Milla Jovovich "Ich könnte ein Junge sein"

Das Supermodel Milla Jovovich wurde durch Filme von Luc Besson zum Star. Nun spielt sie in "Resident Evil" eine futuristische Action-Heldin ­ eine erstaunlich wandlungsfähige Frau.

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Jovovich in "Resident Evil": "Wie Alice im Wunderland"
REUTERS

Jovovich in "Resident Evil": "Wie Alice im Wunderland"

Es kommt der Tag, an dem nicht Gott, sondern der Mensch die Frau erschafft. Der Fantasy-Film "Das fünfte Element" (1997) lässt in einem Genlabor binnen wenigen Sekunden vor den Augen des Zuschauers einen weiblichen Körper entstehen. Dann tritt die Frau ins Leben: Mit einer Faust durchschlägt sie Panzerglas, von einem Hochhaus springt sie kopfüber in die Tiefe, und am Ende rettet sie die Welt. Mit diesem Film über die Frau der Zukunft wurde ein Star geboren: Milla Jovovich. Wie ein neugeborenes Kind die Welt betrachten ­ nur wenige Erwachsene können das überzeugender als die nunmehr 26-jährige Schauspielerin. Sogar Wim Wenders verfiel diesem staunenden Blick. In "The Million Dollar Hotel" (2000) lässt er Milla Jovovich neben dem Helden aufwachen, verweilt auf ihrem Gesicht und erkennt in ihren Augen: Ihre Erinnerung an die letzte Nacht ist noch stärker verblasst als ihre Wangen. In "Resident Evil", der Verfilmung des gleichnamigen Computerspiels, die in dieser Woche in die deutschen Kinos kommt, hat die von Jovovich verkörperte Heldin Alice ihr Gedächtnis verloren. Sie kommt zu sich und sieht sich nach allen Seiten um, in der Hoffnung, etwas wiederzuerkennen. Und auf einmal hat sie das Gefühl, in einem Alptraum erwacht zu sein.

Supermodel Jovovich: "Ich bin ein starkes Mädchen"
AP

Supermodel Jovovich: "Ich bin ein starkes Mädchen"

"Das ist wie in 'Alice im Wunderland'", beschreibt Jovovich ihre neue Rolle. "Dort macht sich die Heldin auf den Weg, um die Wahrheit über sich zu erfahren. Sollte sie herausfinden, dass sie ein schlechter Mensch ist, würde sie wohl nicht zurückkehren. Alice in 'Resident Evil' will ihr Gedächtnis zurückgewinnen und hat zugleich Angst davor zu erfahren, wer sie ist und was sie getan hat. Sie könnte eine Mörderin sein." Während die Heldin ihren inneren Konflikt austrägt, muss sie sich einen Weg durch eine unterirdische Stadt bahnen und verhindern, dass ein gentechnisch erzeugtes Virus die Weltbevölkerung dahinrafft. "In Filmen wie diesen lauten die Dialogsätze der Frauen meist 'O Gott!', 'Pass auf!' und 'Vorsicht, da kommt er!'", sagt Jovovich. "Alice dagegen übernimmt im Lauf des Films mehr und mehr die Kontrolle. Sie ist eine Frau, die zu sich selbst findet. Und nachdem sie das geschafft hat, sollte man besser in Deckung gehen." Wenn man sie so sitzen sieht, auf dem Sofa, hoch gewachsen, mit den Schultern einer Schwimmerin, den Rauch ihrer Zigarette inhalierend wie ein Lebenselixier, hat man das Gefühl: Milla Jovovich weiß, wovon sie redet. In jeder ihrer weit ausholenden Gesten ist nicht nur überschäumendes Temperament zu spüren, sondern auch unbedingter Durchsetzungswille. Vielleicht ist dies die aus der Not geborene Kraft der Immigrantin ­ als Kind ist sie mit ihren Eltern aus der Ukraine in die USA übergesiedelt.
Der Regisseur und sein Protegé: Jovovich mit Ex-Ehemann Luc Besson
REUTERS

Der Regisseur und sein Protegé: Jovovich mit Ex-Ehemann Luc Besson

"Ich bin wie geschaffen für Rollen, die mich physisch fordern. Ich gehöre nicht zu den feingliedrigen, scheuen, rehäugigen Frauen, sondern habe ein breites Kreuz und kräftige Knochen. Ich bin ein starkes Mädchen ­ ziemlich deutsch, wenn man so will." Selbst Eloise, ihre Figur in "The Million Dollar Hotel", die oft somnambul und fast schwerelos wirkt, geht barfuß durch Los Angeles: ein Engel, der den harten Boden der Tatsachen spüren will. Jovovichs Karriere begann im Alter von neun Jahren. Damals stand sie erstmals als Model vor der Kamera. Zwei Jahre später machte der Starfotograf Richard Avedon Aufnahmen von ihr, danach gab sie Werbekampagnen der Modemarken Guess und später Calvin Klein ein Gesicht ­ und war bereits mit 17 Millionärin. "Ich kann immer noch nicht fassen, dass man für Nichtstun so viel Geld bekommt", sagt sie heute. Ihr erster großer Kinofilm, "Rückkehr zur blauen Lagune" (1991), ging unter. Im Jahr darauf hatte sie in "Chaplin" als erste Ehefrau des Titelhelden einen glanzvollen Leinwandauftritt ­ doch auch dieser Film war ein Flop. Die Begegnung mit dem französischen Regisseur Luc Besson gab ihrer Karriere die entscheidende Wende: Er ließ sie in "Das fünfte Element" das Leben an sich verkörpern, heiratete sie (die Ehe währte nur anderthalb Jahre) und gab ihr die Hauptrolle in "Johanna von Orléans" (1999).
Jovovich als Johanna von Orleans: Faszinierendes Zwitterwesen
AP

Jovovich als Johanna von Orleans: Faszinierendes Zwitterwesen

"Jemanden zu treffen, der so in seiner Arbeit aufgeht, war ein Schlüsselerlebnis. Man kann Luc und seine Filme nicht trennen. Ich wollte von ihm genau wissen, wer Leeloo, meine Figur in "Das fünfte Element", wirklich ist. Und ich stellte fest: Leeloo ist Luc. Sie ist ein Teil von ihm. Um sie kennen zu lernen, musste ich ihn nur gut beobachten." Zu Beginn des Films wirkt Leeloo wie ein fremdartiges Tier im Käfig. Dann entkommt sie, wird verfolgt und hält auf einmal inne. Ihre Bewegungen werden für kurze Momente mechanisch und lassen sie fast wie einen Roboter wirken. Dann springt sie in die Tiefe, landet im Taxi von Bruce Willis, und als er sie "Are you okay?" fragt, lächelt sie ihn plötzlich an wie ein kleines Kind. Jovovich meistert in diesem Film eine unaufhörliche Metamorphose mit virtuoser Leichtigkeit. Auch ihre Jeanne d'Arc ist ein faszinierendes Zwitterwesen. In einer Rüstung, die ihr etwas zu groß zu sein scheint, stellt sie sich Aufgaben, die gar nicht groß genug sein können. Sie schneidet sich die langen, blonden Haare ab, weil sie nicht wie ein Mädchen wirken möchte. Fortan betont auch die Lichtgebung die maskulinen Züge von Jovovichs Gesicht von Szene zu Szene immer mehr. So erzählt der Film von einem Rückzugsgefecht der Weiblichkeit.
Actionheldin Jovovich: "Ich bin nicht Pamela Anderson"
CONSTANTIN

Actionheldin Jovovich: "Ich bin nicht Pamela Anderson"

"Ich könnte im Film auch ein 15-jähriger Junge sein", sagt sie. "Ich habe keine großen Brüste, bin nicht Pamela Anderson. Um die Zuschauer zu überzeugen, dass ich nicht nur schön aussehe, sondern auch spielen kann, musste ich sie total überraschen. Also habe ich mir Rollen ausgesucht, in denen sie mich nicht erwarteten. Sie kannten mich aus Hochglanzmagazinen ­ und sahen mich auf der Leinwand plötzlich in irgendeinem Dreckloch." Als gefallenen Engel, der auf dem Straßenstrich hart gelandet ist, besetzte Spike Lee sie in "Spiel des Lebens" (1998). Mit ihrem Zuhälter wankt Dakota, wie ihre Figur im Film heißt, den Gang eines Stundenhotels entlang. Dann kommt unvermittelt eine Großaufnahme von ihr, ein helles Licht fällt von oben auf ihre platinblonde Perücke und lässt diese strahlen wie den Heiligenschein einer Hure. Aus Jovovichs Gesicht, das in dieser Einstellung halb im Schatten liegt, stechen ihre grau-grünen Augen hervor, die jeden schwindeln machen können, der zu lange in sie hineinschaut ­ sie verfügen über eine fast hypnotische Transparenz. Wie die Fotografen, die Milla Jovovich zum Starmodel machten, können auch die Kameraleute manchmal nicht widerstehen, sich in dieser suggestiven Schönheit des Blicks zu verlieren. Und dann sitzt sie plötzlich mit zerschundenem Gesicht vor einem Spiegel ­ ohne jeden Anflug von Wehleidigkeit prüft sie ihr Aussehen. Der Filmzuhälter hat sie gerade verprügelt. In dem Goldgräber-Drama "The Claim" (2000) spielt sie die wohl jüngste Puffmutter der Filmgeschichte. Mit dem reichsten Mann des Dorfes liiert, verfolgt sie über einen Spiegel, wie er die Schnüre ihres Korsetts aufknüpft. Und der Zuschauer erkennt eine Frau, die sich trotz ihrer Jugendlichkeit nichts mehr vormacht. "Nachdem ich bewiesen habe, dass ich nicht toll aussehen muss, um auf der Leinwand zu überzeugen, brauche ich meine Schönheit auch nicht mehr länger zu verbergen. Nun kann ich endlich Frauen wie Alice in 'Resident Evil' spielen, die sehr sexy und verführerisch wirken. In 'No Good Deed', meinem neuesten Film, spiele ich sogar eine Femme fatale, die allen Männern den Kopf verdreht." Na ja ­ das hat sie schon ziemlich oft getan.



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