Miese Filmförderung Stich ins Herz des deutschen Kinos

Drastische Budgetkürzungen, fehlende Programmplätze: Die Zeiten, in denen deutsche Nachwuchsfilmer sich auf die Förderung der Fernsehsender verlassen konnten, sind vorbei. Wo soll da bitte der nächste Oscar herkommen? Oder überhaupt ein anständiger Film?
Von Katharina Dockhorn

Als Cannes jubelte, fehlte Bettina Reitz. So ist das meist, wenn Erfolge wie der Gewinn der Goldenen Palme durch Michael Hanekes "Das weiße Band" gefeiert werden. Dabei wäre der Film ohne sie kaum entstanden.

Die Fernsehchefin des Bayerischen Rundfunks bettelte wie so oft bei ihrem Vorgesetzten, dem Intendanten Thomas Gruber, als der Berliner Produzent Stefan Arndt wenige Tage vor dem Dreh in der brandenburgischen Prignitz vor einer Finanzierungslücke stand. Gruber machte Mittel aus seinem Etat locker.

Ohne das Gespür von Bettina Reitz wäre auch Florian Henckel von Donnersmarcks Oscar-Gewinner "Das Leben der Anderen" nicht entstanden. Künftig muss Reitz jedoch kürzer treten. Grubers Topf ist seit mehr als einem Jahr für Kinofilme tabu. Außerdem hat er den Etat für Kino-Co-Produktionen um sechs Millionen Euro gekürzt. Wie hoch die Einsparungen 2010 sein müssen, weiß Bettina Reitz nicht. "Es wird auf jeden Fall sehr, sehr schwierig."

Die fetten Jahre sind nicht nur beim Bayerischen Rundfunk vorbei. Bis auf den SWR, der seinen Topf für Kino-Co-Produktionen 2009 um 900.000 Euro aufgestockt hat, kürzen alle Sender. Beim WDR und NDR wissen die Redakteure nicht, wie viel sie in den kommenden Jahren zur Verfügung haben werden. Eingespart wird vor allem bei Kinodokumentarfilmen und internationalen Co-Produktionen.

Die Kürzungen treffen das deutsche Kino ins Herz und könnten das Ende eines Finanzierungssystems einleiten, das vor mehr als 40 Jahren für die Unterzeichner des sogenannten Oberhausener Manifests um die Filmemacher Rainer Werner Fassbinder und Alexander Kluge etabliert wurde.

Sie hatten 1962 Opas Unterhaltungskino für tot erklärt und drehten Filme, die sich der deutschen Gegenwart und Vergangenheit mit kritischem Blick näherten; authentische Geschichten statt Heimatfilm.

Doch die heute weltweit als Klassiker geschätzten Autorenfilme floppten an der Kinokasse, die etablierten Produzenten winkten ab. Die ARD sprang ein und übernahm den Löwenanteil der Budgets. Heute sind die öffentlich-rechtlichen und privaten Sender bei mehr als 90 Prozent der deutschen Filme kreativer und wirtschaftlicher Partner - allerdings mit rückläufiger Tendenz. Steuerten sie 2007 noch 14 Prozent zu den Budgets bei, waren es im Jahr darauf nur 12 Prozent.

Der Rückzug der privaten Sender wird mit der aktuellen Wirtschaftskrise begründet. Weil die Werbeeinnahmen massiv eingebrochen sind, hat RTL erst kürzlich 20 Redakteure für fiktionale Programme entlassen. Der Kölner Sender hat sich allerdings schon seit Jahren weitgehend von der Kinoproduktion verabschiedet und beteiligt sich nur in Ausnahmefällen - wie an Mario Barths "Männersache". Die ProSiebenSat.1 Media AG will dagegen ihr monetäres Engagement für Spielfilme auf dem Niveau der Vorjahre halten.

Die öffentlich-rechtlichen Sender verweisen dagegen auf Löcher von einigen Hundert Millionen Euro in ihren Haushalten. Als Gründe nennen sie die Gebührenbefreiung von Hartz-IV-Empfängern und die stetig wachsende Zahl von GEZ-Verweigerern.

Beim ZDF dürften jetzt vor allem die sogenannten Amphibienfilme auf dem Prüfstand stehen - Filme, bei denen für Budgets um 15 Millionen Euro parallel zum Kinofilm ein Zweiteiler fürs Fernsehen gedreht wurde. Das ZDF hatte mit seinen Amphibien allerdings nur mäßigen Erfolg: "John Rabe" räumte zwar vier Deutsche Filmpreise ab, erwies sich aber im Kino ebenso als Kassengift wie "Anonyma".

Regisseure beim Arbeitsamt, Produktionsfirmen in der Pleite

Die ARD traf mit den Amphibien "Der Untergang", "Baader Meinhof Komplex" und "Buddenbrooks" den Geschmack der Zuschauer besser. Solche Titel schmücken das Programm. Auch Highlights wie "Good Bye, Lenin" oder "Alles auf Zucker" finden schnell den Weg ins Programm - im Gegensatz zu vielen anderen Produktionen.

Denn was dem Ersten fehlt, ist ein attraktiver Sendeplatz für Spielfilme. Seit zwei Jahren suchen die Intendanten eine Lücke im Programmschema. Eine Lösung zeichnet sich nicht ab, was zur Folge hat, dass die ARD die von ihr finanzierten Programmschätze, die sie in der Regel fünf Jahre lang unbegrenzt oft ausstrahlen darf, nicht ausreichend verwertet.

Christian Petzolds "Innere Sicherheit" zierte ebenso wie Andreas Dresens "Nachtgestalten" nur einmal das Hauptprogramm. Hans-Christian Schmids "Requiem" und Sven Taddickens "Emmas Glück" laufen in diesem Sommer zu nachtschlafender Zeit. Andere Filme wie "Erbsen auf halb sechs" werden auf den Dritten versendet, unter denen der Programmaustausch zudem nur ungenügend funktioniert. Jeder Sender hat seine eigene Spielfilmredaktion, wo oft der Überblick über das Gesamtangebot oder schlicht die Sendeplätze fehlen.

Dabei macht die Konkurrenz von ZDF, ProSieben und Sat.1 vor, wie Filme sinnvoll eingesetzt werden. Das Zweite hat montags seine Sendeschiene für Fiktionales - wo allerdings leider auch mal ein Highlight wie die Martin-Walser-Verfilmung "Ein fliehendes Pferd" als "Fernsehfilm der Woche" versteckt wird.

Im Schnitt strahlt das ZDF seine Kino-Co-Produktionen vier Mal aus. Diese Marge ist auch das Ziel von Stefan Gärtner, der mit Seven Pictures für ProSieben und Sat.1 die Projekte auswählt. Er strebt zwei bis vier Mal Primetime an, was ihm auch oft gelingt.

Mit "Sonnenallee" begann die Kooperation mit Leander Haußmann, Til Schweigers "Keinohrhasen" und dessen Nachfolger "Zweiohrküken" hat sich Seven Pictures bereits gesichert, lange bevor die erste Klappe gefallen ist. Über Michael "Bully" Herbigs Hits verfügt der Sender dank eines langfristigen Deals mit der Münchner Constantin.

Mit der klaren Ausrichtung auf populäre Stoffe verfolgt Seven Pictures eine andere Programmphilosophie als ZDF und ARD. Tom Tykwer hätte "Das Parfüm", das Sat.1 herausragende Einschaltquoten bescherte, jedoch nie inszeniert, wenn seine ersten Schritte als Filmemacher zuvor nicht vom WDR gefördert worden wären. Auch damals kam der Erfolg nicht sofort. Erst "Lola rennt" lockte Millionen in die Kinos und vor den Bildschirm.

Zu viele Filme, zu wenig Platz

Ob Tykwer, Dresen, Petzold, Schmid, Dani Levy, Wolfgang Becker, Detlev Buck, Fatih Akin - eine ganze Generation von deutschen Regisseuren konnte durch die Talentförderung der öffentlich-rechtlichen Sender in den vergangenen 20 Jahren ihre Handschrift ausbilden. Die Liste der Filmemacher, die ihre ersten Filme im geschützten Rahmen des "Kleinen Fernsehspiels" oder des "Debüt im Ersten" drehten, ließe sich um Wolfgang Petersen oder Wim Wenders ergänzen und beliebig fortsetzen.

In diesem Jahr konnte sich die ARD für die Debüt-Reihe unter 15 Filmen entscheiden, Platz ist nur für 9. Das Dilemma ist hausgemacht, da der Senderverbund seit Jahren weit über Bedarf produzieren lässt. Die Entscheidung ist verständlich, kommt es doch bei risikoreichen Nachwuchsprojekten schon mal vor, dass ein Film nicht so wird, wie es sich alle im Vorfeld ausgemalt hatten. Doch auch insgesamt ist die Zahl der ARD-Kinoproduktionen so hoch, dass sie den durch den fehlenden Sendeplatz ohnehin verknappten Bedarf bei weitem übersteigt.

Außerdem scheint sich in den Köpfen von zu vielen Verantwortlichen festgesetzt zu haben, dass die selbst mitverantworteten Filme weder inhaltlich noch ästhetisch auf die vorhandenen Sendeplätze für fiktionale Programme passen.

Sicher kann ein Beziehungsdrama wie Maren Ades "Alle Anderen" nicht mit der Postkarten-Idylle der seichten Fernsehfilme des Freitagabend konkurrieren. Doch der Zuschauer ist längst nicht so anspruchslos wie viele Verfechter der Verflachung meinen, wie zuletzt der Zuspruch für Bernd Böhlichs "Du bist nicht allein" bewies.

Die verheerenden Folgen für die deutsche Filmlandschaft sind dagegen schon jetzt zu spüren: Drehs werden verschoben, seit Jahren entwickelte Bücher nicht produziert. Regisseure gehen zum Arbeitsamt, Produktionsfirmen in die Pleite.

Dann wird bald keiner mehr Erfolge feiern können wie "Das weiße Band"-Regisseur Michael Haneke, der seinen ersten Film noch mit Unterstützung des SWF drehen konnte.

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