Mike Leighs "All or Nothing" Monument der Menschlichkeit

Vom Rande Londons zielt Regisseur Mike Leigh mitten ins Herz zwischenmenschlicher und gesellschaftlicher Konflikte: Sein Film "All or Nothing" ist ein Meisterwerk sozialdramatischer Filmkunst.

Von Daniel Haas


"All or Nothing", Darsteller Spall: Alles Leid in einem hundehaften Gesicht
Tobis

"All or Nothing", Darsteller Spall: Alles Leid in einem hundehaften Gesicht

"Früher habe ich dich zum Lachen gebracht", erinnert sich Phil (Timothy Spall) wehmütig, doch da scheint sein Familienleben nur noch ein schlechter Scherz: Seine Frau ist abweisend und enttäuscht, sein Sohn dauerwütend und hypnotisiert vom Fernseher, den er bewacht wie ein treuer Hund; die Tochter, wortkarg und betäubt von einer Welt, die viel zu laut, zu schnell, zu aggressiv ist für einen so stillen Menschen.

"All or Nothing" ist ein virtuos choreographierter Leidens- und Schmerzens-Reigen und ein Schlaglicht auf die englische Arbeiterklasse, angesiedelt in einer jener räudigen Vorortsiedlungen des modernen Londons, die Thatchers Wirtschaftskrieg in soziales Brachland verwandelt hat. Hier leben sie, die verzweifelten, tapferen, unermüdlich schuftenden und dabei schrecklich erschöpften Underdogs, denen Leigh in seinem achten Kinofilm ein so kritisches wie überragend menschliches Leinwand-Denkmal setzt.

Phil und seine Frau Penny (Lesley Manville) stehen nicht allein im Brennpunkt dieses exzellenten Dramas. Hinzu kommen Maureen (Ruth Sheen), die allein erziehende Mutter, mit ihrer schwangeren Tochter Donna (Helen Coker), außerdem Ron und Carol (Paul Hesson und Marion Bailey), deren Ehe in Alkohol ertrinkt. Sie alle sind nicht nur meisterhafte Beispiele realistischer Porträtkunst, sondern emblematische Figuren für die von Entfremdung und Versachlichung angefressene Humanitas. Man kann sich kaum eine grausigere und zugleich ergreifendere Landschaft für das aus gesellschaftlicher Härte und privaten Mängeln geformte Leid des Menschen denken als Phils hundehaftes Gesicht.

Familientristesse im Vorort: Phil (r.) und Penny mit ihren Kindern
Tobis

Familientristesse im Vorort: Phil (r.) und Penny mit ihren Kindern

Phil ist Taxifahrer, gehemmt von einer Antriebsschwäche, deren Wurzeln vielleicht in der persönlichen Disposition, vielleicht in der sozialen Misere liegen. Der Film lässt dies ebenso offen wie die Fragen, die sich angesichts der anderen Figuren stellen. Mike Leigh sitzt über den Menschen nicht zu Gericht; er verzeichnet ihr Leid. Seismographisch genau registriert er jede Regung mit dem feinnervigen - und manchmal auch humorigen - Gespür für das Gemisch, in dem sich Privates und Soziales, Strukturelles und Individuelles zu einer Lebensform vermengen.

Wenn dieser Film eine Schwäche hat, so vielleicht nur die, seine Handlung am Ende nur um Phil und Penny zusammenzuziehen. Was als Panorama beginnt, verengt sich zu Szenen einer Ehe. Das soziale Gewebe zurrt auf den Knoten eines einzelnen Konflikts zusammen, der sich in einem überraschend hoffnungsvollen Ende lösen darf. Doch auch in diesem mikroskopischen Momenten, wenn nur die beiden Eheleute im Brennglas der Darstellung erscheinen, wird der Film kein privatistisches Kammerspiel. "All or Nothing" entlässt selbst seine Liebenden nie aus der Allmacht wirtschaftlicher Zwänge ins Asyl unbeschadeter Zweisamkeit.

Der unheilvollen Opposition von Privatem und Gesellschaftlichem, von Intimität und sozialer Struktur setzt Mike Leighs Film ein Verfahren der Darstellung entgegen, in der sich das Individuelle im Allgemeinen löst und umgekehrt. Entstanden ist - bei aller Bescheidenheit vor der Eigenheit der Figuren, bei allem Respekt vor ihrem Leid - ein Monument: der Menschlichkeit und künstlerischen Integrität.

"All or Nothing". GB 2001. Regie und Buch: Mike Leigh. Darsteller: Timothy Spall, Lesley Manville, Alison Garland, James Corden, Ruth Sheen, Helen Coker; Produktion: Cloud Nine Films, Studio Canal, Le Films Alain Sarde, Thin Man Films; Verleih: Tobis Studio Canal; Länge: 128 Min., Start: 16. Januar 2003



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