lungenkrankheit verliert, war an sich einfach. Doch in Vians Interpretation, durch seine sprachlichen Improvisationen, seine explosive Phantasie und seinen absurden Humor wurde sie zu einem funkelnden Schatz, den Generationen von jungen Franzosen seit bald 70 Jahren immer wieder neu für sich entdecken.

Warum sich Michel Gondry berufen fühlte, dieses Buch zu verfilmen, ist trotzdem nicht klar. Seine stärksten Filme ("Vergiss mein nicht", "Human Nature") waren nämlich immer die, die eine äußerst komplizierte Geschichte zur Grundlage hatten, deren einfachen, wahrhaften Kern er erst noch offen legen musste. Bei "Der Schaum der Tage" ist solche dramaturgische Arbeit nicht gefragt, weshalb sich Gondry heillos in den Ornamenten der Geschichte verheddert.

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"Der Schaum der Tage": Etsy statt Erzählkunst
Türklingeln werden hier zu Käfern, die die Wände hoch gehen. An einem Pianocktail werden per Klaviatur exotische Drinks gemixt. Für die verliebten Colin und Chloé steht eine Wolkengondel parat, um sie in den Liebeshimmel zu verfrachten. Oft nimmt sich "Der Schaum der Tage" aus, als wäre ein Team von Etsy-Shop-Betreibern statt eines erfahrenen Regisseurs am Werk gewesen, erzählerisch führt die Niedlichkeit geradeaus ins Nichts.

Angestaubte Sartre-Witze

Gondry fällt hier weit hinter seinen eigenen Film "Anleitung zum Träumen" (2006) zurück, der ebenfalls von einer Liebe ohne Happy End handelte. Dort setzte er die Spielereien jedoch sparsamer und treffsicherer. Eine Pony-Puppe, die plötzlich zu traben anfing, war hier nicht cineastische Zuckerbäckerei, sondern Symbol dafür, wie sehr sich der unglücklich verliebte Stéphane (Gael García Bernal) wünschte, er könnte auch die Liebe seiner Angebeteten Stéphanie (Charlotte Gainsbourg) mit purer Willenskraft zum Leben erwecken.

Von einer solchen zweiten Ebene ist in "Der Schaum der Tage" nichts zu finden. Deshalb sind auch die vielen Talente, die Gondry als Darsteller gewinnen konnte, verschenkt. Audrey Tautou muss als Chloé wenig mehr tun, als die Augen aufzureißen, Romain Duris ("Der Auftragslover") darf als Colin wieder einmal nur den 5-Tage-Bart-Verführer geben. Allein der französische Starkomiker Gad Elmaleh kriegt als verschrobener Archivar Chick genug zu spielen, doch seine Witze auf Kosten von Jean-Paul Sartre ("Jean Sol Partre") wirken arg verstaubt. Als Vian das Buch schrieb, hatte sich seine Freundin kurz vorher mit dem Philosophen eingelassen, die Sticheleien waren also persönlich motiviert, funktionierten aber auch bestens als kleine Angriffe auf ein Nationalheiligtum.

Von Sticheleien, geschweige denn echten Schlägen ist Gondrys Film aber meilenweit entfernt. Hätte er nicht in den vergangenen Jahren eine erstaunliche Experimentierlust an den Tag gelegt und sowohl Superhelden-Junk ("The Green Hornet") als auch intime Familiendokus ("The We and the I") gedreht, müsste man ihn glatt als interessanten Regisseur abschreiben. Vertrauen wir also darauf, dass Gondry selbst schon erkannt hat, in welche kreative Sackgasse er sich hier verfrachtet hat, und hoffen darauf, dass er noch einmal zu alter Form zurück findet.


"Der Schaum der Tage", ab 3. Oktober im Kino. Regie: Michel Gondry. Mit: Audrey Tautou, Romain Duris, Omar Sy, Gad Elmaleh.



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Ballonmütze 03.10.2013
1. typisch
Auch ich finde das Gondrys Gesamtwerk von Genial bis Gewöhnlich reicht, aber Ratschläge dieser Art hat er nicht nötig. Zu Alter Form zurückfindet? Warum darf ein Künstler nicht das machen worauf er Lust hat, statt die Erwartungen seines Publikums zu erfüllen? Auch Hitchcock, Haneke oder Truffaut haben immer wieder Filme gedreht, die man als Genrepflichtübung oder schwach bezeichnen kann, aber das bereichert das Oevre nur. Aus solch einer Haltung wie Ihrer, Frau Pilarczyk, erwachsen Tatorte am Sonntagabend: bloss nicht überraschen lassen. Wer unbedingt vorher wissen will was ihn erwartet, kann ja in den nächsten Michael Bay gehen.
MoorGraf 03.10.2013
2. ich find den Film klasse!
Na klar ist die Welt skurril, na klar sind da jede Menge Blümchenbilder drin und natürlich ist da viel Kitsch dabei, aber wer in einen Erdbeerkuchen reinbeißt und sich wundert, dass er süß ist und sogar nach Erdbeeren schmeckt, hat bei der Auswahl was falsch gemacht und ich finde sein Urteil als Kritiker von Erdbeerkuchen irrelevant. Tautou spielt hinreißend und dass sie dabei gut aussieht (und auch noch die Augen schön "aufreißt") gehört zum Film, Duris hat einen 5 Tage Bart aber darüber hinaus spielt er auch großartig: ob das jetzt Gonrys bestes oder schlechtestes Werk ist, sollen schlauere Leute als ich beurteilen, aber er hat aus einer schwierigen Drehbuchvorlage einen tollen Film gemacht, der kein Massenpublikum anziehen wird (wie Green Hornet), der aber jednefalls mir großen Spaß gemacht hat und von dem ich glaube, dass er leidenschaftlichen Kinogängern gut gefällt.
courlis 04.10.2013
3. Doch, ja, ein Künstler darf alles
..er darf auch hin und wieder mal einen schlechten Film drehen. Und Gondry hat diesmal einen schlechten Film gedreht. Denn es hilft aller Ideenreichtum (den ich bei Gondry sehr schätze) nichts, wenn der Regisseur seine Hauptfiguren aus dem Auge verliert. Als Zuschauer möchte man, bei aller Freude an der schrägen Ästhetik, in den Bann dieser Liebesgeschichte gezogen werden. Dies ist hat sich diesmal nicht eingelöst.
Nasenbär-HH 06.10.2013
4. Wunderbare Unterhaltung
Endlich einmal ein wunderbarer Film, in dem man sich treiben lassen und einfach nur die Skurilität genießen kann, die sich nur in der Fantasie finden lässt. Für Menschen ohne die Gabe der Fantasie wird der Film natürlich nur ein schlechter Film bleiben. Sie sollten einfach nur die Blockbuster aus Hollywood "genießen". Ich hatte seit langem einmal wieder einen schönen Kinoabend mit Leichtigkeit und einer ganz besonderen Dramatik, die manchmal auch das wahre Leben ausmacht. Danke dem Schriftsteller und dem Regisseur!"
Rationalist 07.10.2013
5. Schade, das ging in die Hose
Es ist sehr einfach zu behaupten, ein Buch sei besser als eine filmische Adaption. Diese ist sehr lehrreich, da sie beweist, dass Verfilmungen phantastisch-realistischer und surrealistischer Romane selten gelingen. Bei allen Einfällen, die hier technisch sehr aufwenig, realisiert sind, bleibt der eigentlich sehr banale plot, der im Roman dank der Kunst Boris Vians faszinierte, hier auf der Strecke. Gekonnt umgesetzt, wie das Ambiente des anfangs wohlhabenden Colin im gleichen Maße enger und dunkler wird, wie er verarmt. Leider dreht der Film Ideen Vians wie des Regisseurs ein paar Schraubendrehungen zu weit. Vieles, was im Roman rührt, wird im Film zu slapstick. Halbwegs erträglich wird das Ganze durch die Musik. Dieses Werk dürfte die Produktionskosten auch nicht annhähernd einspielen. Gewiß, Boris Vian ist inzwischen nicht nur in Frankreich Kult. Daran dürfte diese Adaption nichts ändern. Sie wird allerdings Produzenten wie Regisseure daran erinnern, wie schwierig solche von der Sprache lebenden Romane zu visualisieren sind. Die Phantasie des Lesers, der sich seine eigenen Bilder im Kopf macht, ist auch souverän beherrschter Film- und Tricktechnik allemal überlegen.
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