Migrantenkomödie "Almanya" Mit dem Esel ins Wirtschaftswunderland

Opa kam mit nichts als seinem Schnauzer in die Bundesrepublik. Ein halbes Jahrhundert später weiß er nicht mehr, ob er eigentlich Türke oder Deutscher ist. "Almanya" ist ein extrem munterer Multikulti-Tragiklamauk. Da wird sogar auf der Berlinale laut gelacht.
Familie Yilmaz nach ihrer Ankunft in Deutschland: geglückte Integration?

Familie Yilmaz nach ihrer Ankunft in Deutschland: geglückte Integration?

Foto: Concorde

Alptraum Einbürgerung: Erst ballern brutal die Stempelkissen auf die Papiere, dann verabreicht der Beamte Eisbein mit Sauerkraut und schließlich fordert er dich auch noch auf, künftig alle zwei Jahre Urlaub auf Mallorca zu machen - so wie jeder anständige Deutsche. Nein, was da als innerer Film vor den Augen des deutschtürkischen Opa Hüseyin (Vedat Erincin) abläuft, ist natürlich nicht Realität auf deutschen Ämtern. Aber es beschreibt ganz gut, wo beim alten Herrn der Schuh drückt: Um sich sein letztes bisschen Türkenidentität zu retten, fährt er alle Klischees auf, die man so gegen den teutonischen Spießer anbringen kann.

Dabei hat er eigentlich gar nichts gegen das Land: Gleichsam auf dem Esel ist er Mitte der sechziger Jahre aus seiner anatolischen Heimat ins deutsche Wirtschaftswunderglück geritten. Vom Maultier ging es dann recht schnell zum Mercedes; Hüseyin erfüllt also selbst jedes Stereotyp, das man zu seiner Ethnie haben kann. Dabei war er selbst schon Jahrzehnte nicht mehr in der alten Heimat, auch vom religiösen Eifer vieler anderer Deutschtürken hält er nichts. Aber ganz plötzlich, vielleicht ist es das Alter, entwickelt er einen regelrechten Türkenstolz.

Zu allem Überfluss hat er der Familie auch noch ein Häuschen in Anatolien gekauft. So unternehmen die drei Generationen von Hüseyins Familie eine Reise in die fremde, fremde Türkei. Mit dabei: die junge Enkelin, die gerade festgestellt hat, dass sie schwanger ist; der Sohn, der die Türkei für ein Dritte-Welt-Land hält und deshalb vorsichtshalber zwei Aldi-Tüten voll Medikamente mitnimmt; die Ehefrau, die eigentlich nur in ihre Küche und zu ihren geliebten grünen Oliven vom deutschtürkischen Gemüsehändler will.

Die Religion der Deutschen? Barbarisch!

Yasemin Samdereli (Regie und Buch) und ihre Schwester Nesrin (Buch) blasen in ihrem Spielfilmdebüt "Almanya" sämtliche Klischees, die es zum Thema Deutschtürken gibt, wie Seifenblasen auf, um diese dann lustvoll platzen zu lassen. Hat sich der lustige Krach dann gelegt, kriegt der Zuschauer Einblicke in die komplexe Patchwork-Identität, die sich deutsch-türkische Sippschaften so über drei Generationen zugelegt habe. Wobei, und das ist das Interessante, die Jungen gar nicht mal unbedingt fortschrittlicher sind als die Alten. Die sprechen zwar das perfektere Deutsch, haben aber zuweilen den beschränkteren Horizont.

Wenn die jungen Schwestern Samdereli Glück haben, könnte ihr doppelbödig inszenierter und sportiv getakteter Multikulti-Tragiklamauk eine ähnliche Erfolgsgeschichte schreiben wie " Salami Aleikum" . Ali Samadi Ahadis günstig produzierter, aber virtuos mit allen Mitteln der Ethno-Comedy spielender Film entwickelte sich vor eineinhalb Jahren zur überraschenden Erfolgsgeschichte.

Dass nun "Almanya" an einem prominenten Platz im Wettbewerbsprogramm der Berlinale uraufgeführt wurde (wenn auch außer Konkurrenz), ist natürlich ein Glücksfall für die Produktion. In der Pressevorführung am Samstag jedenfalls konnte man laute Lacher vernehmen, der eine oder andere Zuschauer wischte sich gar eine Träne aus dem Augen. Das sind keine Gefühlsäußerungen, die man bei Berlinale-Profiguckern ständig beobachten kann.

Das Gute an "Almanya": Immer wenn man denkt, dass die Samdereli-Schwestern es gerade ein bisschen zu gut mit ihren Figuren meinen, setzt es eine schöne boshafte Pointe. Sehr schön auch die aberwitzige Inszenierung, die in den Rückblicken, die von der einstigen Ankunft Hüseyins und seiner Kinder im sagenhaften Almanya erzählen, zum Tragen kommt: die Perspektive kompletten kulturellen Befremdetseins.

Die Deutschen - das muss man zugeben, selbst wenn man in diesem Land sozialisiert wurde - sind schon ein wirklich bizarres Völkchen. Mal ehrlich, was müssen das für Menschen sein, die einen martialisch am Kreuz aufgeknöpften, blutenden Mann religiös verehren. Aus muslimischer Sicht muss der Katholizismus als barbarische Religion erscheinen. So gesehen liefert "Alamanya" einen wunderbaren Nachklapp zur Integrationsdebatte vom letzten Jahr.

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