Mickey Rourke als "The Wrestler" Der letzte Gladiator

Der große Selbstzerstörer des US-Kinos ist wieder da: Mickey Rourke brilliert mit seiner Rolle als trostloser Profi-Wrestler. Doch Achtung: Darren Aronofskys Film handelt nicht nur von einem skurrilen Sport, sondern auch von der Gewalt der Schaulust.
Von Birgit Glombitza

Die Meute will Blut sehen. Und zwar an jedem verdammten Tag, den Gott für die letzten Gladiatoren der westlichen Welt werden lässt. Es gehört dazu wie die engen Glitzerhosen der Kämpfenden, die trashigen Frisuren, die Ränder der Sonnenbankbräune.



Dieser Kampf, der ständig so tun muss, als ging es um alles - Leben oder Tod, Ehre oder ewige Verdammnis - befriedigt jedoch weniger die Testosteronsschübe der Fighter als die ungebremste Schaulust des Publikums. Er wird in Provinz-Turnhallen von einer eigenen Liga ausgetragen und gehört zu der Sorte besonders rabiaten, gerade noch legalen Wrestlings in den USA.

Mit Stereoiden aufgepumpte Catcher gehen hier aufeinander los. Choreographierte Barbaren, denen das übliche Hauen und Brechen, das man auch bei DSF zu sehen bekommt, zu soft ist. Blut, Schmerzen und eine scheinbar durch keinen Anstand gebremste Grausamkeit, das ist das Besondere.

Die martialischen Posen, das primatenhafte Gekeife vorm Kampf, die unfreiwillig komischen Fressen des Bösen, das alles findet man auch bei den Exzentrikern des Boxsports. Aber vor den Augen des Publikum auf die Stirn getackerte Dollarnoten und mit versteckten Rasiermessern zugefügte Cuts, aus denen das Blut rinnt wie aus den Märtyrerwunden in barocken Kirchengemälden, das sind die wahren Attraktionen dieses Kampfsports.

In Randy Robinson, genannt "The Ram" haben die blutigen Spiele ihren vorläufigen Meister gefunden. Und in Mickey Rourke wiederum hat das Kino - das ja wie das professionelle Vermöbeln seine Ursprünge in schmuddeligen Jahrmarktbuden hat - einen neuen Heiligen für seine Passionsgeschichten.

Mickey Rourke, der am vergangenen Sonntag zwar ohne Oscar nach Hause gehen musste, spielt - so abgedroschen das auch klingen mag - die Rolle seines Lebens. Mit einem Gesicht, das Schönheits-OPs und die Schläge seiner Sparringspartner grotesk entstellt haben.

Augenlider, die irgendwie über seine dunklen Knopfaugen Augen gezurrt wurden. Darunter eine Nase, die jemand aus Fertig-Knödeln modelliert haben muss und ein Mund, in dem das spitzbübische Lächeln, wie man es von Rourke aus dem Erotikthriller "9 1/2 Wochen" kannte, auf abstoßende Art festgemeißelt scheint. Es ist die Visage eines tragischen Freaks.

Mickey Rourke weiß vermutlich, wie Randy "The Ram" leidet. Weil er sich wie der Protagonist in Darren Aronofskys "The Wrestler" selbst dem Spott preisgegeben hat, den die Medien für heruntergekommene Ex-Stars wie ihn bereithalten. Weil er selbst unbedingt noch einmal in den neunziger Jahren in den Ring als Profiboxer musste, als sich sein Image als asozialer und manisch depressiver Sexualprotz.

Comeback für einen Kampf

Rourke ist zurück. Vielleicht auch nur für diesen einen Film, diesen einen Kampf. Er springt in "The Wrestler" gleich in mehrfacher Hinsicht vom obersten Seil auf die Kampfmatte, wie es seine echten Kollegen machen, wenn sie dem Gegner mit der ganzen Masse ihres Leibes den Gnadenstoß versetzen. Wenn Rourkes Randy sein Hörgerät anstellt, die schütteren Haare blond färbt, sich die Muskeln aufspritzt, um seinen Trailer herumjoggt oder im Supermarkt arbeitet, weil die Preisgelder nicht einmal für die Miete reichen, dann erledigt er dies mit dem letzten Rest Würde eines zerrütteten Mannes.

Randys Herz ist krank, seine Tochter (Evan Rachel Wood) will nichts von ihm wissen und die Stripperin Cassidy (Marisa Tomei) hat selbst genug mit dem Altern und der eigenen Verbitterung zu kämpfen. Und wie die Kamera Cassidys routinierte, aufreizende Bewegungen einfängt, lässt sie auf wunderbare Weise keinen Zweifel daran aufkommen, dass sich die Jobs des Kämpfers und der Tänzerin und ihrer beider Erschöpfung ziemlich ähneln müssen.

Schmerz als Ansichtssache

Je mehr man vom Regelwerk des Wrestling begreift, desto weniger schäbig wirken die Helden dieser Trashkultur. Die abgesprochenen Siege, Schläge und Niederlagen sind natürlich die Höhepunkte einer durchchoreographierten Performance.

Dass dabei noch etwas ganz anderes, viel Erschreckenderes sichtbar wird, macht neben Rourkes anrührendem Berserkertum die zweite große Qualität des Filmes aus. Mit "The Wrestler" katapultiert sich Regisseur Darren Aronofsky nach seinem unerträglich esoterischen Ausflug in "The Fountain" wieder zurück in die Welt der Schwerkraft, der reinen Physis und der alltäglichen Depressionen des Irdischen.

Der Film ist dabei komplexer als sein simpler Plot (Herausforderung, Comeback, Triumph beziehungsweise Scheitern) vermuten lässt. Am Ende ist es eine Geschichte über die Ungnade, die Maßlosigkeit und die Gewaltlust des Publikums selbst geworden.

Das Publikum ist es auch, das "The Ram", der es in seinen glorreichsten Jahren immerhin bis zur Vorlage für eine Nintendo-Figur gebracht hat, zu weit gehen lässt. Der Illusionismus der Darbietung ist der Menge egal. Sie will glauben, dass sich Menschen auf Bestellung gegenseitig ihr Hirn herausprügeln. Und es will immer mehr davon.

Die Kontrolliertesten in diesem schillernden Film über Performance und Schmerz sind die Kämpfer selbst. Sie haben ihre Wut besser im Griff als jeder andere im Raum. Und so dauert es erstaunlich lange, bis "The Ram", der bezeichnenderweise als Fleischverkäufer jobbt, hinter der Wursttheke pampig wird, als eine Kundin ihn schikaniert. Andere hätten viel früher die Nerven verloren. Doch die erkennt man in "The Wrestler" daran, dass sie für den Eintritt bezahlen.

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